Stadtverkehr: Ohne Logistik-Reform droht der Kollaps

Stadtverkehr: Ohne Logistik-Reform droht der Kollaps

von Lara Sogorski

Wenn keine neuen Logistik-Konzepte kommen, droht uns ein Verkehrs-GAU in den Städten. Der Lieferverkehr wird laut einer Studie zum größten Stau-Problem.

Droht den Großstädten bald der Verkehrsinfarkt? Steigende Bevölkerungszahlen, anhaltende Landflucht und damit verbunden der zunehmende Bedarf an Konsumprodukten in den Ballungszentren – diese Entwicklung könnte spätestens bis 2050 zum ultimativen Kollaps auf den Straßen dieser Welt führen, falls sich bis dahin nichts ändert.

Davon gehen zumindest die Autoren einer Städte-Analyse (PDF) bei der Managementberatung Oliver Wyman aus. Als größtes Problem sehen sie den Güterverkehr. Deshalb untersuchten sie, wie sich die Logistik in der Stadt in den nächsten Jahren verändern muss, um den Totalausfall zu verhindern.

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So sieht die Situation laut Analyse heute aus: Weltweit gibt es rund 800 Ballungsgebiete mit mehr als einer Million Einwohner, 2050 leben voraussichtlich 70 Prozent aller Menschen in Städten. Für die Versorgung wären schon 2015 nach heutiger logistischer Praxis drei Millionen LKW auf den innerstädtischen Straßen unterwegs. Bereits in sieben Jahren bräuchte man mehr als eine Million zusätzliche Transporter. Allein in Deutschland fahren Laster heute 160.000 Auslieferungstouren pro Tag. Dabei sind LKW gerade zu Stoßzeiten in den meisten Fällen der Grund für Staus.

Könnten die Städte dann nicht einfach mehr Straßen bauen? Nein, lautet die klare Antwort der Analysten. Dazu fehlt den Städten Platz und vor allem Geld. Außerdem seien viele Städte verpflichtet, ihre CO2-, Feinstaub- und Lärmbelästigung drastisch zu senken. Noch mehr Straßen und LKW führten klar am Ziel vorbei. Darum sei die bessere Lösung, die Zahl der LKW zu senken. Schon heute sei kaum ein Transporter mehr voll beladen unterwegs. Einrichtungen wie Hotels, Krankenhäuser und Einkaufszentren beispielsweise würden jeden Tag von vielen, teils halbleeren Fahrzeugen angefahren.

Städte brauchen große LogistikzentrenUnd so könnte es funktionieren: Alle LKW sollen sich vor den Stadtgrenzen an großen Sammelstellen treffen, um dort ihre Ware zusammenzubringen und anschließend auf weniger Transporter zu verladen. Vorkonsolidierung lautet damit das Zauberwort. „Eine solche Lösung  kostet recht wenig im Vergleich zum Ausbau von Straßenkapazität, um den gleichen Effekt im Verkehrsfluss zu erreichen“, sagt Michael Lierow, Partner bei Oliver Wyman.

Neu ist diese Idee dabei nicht. Einige Speditionen hätten bereits versucht, ein solches Modell in Eigenregie umzusetzen. Als Lösung für den gesamten Markt hätte sich damit aber noch niemand durchsetzen können, sagt Lierow: „Wenn Logistiker das Problem allein unter sich ausmachen, ist es unwahrscheinlich, dass es stabile Lösungen gibt. Denn dafür ist der Markt häufig zu fragmentiert.“ Das heißt: Am Ende können sich die vielen Anbieter nicht einigen, wer beispielsweise für welche Touren zuständig sein soll und welche Verrechnungspreise gelten.

Deshalb müsse es einen neutralen Dritten geben, der die Rahmenbedingungen schafft. Der Logistikexperte sieht hier klar die Städte in der Pflicht. Sie sollen gemeinsam mit den Speditionen die Konsolidierungszentren planen und bauen, dafür sorgen, dass es ein System gibt für die Trennung bestimmter Warengruppen, Kommissionierung auf Paletten zur Auslieferung sowie ein IT-System für Umschlag, Routenplanung und Abrechnung. „Das greift natürlich in den freien Markt ein, wobei Verkehrsraum ein öffentliches Gut ist.“ Darum hätten die Städte das gute Recht, diesen Raum zu regulieren, wenn es die Wirtschaft fördert und das Gemeinwohl erhöht.

Der Flughafen Heathrow geht etwa mit gutem Beispiel voran. Hier gibt es zwei Kilometer vom Standort entfernt ein eigenes Konsolidierungszentrum, betrieben von DHL. Der Einzelhandel und die Gastronomie vor und hinter den Abfluggates lässt darüber seine Waren anliefern und sicherheitstechnisch überprüfen. Im Ergebnis werden aus 700 eingehenden schließlich 300 abgehende Lieferungen pro Woche. Das sparte beispielsweise 2008 insgesamt 218.000 Kilometer an Wegstrecke sowie 158 Tonnen CO2-Emissionen und führte zu einer deutlich geringeren Verkehrsbelastung.

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