Städte: Gebäude enthalten tonnenweise Rohstoffe - wer baut sie als erster ab?

Städte: Gebäude enthalten tonnenweise Rohstoffe - wer baut sie als erster ab?

von Sandra Lukatsch

In Städten liegen riesige Rohstoffschätze versteckt. Forscher wollen sie nun zugänglich machen.

In den letzten Jahren sind die Preise für Rohstoffe gewaltig gestiegen. Allein der Kupferpreis hat sich seit 2008 mehr als verdoppelt. Und wie das immer bei einem Preisboom ist, lockt die Rohstoffralley Schatzsucher an. Diesmal sind es aber nicht Geologen, die in unwegsamen Gelände im Auftrag von Konzernen Urwälder oder Bergketten durchforsten und ablaufen. Sondern es sind Wissenschaftler, die beginnen, die Rohstofflager unserer Städte unter die Lupe zu nehmen.

Genauer: Sie suchen in alten Gebäuden, Leitungen und Schienen nach wertvollen Rohstoffen. Was sich dabei zeigt ist, dass unsere gebaute Umwelt ein riesiges Lager an Steinen, Metallen, Kunststoffen und allerlei anderen brauchbaren Werkstoffen und Materialien ist. Aber was bedeutet das für den historischen Erhalt unserer Städte, wenn diese Schätze gefunden - und künftig vielleicht gefördert werden?

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Rohstoff-Inventur auf 2450 QuadratkilometernDie Städte von heute als Bergwerke der Zukunft nutzen: Das Prinzip heißt „Urban Mining“ und ist schon seit Längerem bekannt. So beuteten beispielsweise herrschende Familien und Päpste in Rom das durch zwei Erdbeben zerstörte Kolosseum als Steinbruch für ihre Bauten aus.

Ins Heute übersetzt bedeutet das: Allein in einer 100-Quadratmeter-Wohnung stecken rund 7.500 Kilogramm Metalle - was einem Gewicht von circa sieben Personenwagen entspricht. Errechnet hat diese Zahl die  Ressourcen Management Agentur (RMA) in ihrer Publikation „Die Stadt – das Bergwerk der Zukunft“.

Das Problem: „Bislang weiß man noch nicht genau genug, was wo drin ist und wie man es gut herausholen kann", sagt Liselotte Schebek, Professorin im Fachgebiet Industrielle Stoffkreisläufe der TU Darmstadt.

Um das herauszufinden und Deutschland dadurch unabhängiger von Rohstoff-Importen zu machen, plant Schebek in den kommenden zwei Jahren alle Industriegebäude, also Krankenhäuser, Lagerhallen, Bürogebäude, Kasernen und Einkaufszentren im Rhein-Main-Gebiet nach verbauten Rohstoffen zu untersuchen. Dabei beschränkt sie sich auf Industrie- und Gewerbebauten, da ihre Lebensdauer mit 20 bis 30 Jahren am kürzesten ist.

Digitale „Rohstoffschatzkarte“Und so soll es funktionieren: Das Forschungsteam untersucht zunächst mit Hilfe von Flurkarten, Luftbildern und Flächennutzungsplänen Bauwerke in den Städten Frankfurt und Offenbach sowie weiteren 75 Kommunen. Ziel ist es, eine Typologie zu entwickeln, die jedem Gebäude einen bauzeit-typischen Rohstoffanteil zuordnet.

Zusammen mit den Daten zum Gebäudebestand ergibt sich daraus ein Rohstoffkataster für die gesamte Rhein-Main-Region. Die Typologie soll sich letztendlich auf ganz Deutschland übertragen lassen. So können Inhaber und Abrissunternehmen ableiten, wie sie die wertvollen Rohstoffe wieder herausbekommen und wiederverwerten können.

Auch Helmut Rechenberger, Professor am Institut für Wassergüte, Ressourcenmanagement und Abfallwirtschaft an der TU Wien, will die Schatzsuche in Stadt und Land erleichtern. Gegenüber ORF.at sagte er, dass im statistischen Schnitt auf jeden Wiener 400 Tonnen Material entfielen, wenn man die verbaute Masse in Gebäuden, Infrastruktur und Fahrzeugen zur Bevölkerungszahl in Relation setze.

