SimCity: Wie ich versuchte, die perfekte grüne Stadt zu bauen

SimCity: Wie ich versuchte, die perfekte grüne Stadt zu bauen

von Jürgen Klöckner

Im neuen SimCity-Spiel kann man eine vollständig grüne Stadt simulieren. Erfolgreicher als Spieler, die auf Atom und Kohle setzen, ist man damit aber nicht.

Nach nur einer Stunde ist die Energiewende in meiner Stadt zu Ende. Acht Windräder drehen unter Vollast, trotzdem gehen bei manchen Unternehmen schon die Lichter aus. Kein Wunder: Im Sekundentakt ziehen Leute in meine Stadt, decken sich in Geschäften mit Kleidern, Essen und Elektronik ein, die im Industriegebiet produziert werden.

Mehr Einwohner, mehr Geschäfte, mehr Unternehmen, mehr Strom. Irgendwann können die spärlichen Windräder den Energiedurst nicht mehr decken. Noch mehr kann ich aus meiner klammen Stadtkasse nicht bezahlen. Ich muss sie abreißen und die sauberen Räder durch ein Kohlekraftwerk ersetzen. Eine Katastrophe: Denn jetzt drohen chinesische Verhältnisse mit nebelartig verschmutzter Luft.

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Das hatte ich mir anders vorgestellt. Aus dem Nichts wollte ich die perfekte, grüne Stadt schaffen. Dafür gibt es das neue SimCity, eine gigantische Städtesimulation, bei der der Spieler in die Rolle eines autoritären, allmächtigen Bürgermeisters schlüpft und auf einem verlassenen Karree eine neue Stadt errichtet.

Die Spielereihe erschien seit 1989 in fünf Auflagen, hat sich weltweit millionenfach verkauft und gilt als äußerst komplex: Man kann Tage damit zubringen, eine einzige Stadt hochzuziehen. Unternehmen produzieren, was in Geschäften verkauft wird, Schwerindustrie verschmutzt das Grundwasser, Leute werden krank - die Simulation geht sogar so weit, dass theoretisch jeder Einwohner einen individuellen Tagesablauf hat.

Das Spielprinzip hat sich in all den Jahren nicht verändert, hinter der spektakulären 3D-Grafik von heute pulsiert im Grunde immer noch der Geist der Urfassung, die sich mittlerweile kostenlos auf Facebook spielen lässt und eher einem Schachbrett gleicht als einer lebendigen Stadt.

Jeder Teil der Spieleserie setzte Schwerpunkte, in jedem ließ sich auch immer ein bisschen Zeitgeist nachspielen: Im zweiten, erschienen in den 90er Boomjahren, rückten wirtschaftlichen Zusammenhänge in den Vordergrund. Der dritte Teil simulierte Probleme, die Megametropolen mit einer Millionen und mehr Einwohner haben, etwa Müllberge und Blackouts. Der Vorgänger  des aktuellen Teils, erschienen im Krisenjahr 2007, konzentriert sich auf soziale Infrastrukturen wie Bildung, Technologie und Kreativität und vernachlässigte dafür die komplexen Wirtschaftszusammenhänge seiner Vorgänger.

Begrenzte RessourcenImmer spielten auch grüne Themen wie Energie und Umweltverschmutzung eine Rolle, doch sie ziehen erst im aktuellen SimCity ins Herz der Stadt. Waren die Vorgänger noch abgekoppelt von ihrer Umwelt, vernetzt die neue Version Spieler und ihr Spiel miteinander und simuliert so nachhaltigen Städtebau. „Ressourcen sind begrenzt, sodass die Entscheidungen der Spieler einen globalen Einfluss haben“, erklärt die Managerin des verantwortlichen Spielekonzerns Electronic Arts, Lucy Bradshaw, im Interview mit der Nachrichtenagentur AFP. Denn so sei es ja auch in der realen Welt: Der Smog in Peking geht über die Stadtgrenzen hinaus. Wenn in New York die Lichter ausgehen, betrifft das nicht nur New York.

Ein Beispiel: Mein neues Kohlekraftwerk verschmutzt das Grundwasser, in der Umgebung sinken die Grundstückspreise und meine Bewohner quittieren den Kohlestinker mit schlechter Laune, weil er die Luft verpestet. Fortan wabert mal mehr, mal weniger Smog durch die Straßen. Und auch umliegende Städte bekommen was davon ab. Bis zu 16 Bürgermeister können in einer Region siedeln - und das sind keine Computergegner, sondern echte Spieler.

Einen globalen CO2-Handel gibt es nicht, aber ansonsten ist das Spiel ziemlich gut vernetzt. Wer im Müll erstickt, kann ihn von umliegenden Spielern abholen lassen. Wem der Strom ausgeht, kann ihn beim Nachbarn einkaufen. Es können sich mehrere Bürgermeister zusammentun und ein Großprojekt stemmen - etwa einen riesigen Solarpark, der die Region mit grünem Strom versorgt. Mehr noch: Öl, Kohle, ja sogar Recyclingmaterial wie Plastik können nicht nur an umliegende Städte, sondern auf dem Weltmarkt ge- und verkauft werden.

Ob grün oder dreckig - niemand kann gewinnenWer Nerven hat, kann so eine grüne Metropole aus dem Nichts bauen. Mir ist es nicht gelungen. Das Spiel belohnt zwar grünen Städtebau über ein weltweites Ranking der nachhaltigsten Stadt, doch bestraft umgekehrt keine Industriestädte nach altem Muster. Im Gegenteil: Auch sie können überleben, sogar erfolgreicher als rein grüne Städte. Windkrafträder taugen nicht für große Städte. Atomkraftwerke können zwar explodieren, sind allerdings ziemlich sicher. Mit Öl- und Kohleabbau lässt sich durch ganze Industriezweige richtig viel Geld verdienen - es ist also fast so wie im richtigen Leben.

Am Ende kürt das Spiel keinen Gewinner oder Verlierer, auch das gehört zum Spielprinzip - egal ob die Stadt grün oder dreckig ist. Jedenfalls kann man in SimCity jetzt endlich nachspielen, was rund um den Globus schon seit Jahren passiert: Architekten, Städte und Regionen überbieten sich mit immer neuen Ideen für die Metropolen der Zukunft.

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