Schwerfälliges Wendemanöver: Schifffahrt wird langsam sauberer

Schwerfälliges Wendemanöver: Schifffahrt wird langsam sauberer

von Angela Schmid

Neue Gesetze machen die Schifffahrt etwas sauberer - in Zukunft müssen aber alternative Treibstoffe kommen.

Die Schifffahrt ist schmutzig, auch wenn sich die Branche um Sauberkeit bemüht. Strom und Gas könnten in Zukunft Alternativen zum bisherigen Antrieb mit Schweröl sein. Aber das ist noch Zukunftsmusik.

Und trotzdem werden Schiffe langsam etwas sauberer, wenn auch nicht ganz freiwillig: Anfang 2015 wurden Nord- und Ostsee zu "Sulphur Emission Control Areas" (SECA) erklärt, in denen Handels- und Kreuzfahrtschiffe sowie Fähren in Nord- und Ostsee nur noch mit einem Treibstoff unterwegs sein dürfen, der 0,1 Prozent Schwefel und nicht mehr wie zuvor 1,0 Prozent enthält. Alternativ müssen die Abgase über eine Anlage an Bord gereinigt werden.

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Die Schiffe müssen seitdem in den Gewässern ihre Tanks umschalten und statt des billigen Bunkeröls den derzeit doppelt so teuren Schiffsdiesel nutzen. Festgelegt hat dies die Internationale Schifffahrtsorganisation IMO, eine Unterabteilung der Vereinten Nationen. Zum Gesetz hat es schließlich die EU-Kommission gemacht.

Und das zeigt erste Erfolge: Der Ausstoß von Schiffsabgasen ist durch die umweltfreundlicheren Treibstoffe um 50 Prozent gesunken. Das hat eine Studie ergeben, die der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) beim Forschungsinstitut CE Delft in Auftrag gegeben hat. Für NABU-Bundesgeschäftsführer Leif Miller aber erst ein Anfang. Jetzt müssen aus seiner Sicht auch die globalen Standards verschärft werden.

Schon im Mittelmeer gelten die Umweltstandards nicht mehr. Außerhalb der SECA-Zone ist das Bunkeröl nach wie vor der Standard. Das wird sich aber ändern. Die IMO hat bereits festgelegt, dass ab dem Jahr 2020 auf allen Gewässern ein Grenzwert von 0,5 Prozent Schwefeldioxid im Diesel gelten soll. China plant ebenfalls Gesetze, die in den Hafenstädten ähnliche Höchstwerte zulassen wie in der Nordsee und Ostsee. Auch der Stadtstaat Singapur will den Schadstoffausstoß begrenzen.

"Immer noch 100-mal schmutziger als LKW-Diesel"Einen Trend zu einer sauberen Schifffahrt sieht NABU-Verkehrsexperte Dietmar Oeliger damit aber noch längst nicht. "Es ist besser als das, was wir vorher hatten. Aber der Kraftstoff ist immer noch 100-mal schmutziger als Lkw-Diesel." Das Ergebnis könnte zudem noch besser sein, wenn es mehr Kontrollen gebe.

Nur die Dänen haben ein Flugzeug, das die Einhaltung der Grenzwerte überprüft. In Deutschland wird lediglich punktuell im Hafen kontrolliert. Entfernen sich die Schiffe vom Kontrollpunkt, können sie auf das umweltschädliche Schweröl umstellen. Oeliger vermutet daher eine hohe Dunkelziffer an Gesetzesverstößen auf See. "Der wirtschaftliche Anreiz, gegen geltendes Recht zu verstoßen und mit billigerem Schweröl zu fahren, ist einfach zu groß, während das Risiko erwischt zu werden, verschwindend gering ist."

Die Geldstrafen würden sich in vielen Ländern auf wenige Hundert bis Tausend Euro belaufen, was aus Sicht von Oeliger keinen abschreckenden Effekt haben dürfte. Mittlerweile melden sich nach Beobachtungen des Nabu selbst aus der Schifffahrtsbranche vermehrt Stimmen, die stärkere Kontrollen fordern, weil sie Wettbewerbsnachteile aufgrund von betrügerischen Aktivitäten der Konkurrenz fürchten. Oeliger fordert daher fest installierte Messgeräte an Bord jedes Schiffes, stichprobenartige Kontrollen auf offener See und in Küstengewässern sowie deutlich höhere Strafen.

Laut der EU-Kommission sterben in Europa jährlich 60.000 Menschen an den Folgen von Schiffsemissionen. Laut der Studie wurden durch vermiedene Kosten im Gesundheitssektor durch den geringeren Schadstoffausstoß 4,4 bis acht Milliarden Euro pro Jahr eingespart. Demgegenüber standen zusätzliche Kraftstoffkosten von 2,3 Milliarden Euro. "Jeder Euro und jeder Dollar, der mehr in eine sauberere Schifffahrt gesteckt wird, kommt allen Menschen und der Umwelt doppelt und dreifach zugute", so Axel Friedrich, internationaler Verkehrsexperte und wissenschaftlicher Berater des Nabu.

Um die Grenzwerte einzuhalten, setzen die meisten Reedereien auf Marinediesel. Lieber wäre es ihnen aus Kostengründen aber, verflüssigtes Erdgas (Liquified Natural Gas - LNG) als Schiffsbrennstoff einzusetzen. Dafür muss die Schiffstechnik jedoch völlig anders konzipiert werden. Außerdem ist der umweltfreundlichere Treibstoff kaum zu bekommen. Um den Einsatz zu forcieren, fordert der Verband Deutscher Reeder (VDR) eine staatliche Förderung.

Flüssiggas die Zukunft der Schifffahrt?Dies wäre die entscheidende Starthilfe, um schadstoffarmem Flüssiggas als Brennstoff für Schiffe zum Durchbruch zu verhelfen, so VDR-Präsident Alfred Hartmann. "Als Zukunftstechnologie bietet LNG hier in Deutschland Potenziale für Wertschöpfung und Arbeitsplätze." LNG-betriebene Schiffe stoßen nicht nur rund ein Viertel weniger CO2 aus, sondern sogar 80 Prozent weniger Stickoxide und weder Feinstaub noch Schwefeloxide. Durch die zusätzliche Technik an Bord sind Schiffe, die neben den herkömmlichen Brennstoffen auch mit LNG fahren können, nach Angaben des Verbandes um bis zu 25 Prozent teuer.

In der Kreuzfahrtindustrie, die immer wieder von Umweltorganisationen für ihre Dreckschleudern kritisiert wird, setzt AIDA das erste Kreuzfahrtschiff weltweit ein, dass im Hafen mit LNG betrieben werden kann. Im Vergleich zur Nutzung von herkömmlichem Marinediesel mit 0,1 Prozent Schwefelgehalt werden die Emissionen nochmals deutlich gesenkt. Der Ausstoß von Schwefeloxiden und Rußpartikeln wird ganz vermieden. Die Emission von Stickoxiden verringert sich um bis zu 80 Prozent und die CO2-Emissionen werden um 20 Prozent reduziert.

Vorbereitungen und erste Genehmigungsverfahren in den Häfen Hamburg, Southampton, Le Havre, Rotterdam und Zeebrügge sind in vollem Gange. Die Versorgung wird über LNG-Trucks erfolgen. In den kommenden Wochen wird AIDA Cruises in den ersten Häfen in den Testbetrieb gehen. "Wir glauben an LNG als den saubersten fossilen Brennstoff", sagt Felix Eichhorn, Präsident AIDA Cruises.

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