Schleppnetz-Fischerei: Schützt endlich die Tiefsee!

Schleppnetz-Fischerei: Schützt endlich die Tiefsee!

Die Tiefsee ist ein Vermächtnis, reicher als der Urwald - doch momentan setzen wir alles daran, es zu zerstören. Schluss damit, fordert unsere Gastautorin.

Von unserer Gastautorin Uta Bellion. Sie leitet das europäische Meeresprogramm für die Nicht-Regierungsorganisation The Pew Charitable Trusts.

Es ist kaum vorstellbar, dass die europäischen Bürger zulassen würden, für die Jagd auf ein paar Rehe oder Wildschweine ganze Wälder abzuholzen und hunderte Tierarten auszurotten. Noch unwahrscheinlicher ist, dass die Menschen ein solches Szenario hinnehmen würden, wenn diese Wälder tausende von Jahren zum wachsen gebraucht hätten und Lebensraum für eine Artenvielfalt böten, die sonst nirgendwo auf der Welt zu finden ist.

Anzeige

Doch etwas Vergleichbares geschieht zurzeit in der Tiefsee, einem der größten und biologisch vielfältigsten Ökosysteme unseres Planeten. Auf der Jagd nach einer Handvoll von Fischarten verwüsten Tiefseefischereiflotten durch den Einsatz von Grundschleppnetzen Biotope, die sich womöglich nie mehr von diesem zerstörerischen Eingriff erholen werden.

Das Europäische Parlament berät zurzeit über einen Vorschlag der Europäischen Kommission, die Tiefsee-Grundschleppnetzfischerei durch europäische Fangflotten in EU-Gewässern und der Hochsee des Nordostatlantiks einzustellen, um diese letzte noch verbleibende Tiefseegrenze zu schützen. Jede Stimme der EU-Parlamentarier für den Gesetzesvorschlag ist eine Stimme für ein Vermächtnis eines zukunftsgewandten Umweltschutzes und dient zugleich der Förderung nachhaltiger Fischerei und der Schaffung sicherer Arbeitsplätze.

Riesige Netze vernichten das Leben am MeeresbodenBei der Grundschleppnetzfischerei werden an Stahlplatten und Kabeln befestigte, riesige und schwere Netze über den Tiefseeboden gezogen, die alles vernichten, was in ihrem Weg liegt – darunter Korallen und Schwämme, die dort seit Tausenden von Jahren gedeihen. Fotos und Videos von Gebieten, die Grundschleppnetzen ausgesetzt waren, zeigen kahle Ödnis, übersäht mit abgebrochenen Korallen. Dagegen sind auf Bildern der unberührten Tiefsee Riffe und Seeberge zu sehen, dicht bevölkert mit Schwärmen bizarr anmutender Fische und Krustentiere, und gewaltige fächer-ähnliche Korallenformationen, sogenannte Seefedern, die sich in der Strömung wiegen.

Die in der Tiefe lebenden Fische, Korallen, Schwämme und sonstigen Lebensformen sind besonders bedroht von den Auswirkungen durch die Grundschleppnetze. In extrem kaltem Wasser, in einem Bereich ohne jegliche Sonneneinstrahlung, reifen die meisten Lebewesen der Tiefsee nur langsam heran und pflanzen sich im Verlauf ihres langen Lebens erst spät fort. So wird beispielsweise der Granatbarsch bis zu 150 Jahre alt und beginnt erst im Alter von 25 bis 30 Jahren, sich fortzupflanzen. Der Rundnasen-Grenadier wächst ähnlich langsam und kann bis zu 80 Jahre alt werden.

Eine 2007 veröffentliche Studie der Europäischen Kommission zu den Tiefseefischereien der EU kam zu dem Ergebnis, dass „zahlreiche Bestände in der Tiefsee eine so geringe Fortpflanzungsrate aufweisen, dass ein nachhaltiges Niveau der Befischung vermutlich zu niedrig liegt, als dass eine wirtschaftlich tragfähige Fischerei noch möglich wäre.“ Auch der Internationale Rat für Meeresforschung ICES als wichtigstes wissenschaftliches Gremium zur Überwachung der Tiefseefischerei hat bereits mehrfach seine Besorgnis darüber ausgedrückt, dass es an den nötigen wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Regulierung der Fischerei auf langlebige Arten von Tiefseefisch mangelt. Gleichzeitig hat der ICES festgestellt, dass sich die Bestände fast aller Arten von Tiefseefisch „außerhalb sicherer biologischer Grenzen“ befinden. Als Folge der Grundfischerei sind mehrere Arten von Tiefseehaien gefährdet oder bereits vom Aussterben bedroht und könnten ausgerottet werden, bevor wir ihre Bedeutung für die marine Nahrungskette und die Natur als Ganzes überhaupt verstanden haben.

