Städte: Heidelberg baut größte Passivhaus-Siedlung der Welt

Städte: Heidelberg baut größte Passivhaus-Siedlung der Welt

von Andreas Menn

In Heidelberg entsteht ein neuer Stadtteil für 5000 Bewohner – komplett aus Passivhäusern. Taugt das Megaprojekt als Vorbild für andere Städte?

Schwere Laster rollen durch den Matsch, Bauarbeiter mit gelben Helmen stapfen über Wasserpfützen hinweg: Auf der Baustelle hinter dem Heidelberger Hauptbahnhof ist Hochbetrieb an diesem Nachmittag im Spätherbst. Und es scheint, als nähme die Baustelle kein Ende: Bis zum Horizont ziehen sich Zäune entlang frisch asphaltierter Straßen, erheben sich Kräne über dem aufgewühlten Boden.

Es scheint, als entstünde hier eine komplette neue Stadt, ein zweites Heidelberg. Und das ist nicht einmal übertrieben: Die Bahnstadt, so der Name des neuen Quartiers, ist mit 116 Hektar Fläche größer als die Heidelberger Altstadt. 5000 Menschen sollen hier wohnen, 7000 werden hier arbeiten. Es ist eines der größten Städtebauprojekte in Deutschland, rund zwei Milliarden Euro soll es kosten.

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Doch das allein ist nicht der Grund, warum Architekten und Städteplaner gerade scharenweise nach Heidelberg pilgern, um sich die Großbaustelle hinter dem Bahnhof anzuschauen. Die Bahnstadt ist vor allem ein weltweit einzigartiger Versuch, die Stadt der Zukunft bauen.

Fast alle Gebäude des Quartiers verbrauchen im Jahr nur 15 Kilowattstunden Heizenergie pro Quadratmeter – zehnmal weniger als herkömmliche Gebäude. Damit ist Heidelbergs neuer Stadtteil die wohl größte Passivhaus-Siedlung der Welt.

Vorher nur BracheUnd grün soll nicht nur die Energiebilanz der Bahnstadt sein – sondern auch die Straßen und Plätze: Bäume spenden Schatten, Bänke Raum zum Sitzen, breite Fahrradwege führen binnen zehn Minuten in die Altstadt. 66 Prozent der Dachflächen in der Bahnstadt sind begrünt, um Regenwasser aufzufangen. Das restliche Wasser fließt in einen eineinhalb Kilometer langen Kanal, der sich entlang einer der zentralen Straßen im Stadtviertel zieht und mit Sitzstufen ausgestattet ist. Spielplätze, Beach-Volleyballfelder, Grünanlagen sollen das Leben auf die Straßen holen.

„Alles hier ist durchdacht“, sagt Peter Dohmeier und schiebt sich an einem Bauzaun vorbei, „es gibt keine Zufälle.“ Dohmeier kennt hier jeden Winkel, denn er leitet die Entwicklungsgesellschaft Heidelberg, die im Jahr 2008 eigens zum Bau des neuen Stadtteils entstanden ist . Dazu haben sich die Sparkasse Heidelberg, die städtische Wohnungsbaugesellschaft und der Immobilienzweig der Landesbank LBBW zusammengeschlossen.

„Früher waren hier der alte Güter- und Paketbahnhof“, sagt Dohmeier, und sein Arm beschreibt einen weiten Bogen über das Gelände, „und nebenan die Kaserne der US-Streitkräfte“. Für die meisten Heidelberger war das Areal hinter den hohen Steinmauern mitten in ihrer Stadt Niemandsland. Das Gelände konnte nur betreten, wer dort arbeitete.

Aber dann, im Jahr 1997, zogen die Post-Logistiker nach Mannheim – und die Amerikaner ihre Truppen ab. Und wo viele zunächst nur eine Brache sahen, erkannten andere eine riesige Chance für die dicht besiedelte Neckarstadt. 2003 gewann das Darmstädter Architekten-Brüro Trojan Trojan & Partner den städtebaulichen Wettbewerb für die Bahnstadt – mit einem Konzept, das vor allem auf Nachhaltigkeit setzt. Wohnen, Arbeiten, Studieren und Leben sollen wieder in einem Quartier stattfinden.

Nicht auf Brüssel wartenDas Projekt passt zum ehrgeizigen Klimaschutzziel der Stadt am Neckar. Bis 2050 will Heidelberg seinen Energieverbrauch halbieren. Der parteilose Oberbürgermeister Eckart Würzner, der zuvor schon als Bürgermeister für die Themen Umwelt und Energie zuständig war, hat das Bahnstadt-Projekt zu seinem Aushängeschild gemacht. „Gerade die europäischen Bildungsstädte müssen in einer ganzheitlichen Strategie wachsen“, sagt er beim Gespräch im Heidelberger Rathaus. „Kommunen können nicht warten, bis die EU einen Umweltstandard beschließt.“

Seit dem ersten Spatenstich im Jahr 2008 sind die Bauarbeiten weit vorangeschritten. Fertiggestellt ist bereits das Skylab – ein Komplex aus modernen Laborgebäuden. Die bodentiefen Fenster lassen auch im Winter viel Licht herein, so dass künstliche Beleuchtung nur sparsam eingesetzt werden muss. Bewegungsmelder etwa in der Tiefgarage schalten das Licht ein und wieder aus, damit keine Lampe sinnlos Strom verbraucht.

