Sind wir alle Trottel? Wie uns Energiebeamte und Umwelt-Politiker für dumm verkaufen

Living: Sind wir alle Trottel? Wie uns Energiebeamte und Umwelt-Politiker für dumm verkaufen

von Martin Roos

Es hagelt Verordnungen für Klos, Toaster und sogar Vibratoren. Im Öko-Kontrollwahn macht die EU aus Bürgern Deppen.

Sollte es passieren, dass Ihr neuer Fernseher plötzlich schwarz wird – keine Sorge. Es handelt sich nicht um einen Defekt, sondern um eine technische Neuerung, die auf eine Öko-Richtlinie der Europäischen Union zurückgeht.

Genauer gesagt Anhang I, Punkt2, Kennziffer 2, Buchstabe d), Absatz i, der Verordnung (EG) Nr. 642/2009 vom 22. Juli 2009 zur Durchführung der Richtlinie 2005/32/EG des Europäischen Parlaments und des Rates in Hinblick auf die Festlegung von Anordnungen an die umweltgerechte Gestaltung von Fernsehgeräten.

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 246.944 VorschriftenDer Mammutsatz ist kein Witz. Er stammt aus Alexander Neubachers neuem Buch „Total beschränkt“ (Deutsche Verlags-Anstalt, München 2014) und beschreibt einen sehr ernst gemeinten Vorgang der Umweltkontrolle.

Die langatmige Zitierweise provoziert eine gewisse Lächerlichkeit, das ist natürlich Absicht – und Prinzip des überaus witzigen und kritischen Buches über die in Europa herrschende Reglementierungswut.

246.944 Bundesvorschriften müssen allein die Deutschen befolgen – egal ob beim Angeln, Baden, Busfahren, Grillen, Staubsaugen, Straßen- oder Geschlechtsverkehr. Vater Staat kontrolliert und gibt die Regeln vor – hunderttausendfach.

Auch in Sachen Umweltschutz. Neubacher, ebenfalls Autor des provokanten Bestsellers „Ökofimmel“, kennt sich in der schonungslosen Analyse des „ökologisch-bürokratischen Komplexes“ aus.

Dass ein Fernseher laut EU-Verordnung nach vier Stunden automatisch auszugehen hat, liegt daran, dass die EU meint, kein Mensch schaue so lange fern. Ein TV-Gerät, das selbst nach vier Stunden noch laufe, sei nur versehentlich nicht ausgeschaltet worden. Es gelte daher, Strom zu sparen.

Auch Staubsauger müssen zukünftig Energie sparen – und dürfen dafür weniger leisten. Ab 2017 gibt es sie nur noch mit 900 Watt. Zurzeit sind es 1600 Watt. Ob dann der Teppich noch sauber wird, ist nicht sicher. Der neue Watt-Wert basiert allein auf „langjährigen Konsultations-Prozessen“ (was immer das ist) zwischen Industrie und EU-Beamten.

Nach Glühbirnen sind Handys, Toaster und Vibratoren dranDie EU verfolgt einen Plan: Sie will den Stromverbrauch der Bürger schrittweise auf etwa die Hälfte des heutigen Niveaus senken. Damit das Leben auf Sparflamme und ohne Standby-Taste funktioniert, steht alles auf dem Energie-EU-Prüfstand: Mobiltelefone, Computerspielekonsolen, Küchenmaschinen, Heizkessel, Toaster, Rasierapparate und Vibratoren.

Für Neubacher ist das ausgemachter Kontroll-Wahn. Auch das zweifelhafte Glühbirnenverbot, das Standardlampen mit weniger als 60 Watt in Europa untersagt, habe letztlich nur eine neue Sorge gebracht. Nämlich, wie man das Quecksilber der Energiesparlampen entsorgen wolle.

Geradezu verrückt sei es, dass das Glühbirnenverbot nun bereits in die nächste Runde gehe: 2016 sollen Halogenbirnen aus dem Handel verschwinden.

Dass manche Umweltmaßnahmen nicht nur großen Zweifel wecken, sondern der Umwelt geradezu schaden können, zeigt Neubacher an dem wohl bekanntesten Beispiel, dem Biodiesel. „Für seine Herstellung wird der Regenwald gerodet und der Anbau von Lebensmitteln verdrängt“, erklärt er.

Auch die von den grünen Ex-Bundesministern Renate Künast und Jürgen Trittin initiierte Subventionierung von Biogas habe heute zur Konsequenz, dass „auf einem Gutteil der landwirtschaftlichen Fläche Mais, Mais und nochmals Mais angebaut wird“.

Und: Das „Dosenpfand“ führte letztlich nur dazu, die ökologisch gute Mehrwegflasche aus den Geschäften zu verdrängen.

Wasser sparen: wenig trinken, wenig pinkelnAuch die Wassersparvorschriften der EU sind Neubacher ein Dorn im Auge: Zwar fanden Wissenschaftler heraus, dass der Durchschnittseuropäer „im arithmetischen Mittel aus einem vollen und drei reduzierten Spülvorgängen“ etwa sechs Liter am Tag verbraucht.

Der EU ist das aber zu viel. Sie möchte, dass Toiletten anders konstruiert werden. Für Urinier-Vorgänge reichen 0,5 Liter, für größere Geschäfte sollten die Bürger mit 5,5 Litern auskommen. Für Urinale soll es künftig nur noch einen Liter zum Nachspülen geben.

Wie die EU auf diesen Wert kommt, weiß kein Mensch. Der Autor erklärt die Beamten-Logik mit einfacher Physik: Wenn oben nicht mehr so viel reinfließt, kommt unten eben auch weniger raus.

Kontrollstaat mit 1000 Augen„Die Verbote überwuchern unseren Alltag wie Knöterich die Friedhofsmauer“, meint Neubacher. Im deutschen „Kontrollstaat mit 1000 Augen“ und im reglementierten Europa verlieren die Menschen vor lauter Verboten die Freiheit aus den Augen.

Manche finden das vielleicht sogar ganz schön. Denn viele, gerade in Deutschland, sehnen sich eher nach Sicherheit als nach Selbstbestimmung. Dennoch fordert Neuburger: Politiker sollen Volksvertreter und nicht Volkserzieher sein.

„Freiheit besteht darin, alles tun zu dürfen, was einem anderen nicht schadet. Freiheit bedeutet nicht, alles tun zu müssen, was der Gesellschaft nutzt“, schreibt der Autor.

Fazit: Wer nicht weiter von Beamten und Politikern für dämlich gehalten werden will, sollte dieses Buch kennen und lesen. Nicht nur, weil es unterhaltsam ist, sondern auch, weil es ein gelungenes Nachschlagewerk für die unsinnigsten Vorschriften ist und damit jede Fach-Bibliothek bereichert.

Alexander Neubacher: Total beschränkt - Wie uns der Staat mit immer neuen Vorschriften das Denken abgewöhnt; Deutsche Verlags-Anstalt, München 2014. 

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Alle bisher erschienenen Buchrezensionen bei WiWo Green finden Sie unter diesem Link.

Korrektur: In einer früheren Textfassung war von Dildos die Rede - gemeint sind offenbar Vibratoren. Die Redaktion.

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