Rekordtemperaturen: Gibt es in der Nordsee bald mehr Quallen als Fische?

Rekordtemperaturen: Gibt es in der Nordsee bald mehr Quallen als Fische?

von Wolfgang Kempkens

Nie war die Nordsee wärmer als in diesem Jahr. Die Folge: Fische, die Kälte lieben, verschwinden. Dafür kommen Quallen.

Alle Fische haben die Nordsee verlassen. Sie sind vor einer Invasion von Quallen geflohen, die früher nur in warmen Gewässern überleben konnten. Jetzt bietet ihnen die Nordsee genau diese Bedingungen. Denn sie hat sich in Folge des Klimawandels massiv erwärmt.

So ein Szenario könnte in einigen Jahren Realität sein, befürchtet Professor Karen Wiltshire, Vize-Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven und zuständig für die Meeres- und Küstenforschung. Tatsächlich wird die Nordsee immer wärmer.

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11,8 Grad im NovemberLaut dem Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) in Hamburg hatte das Oberflächenwasser im November eine Temperatur von 11,8 Grad Celsius. Das ist der höchste Wert seit Beginn der Messungen im Jahr 1969. Normal sei im November eine Temperatur von 9,7 Grad. Zudem lag die Temperatur um 2,1 Grad über dem langjährigen Durchschnitt. Im britischen Kanal und an den Küsten von den Niederlanden bis hin zum Skagerrak war es noch schlimmer. Hier lagen die Temperaturen sogar um drei Grad über dem Mittelwert.

Die BSH-Statistiker gehen daher von einer Rekordtemperatur für das gesamte Jahr 2014 aus. Der wurde bislang für das Jahr 2003 mit elf Grad ermittelt. Damit die Mitteltemperatur für 2014 hinter diesem Wert zurückbliebe, müsste sich die Nordsee im Dezember um fast acht Grad abkühlen, was wenig wahrscheinlich ist.

„Seit 1962 haben wir vor Helgoland einen Temperaturanstieg von 1,5 Grad – eine ganze Menge also“, so Wiltshire. „Das äußert sich auch darin, dass wir seit den Jahren 1962 und 1963 vor Helgoland keinen richtigen Eiswinter mehr hatten.“ Die Folge: Bereits jetzt sind 40 Tierarten aus wärmeren Meeresregionen eingewandert.

Die pazifische Auster lebt jetzt auch vor SyltUmgekehrt haben Fische, die Kälte lieben, die Nordsee verlassen oder sich in ihre nördlichen Regionen zurückgezogen. Der Dorsch etwa sei ab-, die Streifenbarbe zugewandert, so Wiltshire. „Zwar ist die Streifenbarbe ein durchaus wohlschmeckender Fisch. Aber den Dorsch, unseren klassischen Speisefisch, kann sie nicht ersetzen, sie bringt schlicht weniger Erträge.“

Eine weitere Folge der Erwärmung: Das Plankton blüht früher, was den Meeresbewohnern Sauerstoff vorenthält.

Zu den Einwanderern gehören auch mehrere Schneckenarten, Quallen und Großalgen. Außerdem hat sich vor Sylt die pazifische Auster angesiedelt, die betonharte Riffe bildet.

Die Meeresforscher des Alfred-Wegener-Instituts wollen in den nächsten Jahren klären, ob das Horrorszenario der Quallen-Übermacht in der Nordsee tatsächlich eintreten kann und welche Folgen es hat. Außer den Fischer könnte eine Glibberinvasion auch der Tourismusindustrie nachhaltig schaden.

Die einen fangen keine Speisefische mehr, die anderen kommen mit der Reinigung der Strände und des küstennahen Meeres nicht mehr nach, sodass die Urlauber wegbleiben. Sie wollen sich Wasser und Strand kaum mit unzähligen Quallen teilen.

Dass es so kommt, hält Wiltshire keineswegs für ausgeschlossen. Im Kaspischen Meer etwa habe die Rippenqualle die Fischerei komplett zum Erliegen gebracht. Seit einigen Jahren ist sie auch in der Nordsee heimisch. „Aber bislang sieht es nicht so aus, also würde sie eine große Bedrohung darstellen“, so die Forscherin. Bleibt zu hoffen, dass sich die Verhältnisse im Kaspischen Meer nicht auch bald auf die Nordsee übertragen.

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Weitere Informationen zu Nordsee und Klimawandel finden Sie hier. 

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