Singapur: Hat der Stadtstaat die Lösung für überfüllte U-Bahnen?

Singapur: Hat der Stadtstaat die Lösung für überfüllte U-Bahnen?

von Felix Ehrenfried

Um die Rushhour zu entzerren, fuhren Pendler in Singapur vor den Stoßzeiten umsonst mit der U-Bahn. Das Experiment war erfolgreich.

Sie gilt in Metropolen weltweit als die Schlagader der Stadt: Die Metro oder U-Bahn, die tagtäglich hundertausende Pendler von der Peripherie in das Herz der Stadt bringt. Ob in London, New York oder Rom: Ohne eine funktionierende Metro geht hier gar nichts.

Wer jedoch in einer Großstadt die U-Bahn zur Rushhour in den Morgen- oder Nachmittagsstunden nutzt, stößt auf ein unübersehbares Problem: Kurz vor Arbeitsbeginn sind die Züge oft zum Bersten voll, wer einen Platz im Waggon ergattert, der kann froh sein, dass er Luft zum Atmen hat. Berühmt sind die Angestellten der Metro in Tokio, die, mit weißen Handschuhen ausgerüstet, Fahrgäste in die Waggons pressen bis nichts mehr geht.

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In Singapur haben sich findige Verkehrsplaner ein Konzept überlegt, dass diese Menschenmassen in der Metro verhindern soll: Wer vor den Spitzenpendlerzeiten die Bahn benutzt, fährt kostenlos.

Vor 7.45 Uhr ist die Metro kostenlosDas Projekt, das im Sommer 2013 startete, ermöglicht die kostenlose Nutzung für alle, die vor 7.45 Uhr die Metrostation verlassen. Wer zwischen 7.45 Uhr und acht Uhr aus der Metro aussteigt, der bekommt einen kleinen Rabatt auf den sonst üblichen Fahrpreis.

So wollten die Stadtplaner die sogenannte Peak-Time entzerren, also die Zeit mit dem höchsten Verkehrsaufkommen. Die liegt zwischen acht und neun Uhr morgens, wenn im Schnitt fast dreimal so viele Menschen wie am restlichen Tag die Metro nutzen.

Nach einem Jahr kostenloser Metrofahrt sind die zuständigen Planer vom Erfolg des Projekts überzeugt, wie das Blog Citylab.com berichtet. Rund sieben Prozent der Pendler verschoben ihre Fahrten in die Zeit vor acht Uhr morgens. Einer Umfrage zufolge, würden noch mehr Pendler die kostenlose Metrofahrt nutzen. Fixe Arbeitszeiten verhindern das jedoch bei vielen. Dafür wollen die Verkehrsverantwortlichen nun mit Unternehmen verhandeln, dass sie ihren Arbeitnehmern flexiblere Arbeitszeiten genehmigen. Der Vorteil im Gegenzug: Die Angestellten kämen entspannter und schneller zur Arbeit.

Das Projekt wird um ein Jahr verlängertAufgrund dieses deutlichen Effekts und der Entzerrung im morgendlichen Verkehr haben sich die Metrobetreiber nun entschieden, das ursprünglich für ein Jahr angelegte Projekt um mindestens ein Jahr zu verlängern. So fahren Pendler bis Sommer 2015 in den frühen Morgenstunden in Singapur weiterhin kostenlos ins Zentrum. Außerdem können Pendler auf ihren Metrokarten Punkte sammeln, wenn sie außerhalb der Stoßzeiten fahren und erhalten dafür eine Kompensation.

Die Vorteile solcher kostenlosen Fahrten liegen auf der Hand: Der Verkehr am Morgen verteilt sich besser, was für leerere Waggons und Bahnsteige und damit einen schnelleren Transport sorgt. Das könnte wiederum Leute in die Metro locken, die ansonsten das Auto bevorzugen, da sie sich nicht in volle Züge quetschen wollen.

Hier könnte auch eine Möglichkeit der Finanzierung solcher Freifahrtzeiten liegen: Durch einen entzerrten Metroverkehr insgesamt mehr Fahrgäste gewinnen, durch die in Summe dann die kostenlosen Fahrzeiten finanziert werden. Das wäre eine genaue Umkehr der Preispolitik vieler Metrobetreiber weltweit: Oft sind die Fahrpreise zur Rushhour nämlich höher. Eine Unterstützung von Fahrten außerhalb der Stoßzeiten dürfte aber einen ähnlichen Effekt haben, aber wesentlich mehr Unterstützung bei den Fahrgästen erhalten. Hinzu kommt, dass wenn weniger Menschen mit dem Auto in die City fahren, die Luftverschmutzung abnimmt und Gesundheitsschäden vermieden werden.

Neben dem Projekt in Singapur gibt es ähnliche Ansätze in anderen Großstädten, beispielsweise in Istanbul. Hier war der Nahverkehr am ersten Schultag nach den Sommerferien den ganzen Vormittag über kostenlos. Das sollte mehr Menschen in die Metro locken und Staus vermeiden.

So konsequent wie in Singapur verfolgt bisher jedoch keine Großstadt den Plan, durch kostenlose Tickets den Nahverkehr zu entzerren und attraktiver zu machen. Die Erfahrungswerte nach einem Jahr hier zeigen: Auch in deutschen Großstädten könnte es sich lohnen, in bestimmten Zeiten die U-Bahnnutzung kostenlos anzubieten – sowohl finanziell als auch aus Komfortgründen für den Pendler.

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