Reaktion auf Studie: Wie Biokäufer dem Klima schaden

Reaktion auf Studie: Wie Biokäufer dem Klima schaden

von Benjamin Reuter

Wie sehr schaden Biomarkt-Kunden dem Klima wirklich? Das fragten uns Dutzende Leserinnen und Leser nach einem Artikel. Hier die wichtigsten Antworten.

Anfang der Woche berichteten wir bei WiWo Green über eine Studie der Universität Gießen. Die Autoren der Studie sind Elmar Schlich, Professor für Prozesstechnik in Lebensmittel und Dienstleistungsbetrieben, und sein Doktorand Manuel Mohr.

Die zentrale Aussage der Studie hatte unser Autor unter anderem so zusammengefasst: "Wer im Bioladen, Biosupermärkten oder gleich im Hofladen eines Bauern einkauft schädigt die Umwelt weitaus stärker als Kunden eines herkömmlichen Supermarktes. Die vermeintlich Umweltbewussten emittieren im Durchschnitt pro Kilogramm eingekaufter Ware achtmal so viel Kohlendioxid wie die, die sich im Supermarkt bedienen."

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Konkret: Im Durchschnitt waren es bei den 400 befragten Supermarktkunden 124 Gramm CO2 pro Kilogramm eingekaufter Ware, bei 275 Bioladenbesuchern rund 1000 Gramm.

Nach der Veröffentlichung bekamen wir Dutzende Emails von Leserinnen und Lesern mit Fragen zur Studie. Wir haben nun die Rohdaten der Untersuchung erhalten und können die wichtigsten Fragen beantworten.

1. Wie viele Kunden wurden wo befragt?



Die Stichprobe der Untersuchung umfasst insgesamt 275 Befragte an zwei Bio- bzw. Naturkostmärkten in einer größeren Stadt in Mittelhessen. Zum Vergleich wird eine Studie aus dem Jahr 2011 herangezogen, für die rund 400 Käufer in konventionellen Supermärkten (keine Discounter) derselben Stadt befragt wurden.

Welche Supermärkte es genau waren, wird in der Studie aus Datenschutzgründen nicht erwähnt. Aber: Laut Schlich sind Biomärkte und herkömmliche Supermärkte in der Lage vergleichbar. Einer der Biomärkte und einer der Supermärkte liegen dabei so zentral in der Stadt, das sie sowohl zu Fuß, als auch mit Fahrrad oder Bus gut zu erreichen sind. Der zweite Biomarkt (in der Grafik unten Markt B) liegt dagegen ungünstiger für Fußgänger und Radler in der Peripherie. Ebenso wie einer der Supermärkte.

2. Welche Verkehrsmittel nutzen die Kunden?Die folgende Grafik zeigt die Verkehrsmittel, die Kunden zum Einkauf nutzten. Biomarktkunden sind demnach nicht unbedingt umweltfreundlicher unterwegs. Ganz im Gegenteil:

 

3. Spielen die gekauften Mengen im Markt eine Rolle?Ja, das tun sie. Denn je weniger jemand im Supermarkt kauft, je höher liegen seine Emissionen pro Kilogramm gekaufter Ware. In normalen Supermärkten wiegt ein durchschnittlicher Einkauf laut Umfrage 7.4 Kilogramm, im Biosupermarkt dagegen nur 5 Kilogramm.

4. Wie weit fahren die Kunden in die Biomärkte?Im Durchschnitt sind Biomarktkunden in die zwei Märkte zum Einkauf 11,6 Kilometer unterwegs, Kunden in den herkömmlichen Supermärkten nur knapp 9 Kilometer. Dabei schneidet Biomarkt B mit einer hohen Autoquote besonders schlecht ab.

5. Aber kaufen Biomarktkunden nicht insgesamt umweltbewusster?Dieser Frage hat sich die Studie nicht gewidmet, sondern sie hat sich nur den sogenannten "Consumer Carbon Footprint" angesehen. Diesen mit dem "Product Carbon Footprint" zusammenzuführen, war nicht Ziel der Studie. Außerdem hätte es wohl die Datenlage nicht erlaubt, da nur für die wenigsten Produkte verlässliche CO2-Footprints existieren.

6. Ist die Stichprobe nicht zu klein für generelle Aussagen?Einer der Schlüsse der Studie ist: "Zur Absicherung und Verallgemeinerung der Befunde sind unbedingt weitere Erhebungen notwendig." Sprich: Für generelle Aussagen über den CO2-Fußabdruck von Biomarktkunden insgesamt ist es zu früh. Elmar Schlich sagt aber auch: Die Befragung lege die Vermutung nahe, dass es in anderen Städten Deutschlands ähnlich aussehe. Denn auch dort gebe es immer noch wenige Biosupermärkte, also fielen die Anfahrtswege länger aus. Eine Lösung: Mehr Supermärkte, die Bio verkaufen.

In Großstädten wie Berlin würden die Befunde dagegen höchstwahrscheinlich anders ausfallen, sagt Schlich. Wobei auch in Berlin für Einkäufe in herkömmlichen Supermärkten die Fahrrad- oder ÖPNV-Quote höher läge.

Gleichwohl gilt als eine Art Fazit der Studie: "Alle Endverbraucher und natürlich auch die Bio-Kunden sollten in unserer automobilen Gesellschaft ein größeres Bewusstsein dafür entwickeln, dass die Veränderung des eigenen Handelns viel mehr bewirken könnte als der Ruf nach möglichst geringen Treibhausgasemissionen in der Primärproduktion, in der Lebensmittelwirtschaft und im Transportwesen."

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