Schweinezucht in Ostdeutschland: In diesem Hochhaus müssen Tiere leben

Schweinezucht in Ostdeutschland: In diesem Hochhaus müssen Tiere leben

von Peter Vollmer

Ein Zuchtbetrieb bei Halle nutzt ein Hochhaus zur Haltung von 500 Schweinen. Tierschützer sprechen von einem Skandal.

Das Haus sieht so trist aus, dass es perfekt in einen postapokalyptischen Film passen würde. Sechs Etagen, kleine Fenster, grauer Beton: Das sogenannte Schweinehochhaus in Maasdorf bei Halle ist schon von außen nicht schön, drinnen aber haben Tierschützer im wahrsten Wortsinne unappetitliche Aufnahmen gemacht.

500 sogenannte Hybrid-Sauen, also durch Züchtung optimierte Schweine, leben auf den sechs Etagen. Geworfene Ferkel fahren per Aufzug durch das Haus, werden später an Züchter und Mäster weiterverkauft. Betreiber ist die HET GmbH für das Zuchtunternehmen JSR Hybrid Deutschland GmbH (der Slogan: „Making pork more profitable“, "Schwein profitabler machen").

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Nun hat die Tierschutzorganisation „Deutsches Tierschutzbüro“ nachts in dem Haus gefilmt. Die Bilder zeigen tote Ferkel in den Mülleimern davor, Platzmangel im Haus selbst. Die Tiere sind zusammengepfercht, teils verletzt, umdrehen können sie sich in ihren Verschlägen ohnehin nicht. Allerdings: Verboten ist diese Art der Haltung nicht. „Wir konnten keine Verstöße gegen das Gesetz feststellen“, sagt Jan Peifer vom Tierschutzbüro.

Es gibt bei der Schweinehaltung Mindestvorgaben, die Peifer allerdings nicht akzeptieren könne und wolle: „Wir haben bei der Massentierhaltung zu wenige Gesetze. Und die sind aus Tierschutzsicht auch unzureichend.“ Die Produzenten sind derweil rechtlich auf der sicheren Seite.

Dass die Gesetze vielleicht zu lax sind, zeigen die Bilder des Tierschutzbüro aus dem Hochhaus:

Die Bilder stammen aus dem Winter und wurden nun im Rahmen einer RTL-Sendung veröffentlicht. Doch weder die Tierschutz-Aktivisten, noch RTLs Brachial-Investigativ-Reporter Jenke von Wilmsdorff durften das Schweinehochhaus offiziell besuchen. Wegen hygienischer Bedenken des Betreibers.

Eine "unfaire" DarstellungSchon im Dezember hatte das Deutsche Tierschutzbüro allerdings Aufnahmen eines Abtransports von Ferkeln veröffentlicht. Mit einer Klatsche trieb der Verlader die Tiere in den Transportwagen. Die Tierschützer zeigten den Geschäftsführer daraufhin wegen Verstoßes gegen die Tierschutztransportverordnung an und schalteten zudem das Veterinäramt ein, da sie in einem offenen Verschlag ein totes Schwein gefunden hatten.

Der Geschäftsführer von JSR, Michiel Taken, wehrte sich gegen diese Darstellung. „Eine unfaire Sache“ sei das, sagte er der Mitteldeutschen Zeitung im Dezember und machte die Tierschützer für die Unruhe unter den Ferkeln verantwortlich. Brutal sei das Vorgehen seines Mitarbeiters auch nicht gewesen. Und das tote Schwein habe zur Abholung durch den Tierarzt bereit gelegen, der es im Laufe des Tages abgeholt habe.

Auch das Agrarmagazin DLZ, dessen Journalisten das Haus 2013 besuchen konnten, berichteten seinerzeit nichts von Missständen. Allerdings machte der Artikel Peifer das erste Mal auf das Haus aufmerksam. Der entscheidende Hinweis auf die zumindest bedenklichen Zustände im Haus kam allerdings von einem Anwohner per Facebook.

Demo gegen SchweinehochhausOb die Tierschützer mit aller visuellen Macht einen Skandal provozieren wollen oder ob die Fleischbranche mittlerweile blind für ihren grausamen Umgang mit Tieren geworden ist, werden zunächst Staatsanwaltschaft und Veterinäramt klären. Eine kleine Entscheidungshilfe gab das Tierschutzbüro gestern gemeinsam mit mehreren hundert Demonstranten, die gegen die Schweinezucht im Hochhaus mobil machten.

Der Protest soll aber vor allem den Druck auf die Politik erhöhen. Vor dem Schweinehochhaus steht auf einem Schild „Hier investiert Europa in die ländlichen Gebiete“: Das Land Sachsen-Anhalt und die Europäische Kommission fördern laut Tierschutzbüro den Mastbetrieb seit Jahren. Strengere Gesetze statt Fördermittel für Massentierhaltung wären dem Tierschutzbüro lieber.

Die endgültige Macht hat allerdings der Verbraucher. „Den will ich aber in Schutz nehmen“, sagt Peifer. Der kaufe nach der Arbeit ein, dann werde ihm suggeriert, das Tier käme von einer Wiese, von einem Hof. Das sei Betrug.

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Wie sieht es aus in deutschen Ställen und Schlachtereien? WiWo Green widmet sich in einer Artikelreihe den „Schattenseiten der Massentierhaltung“. Wie Politik und Fleischerhandwerk gegen den  Etikettenschwindel bei Lebensmitteln vorgehen, lesen Sie im zweiten Teil dieser Serie.

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