Auch Rechenberger will diesen Reichtum nun kartografieren und ein Rohstoffkataster für die Stadt Wien entwickeln, um dieses mit Rückbauplänen zu verknüpfen. Ein weiteres seiner Pilotprojekte ist ein Gebäudepass, ein elektronisches Dokument, das die DNA der Gebäude schon in der Bauphase festhalten soll. Künftige Rohstoffjäger sollen so gleich wissen, welche Werte in einer alten Fabrikhalle stecken, die sie abtragen wollen.

Das Ende unserer Industrie-Denkmäler?Aber was bedeuten diese urbanen Rohstoffkarten für die Zukunft unserer Städte? Nichts gutes, wenn man dem Chemiker und Entwickler des Cradle-to-Cradle-Konzepts (das darauf abzielt, Werkstoffe immer im Kreislauf zu halten) Michael Braungart glaubt. Er sagte in einem Interview mit der Zeit: „Warum reißen wir etwa nicht alle Gebäude der sechziger und siebziger Jahre komplett nieder und ersetzen sie durch etwas Besseres?“ Er kritisierte damit, dass diese Häuser aufgrund ihrer chemischen Inhaltsstoffe die Menschen krank machen würden. Ganz nebenbei ließen sich tonnenweise Rohstoffe gewinnen.

Die deutsche Urban-Mining-Expertin Schebeck plädiert nicht dafür, alle Industriegebäude abzureißen. Dennoch: Die wirtschaftliche Lebensdauer der Gebäude werde immer kürzer, da sich die Arbeitsbedingungen rasant veränderten. Wo man früher Lagerplatz benötigte, werde heute auf immer kleiner werdenden Flächen produziert, weil Bauteile auf Nachfrage angeliefert und montiert werden.

„Herausragende Industriegebäude können nur ein kleiner Teil des großen Gebäudebestands sein. Die übrigen Industriegebäude sind dann vielleicht nur noch zweckmäßige Bauten auf Zeit, die eine neue Zukunft als urbanes Rohstofflager haben“, sagt sie.

Grüne IngenieurskunstDer Wiener Forscher Helmut Rechenberger betont, dass Gebäude von Anfang an recyclingfreundlich geplant werden müssten. Ein Produkt, das in 100 oder mehr Schritten hergestellt werde, könne man „nicht in drei oder vier Prozessschritten“ der Wiederverwertung zuführen. Für die Zukunft bedeute das, sagt Rechberger, „dass wir auch eine technologisch hoch entwickelte Abfallwirtschaft benötigen, das heißt, Recyclingtechnologien, die aus komplexen Produkten möglichst reine Stoffe machen, die man dann wieder nutzen kann“.

In diesem Zusammenhang haben die US-Forscher Paul Anastas und Julie Zimmerman erstmals im Jahr 2003 zwölf Grundregeln für die Designphase der Gebäude veröffentlicht, die das ACS Green Chemistry Institute ebenfalls aufgreift. Wenden Ingenieure diese Grundsätze bereits in der Frühphase der Produktentwicklung an, profitierten Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft gleichermaßen davon.

Ein Beispiel für grüne Baukunst ist Holzhaushersteller Bau-Fritz. Das Allgäuer Familienunternehmen hat es geschafft, einen Naturdämmstoff herzustellen, der nach Ablauf des Lebenszyklus komplett wiederverwertet bzw. in den Naturkreislauf zurückgeführt werden kann. Der Cradle-to-Cradle-zertifizierte Dämmstoff namens „HOIZ“ besteht aus Holzspänen, die bei der Fertigung der Häuser anfallen. Behandelt werden die Hobelspäne mit reiner Molke (Brandschutz) und wenigen Prozent Soda-Laugenzusatz (Pilzbefall).

„Vielleicht sieht das Gebäude der Zukunft völlig anders aus, als das Gebäude, was wir heute bauen“, sagt Hans Daxbeck, Geschäftsführer der Ressourcen-Agentur RMA. Heute haben wir viele hunderte Stoffe, die wir in den Gebäuden verbauen. „Vielleicht können wir in Zukunft ein Gebäude errichten, das nur aus zehn bis 15 Stoffen besteht“, so Daxbeck. Also Ressourcen sparen anstatt verschwenderisch wiederverwenden? Das wäre zumindest eine Alternative, um historische Gebäude in Zukunft vor den Schatzsuchern zu bewahren.

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