Recycling: Plastikflaschen aus Meeresmüll

Recycling: Plastikflaschen aus Meeresmüll

von Peter Vollmer

Ein belgisches Unternehmen stellt Flaschen aus Plastikmüll her. Doch das Recycling ist gar nicht so einfach.

Jeden Monat schwimmt ein grünes Boot durch die Amsterdamer Grachten. An Bord sind rund ein halbes Dutzend Menschen, die das Boot gemietet haben, um Müll zu fischen. Oft sind es Abteilungen großer Unternehmen, die beim Teambuilding auch die ökologische Werbewirkung im Blick haben.

Bewaffnet mit Teleskopstäben, an deren Ende Netze hängen, fischen sie alles aus den Grachten, was der Wind aus Amsterdams Straßen hinein weht: Vor allem Dosen, Flaschen, Tüten aber auch Absperrbänder.

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Das Boot kommt aus der Flotte von "Plastic Whale", einer niederländischen Organisation, die in Amsterdam auf Plastik-Jagd geht. Aber auf den grünen Bootswänden steht groß der Schriftzug des Reinigungsmittel-Herstellers Ecover, der das Boot sponsert und außerdem dankbarer Abnehmer des eingesammelten Mülls ist. Die Belgier stellen damit nämlich Flaschen für die eigenen Spülmittel her.

Kunststoffrecycling ist ein schwieriges Feld. Nicht jeder Kunststoff ist dazu geeignet, ein zweites Mal benutzt zu werden. Und die Sortierung muss sehr penibel sein, denn ein kleiner Anteil des falschen Kunststoffes kann das recycelte Material unbrauchbar machen. Feste PET-Flaschen sind beispielsweise hervorragend wiederverwertbar.

Mittlerweile gibt es solche Flaschen aus pflanzlichen Rohstoffen, also ohne Erdöl. Aber auch diese lösen sich nicht auf, wenn sie einmal ins Meer kommen. Dort schwimmen bereits Millionen Tonnen Plastik-Kleinstteile. Deshalb müsse man das Plastik aus dem Meer fischen, bevor es das Meer erreicht, erklärt Tom Domen.

Domen ist bei Ecover für Innovationen zuständig. Er ist begeisterter Verfechter der neuen Plastikflasche aus altem Plastikmüll - nicht zuletzt, weil sein Unternehmen damit eine Jahre alte Ankündigung einhält. (Wir berichteten.)

Plastikflaschen aus dem Müll nicht immer hochwertigInnovativ zu sein bedeutet für Domen häufig, Probleme zu lösen: "Ein großer Teil des Plastiks, das wir finden, ist nicht recycelbar", sagt er. Manches eingefärbte Plastik oder Materialien, die aus verschiedenen Schichten bestehen, seien schwierig, sagt Domen.

Durch die unterschiedlichen Plastikteile, die eingesetzt werden, sind normale Ecover-Flaschen farblich eher unspektakulär, grau oder trüb. Allerdings gibt es nun eine Sonderedition: "Da Plastic Whale in Amsterdam so viele transparente Plastikflaschen gefunden hat, konnten wir ebenfalls transparente Recycling-Flaschen herstellen, erklärt Monique Klebsattel von Ecover.

Die Sonderedition besteht aus 70.000 Exemplaren, die wiederum zu zehn Prozent aus Amsterdamer Müll bestehen, den Plastic Whale eingesammelt hat. 90 Prozent sind sortierter Haushaltsmüll. "Das ist wichtig", sagt Domen, "um die Stabilität beizubehalten." In den Grachten ist das Plastik Wasser, Luft und Sonne ausgesetzt und verliert an Stabilität.

Nachfüllsystem soll noch mehr Kunststoff sparenUrsprünglich war die Flasche trotzdem nicht stabil genug. Man schaute sich einen Trick aus der Tierwelt ab und kopierte die Struktur von Algen, die wie eingedrückt wirken. Nun könnte man die Flasche auch ohne Recycling mehrfach nutzen, weshalb Ecover den Inhalt künftig per Refill-System verteilen will. Heißt: Im Bio- oder Drogeriemarkt steht ein Karton oder ein Fass mit Spülmittel, man bringt die alte Flasche mit und füllt sie neu ab. In Hamburg wird das Konzept derzeit getestet.

Von kompostierbarem Plastik hält Domen überraschenderweise wenig: "Wir forschen daran, aber es braucht bislang eine bestimmte Temperatur und Feuchtigkeit, um zu kompostieren, die wir hier gar nicht haben. Und wenn das kompostierbare Plastik mit recycelt wird, ist das entstandene neue Plastik unbrauchbar. Er tritt eher für – am besten Europaweite – Plastik-Standards ein, die das Recycling vereinfachen könnten. Und zwar bevor es ins Meer kommt.

Ob die paar aus Amsterdam gefischten Tonnen einen Unterschied machen? Wohl nur einen sehr kleinen. In einigen Jahren dürften 250 Millionen Kubiktonnen Plastik im Meer schwimmen. Aber auch wenn ein Unternehmen klein ist, müsse es Verantwortung übernehmen, sagt Domen kämpferisch. Es sei eine unternehmerische Selbstverständlichkeit, auch die Zukunft im Blick zu haben: "Kurzfristigen Profit suchen in der freien Natur nur Parasiten."

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