Großer Schaden, kleiner ErlösTrotzdem wird weiter gefischt und der wirtschaftliche Erlös ist verschwindend gering: Die Fangerträge der EU aus der Fischerei auf Tiefseefisch bilden lediglich ein Prozent des Gesamtwerts des Fischs, den die EU-Fangflotten im Nordostatlantik anlanden; der Anteil der Tiefsee-Grundschleppnetzfischerei ist noch geringer.

Der ICES, das Umweltprogramm der Vereinten Nationen und andere sehen in der Grundschleppnetzfischerei die größte Gefahr für die Korallen- und Schwammökosysteme der Tiefsee.

Die verheerenden Folgen der Grundschleppnetzfischerei in der Tiefsee zwingen zum Handeln. Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hat seit 2004 eine Reihe von Resolutionen verabschiedet, die die Staaten dazu verpflichten, unverzüglich Maßnahmen zum Schutz der empfindlichen Meeresökosysteme der Tiefsee vor den zerstörerischen Auswirkungen durch die Grundschleppnetzfischerei und anderen potenziell schädlichen Formen der Tiefseefischerei zu ergreifen.

Hinzu kommt, dass die Grundschleppnetzfischer bei der Jagd auf eine Handvoll „gezielt“ befischter Tiefseearten, wie Rundnasen-Grenadier, Blauleng und Schwarzer Degenfisch, 100 und mehr Arten kommerziell unbrauchbaren Fisch fangen, der zum Großteil tot oder sterbend zurück ins Meer geworfen wird. Dieser sogenannte „Beifang“ kann bis zu 50 Prozent der Gesamtfangmenge ausmachen.

Trotzdem kein VerbotBeim Schutz dieser Biotope geht es um weitaus mehr als die Rettung von Flora und Fauna. Wissenschaftler weisen darauf hin, dass die Tiefseeökosysteme möglicherweise unschätzbare Vorräte genetischen Materials und organischer Verbindungen enthalten, die bahnbrechende Neuerungen in der Humanmedizin ermöglichen könnten, so etwa neue Medikamente zur Behandlung von Diabetes, Arthritis und sogar Krebs.

Der Vorschlag der Kommission sieht kein Verbot der Fischerei auf Tiefseearten vor. Vielmehr soll auf seiner Grundlage sichergestellt werden, dass nur unbedenkliche und nachhaltig umweltschonende Fanggeräte zum Einsatz kommen und sowohl Fänge als auch Beifänge besser geregelt werden. Dies ist ein mutiger Schritt in die richtige Richtung, und die Tiefseearten und ‑ökosysteme benötigen weitere Maßnahmen zu ihrem Schutz.

Das Europäische Parlament kann hier für eine spürbare Veränderung sorgen, indem es Auflagen für ökologische Verträglichkeitsprüfungen für alle Tiefseefischereien, die Festlegung strengerer Grenzwerte für den Fang von Tiefseearten und Maßnahmen zur Unterbindung von Beifängen besonders gefährdeter Arten unterstützt. Um jedoch wirklich umfassenden Schutz für die Ökosysteme und Biodiversität der Tiefsee zu sichern, müssen sich das Parlament und der EU-Rat  darauf verständigen, die zerstörerischsten Fischfangmethoden, einschließlich der Grundschleppnetzfischerei in der Tiefsee, schrittweise einzustellen.

Auf dieser Grundlage könnten deutlich nachhaltigere Fischereien entstehen – zum Wohle der Fischer, der Verbraucher und künftiger Generationen. Europa hat die einmalige Gelegenheit weltweit führend zu werden im innovativen und verantwortungsvollen Management eines der größten und vielfältigsten Ökosysteme der Erde. Das ist ein Vermächtnis, mit dem wir alle leben können.

Die Abstimmung im Europäischen Parlament ist für Dezember anberaumt. Um als Gesetz verabschiedet zu werden, muss der Entwurf auch von den EU-Fischereiministern angenommen werden, die unverzüglich  beginnen sollten, diesen Gesetzesvorschlag offiziell in Betracht zu ziehen. Deutschland hat die Chance, eine führende Rolle zu übernehmen und sich für diese entscheidenden Maßnahmen im EU-Ministerrat einzusetzen.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%