Recycling für den Frieden: Angola schmilzt alte Panzer zu Stahl ein

Recycling für den Frieden: Angola schmilzt alte Panzer zu Stahl ein

von Jonas Gerding

Mit Panzer- und Schrottresten des Bürgerkriegs will Angola eine eigene Stahlindustrie aufbauen.

Keine 15 Jahre liegt der Bürgerkrieg in Angola zurück. Damals kämpften Rebellen, bewaffnet mit Maschinengewehren, gegen die staatliche Armee. Die Regierungstruppen rückten mit Panzern gegen sie aus.

Heute herrscht Frieden in dem zentralafrikanischen Land. Doch noch immer zeugen Einschusslöcher und Graffiti der Konfliktparteien von jenen blutigen Zeiten. Kriegsgerät wurde vielerorts zurückgelassen. Zerstörte Panzer säumen die Straßen und gefährliche Tellerminen schlummern unter der Erde.

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Ein angolanisches Unternehmen wagt nun einen Schritt mit großer Symbolkraft: Es schmilzt die nutzlosen Schrottreste ein und fertigt daraus Industriestahl. In dem kriegsgeplagten Land ist diese Form des Recyclings ein beachtliches Statement - für den politischen Frieden, den wirtschaftlichen Aufbruch und das ökologische Umdenken.

Wiederverwertete WaffenADA Steel hat die Öfen im September 2015 in Betrieb genommen. Jährlich stellen sie 500.000 Tonnen Stahl in der Provinz Bengo her, etwa 40 Kilometer außerhalb der Hauptstadt Luanda. Fast 300 Millionen Euro hat das Unternehmen in der Gegend investiert, die von Armut, Landwirtschaft und Fischerei geprägt ist.

Nun karren Lastwagen zerfleddertes und verrostetes Kriegsgerät, Eisenbahnteile und andere Schrottreste heran. In ganz Angola hat sich genug angehäuft, um die Stahlproduktion für drei Jahre zu decken. So kalkulieren zumindest die Manager von ADA Steel, die Stahlblöcke, Walzdraht und Drahtgeflechte produzieren lassen, die dann wiederum in Betonkonstruktionen eingelassen werden können.

Die verschrotteten Waffen stammen aus einem der längsten Bürgerkriege Afrikas. Wenn auch mit einigen Unterbrechungen dauerte er von 1975 bis 2002. Mit Beginn der Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Portugal kämpften Rebellen um die Macht - zumindest vordergründig: Im Hintergrund zogen der Ostblock und die Westmächte die Strippen und trugen einen Stellvertreterkrieg aus.

Eine halbe Millionen KriegstoteErst im Jahr 2002, Jahre nach dem Ende des kalten Krieges und immer wieder gebrochenen Friedensgesprächen, einigten sich die Konfliktparteien auf einen endgültigen Waffenstillstand. Etwa eine halbe Millionen Menschen kamen während des Kriegs ums Leben. 2,5 Millionen wurden vertrieben und Hunderttausende müssen heute mit Amputationen leben, die eine Folge der großflächigen Verminung sind.

Die Wirtschaft, die einst am Boden lag, hat sich erholt. Die Regierung rechtfertigt den autoritären Führungsstil mit imposanten Wachstumszahlen. Zwischen 2001 und 2010 erhöhte sich das Bruttoinlandsprodukt jährlich um mehr als zehn Prozent. In der Hauptstadt sprießen Bürotürme und Luxusvillen aus dem Boden. Bauwerke, die auf enorme Mengen Stahl angewiesen sind.

Das Geld kommt jedoch aus dem Geschäft mit Erdöl, das fast 95 Prozent der Exporterlöse deckt. Die derzeit niedrigen Ölpreise haben die Wirtschaft daher hart stark getroffen - und das Wirtschaftswachstum des vergangenen Jahres auf unter vier Prozent fallen lassen.

Kleines aber richtiges Signal"Die Fabrik kommt genau zur richtigen Zeit", sagt daher Georges Choucair, der Geschäftsführer von K2L Capital, dem Eigentümer von ADA Steel. "Wir müssen Ressourcen nutzen, Produkte mit Wertschöpfung herstellen und in der Lage sein zu exportieren", zitiert das African Business Magazine ihn. Auf kurze Sicht sei es bereits ein Erfolg, das Land von den teuren Stahlimporten zu befreien.

"Das Projekt von ADA Steel wird einen erheblichen sozioökonomischen Einfluss auf das Land haben, zur Produktion und der Diversifizierung der Wirtschaft beitragen und dem Land die Selbstversorgung mit Betonstahl ermöglichen", verkündet das Unternehmen in einem Marketing-Video. 600 Jobs würden sie vor Ort schaffen.

Doch selbst wenn 2000 weitere Arbeitsplätze im Umfeld der Fabrik entstehen würden, wie von ADA Steel behauptet, ist der Beitrag gering angesichts der Gesamtbevölkerung Angolas von 22 Millionen Einwohnern. Das richtige Signal geht von dem angolanischen Waffenrecycling dennoch aus - auch, weil das Unternehmen mit Nachhaltigkeitszertifikaten in den Bereichen Umwelt und Arbeitssicherheit wirbt.

Werte, an die sich ADA Steel hoffentlich auch in zweieinhalb Jahren noch erinnern wird. Denn dann gehen die Schrottreserven aus - und es müssen sich Bergleute mit schwerem Gerät in Erzgruben zu schaffen machen.

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