Um im Sommer wiederum grelles Sonnenlicht abzuhalten, das das Gebäude aufheizt, sind außen an der Fassade Lichtblenden angebracht, so genannte Faltklappläden. Die mehrere Meter hohen, weiß gefärbten Bleche falten sich auf Wunsch auf und schieben sich über die obere Hälfte der Fensterfront.  Sie sind fein perforiert, so dass immer noch sanftes Licht hineinschimmert. Insgesamt sind 665 solcher Elemente angebracht - jedes Büro kann über seine eigene Lichtstimmung bestimmen.

Für Labore herrschen strenge Richtlinien zur Luftreinhaltung – starke Gebläse sorgen für ständigen Luftaustausch. Dennoch ist es den Ingenieuren gelungen, 72 Prozent der Raumwärme mit Hilfe von Wärmetauschern zurückzugewinnen. Das spart Heizkosten – und senkt den Wärmebedarf fast auf den Standard eines Passivhauses herab.

Gebäude, die auf ihre Bewohner reagierenNicht nur Labore, auch Unternehmen sollen sich in der Bahnstadt ansiedeln. In einem Neubau am westlichen Ende des Stadtteils hat sich etwa der Industriegebäudeplaner io consultants einquartiert. 100 Mitarbeiter arbeiten hier. Per Glasfaserverbindung, die sich durch die Bahnstadt zieht, speichern sie auch datenhungrige Architekturskizzen auf Cloud-Servern, so dass sie den Kollegen weltweit zur Verfügung stehen.

Auch die Architekten setzen in ihrem neuen Bahnstadt-Büro auf Energiespar-Techniken: Moderne Stehlampen an den Arbeitsplätzen schalten sich von selbst an, wenn es dunkel wird und jemand am Schreibtisch sitzt - Licht- und Bewegungssensoren machen es möglich. Die Türen öffnen sich per Smartphone-Befehl. Und auf jeder Etage sind Duschen installiert, damit sich Mitarbeiter erfrischen können, die umweltfreundlich mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren.

Weit vorangeschritten ist auch schon der Bau der mehrgeschossigen Wohnhäuser. Dank guter Isolierung und einer Lüftung, die den größten Teil der Wärme aus der Abluft zurückgewinnt, verbrauchen sie kaum noch Heizenergie. Den Rest steuert ein zentrales Heizkraftwerk bei, das statt Kohle Holz verfeuert. Der Rohstoff soll aus einem Umkreis von maximal 70 Kilometern stammen.

Die Nachfrage ist gewaltig: Fast alle Wohnungen sind verkauft, und bis Ende des Jahres werden bereits 2000 Menschen in der Bahnstadt leben. Laut den Stadtplanern sollen die Bahnstadt-Bewohner das meiste, was sie zum täglichen Leben brauchen, zu Fuß erreichen. Rund um einen zentralen Platz sollen sich Läden ansiedeln: Ein Supermarkt, ein Discounter, Drogerien, eine Apotheke, Cafés, ein Bäcker. Sogar ein Kino mit 12 Sälen ist geplant. Eine Kindertagesstätte mit 60 Plätzen hat jüngst geöffnet.

Kritik aus TübingenAber vieles in der Bahnstadt gibt es bisher nur auf dem Papier. Zwei Straßenbahnlinien sollen sie einmal durchqueren - doch wann es so weit ist, ist noch offen. Eine weitere Kita und eine Grundschule soll es geben – Baubeginn unbekannt.

Und so stellen manche schon in Frage, ob das neue Quartier wirklich so lebendig wird wie geplant. „Heidelberg hat seine große Chance schon verspielt“, giftete Tübingens grüner Oberbürgermeister Boris Palmer auf Facebook. „Die 100 Hektar große Bahnstadt wird eine Schlafstadt.“ Statt einer „Nutzungsmischung“ habe die Bahnstadt vor allem „gleichförmige Blöcke und nichts als Wohnungen.“

Projektleiter Dohmeier sieht das ganz anders. „Hier entsteht ringsherum Leben“, sagt er. „Die europäische Stadt wir hier eine Renaissance erfahren.“

Immerhin haben engagierte Bewohner schon einen Stadtteilverein gegründet, dessen Mitglieder sich alle zwei Wochen treffen.  Auf der Agenda steht ein Martinsumzug, eine Weihnachtsfeier, ein Sommerfest – und sogar ein Bahnstadtchor hat sich formiert.

Noch stehen zu viele Bauzäune herum, um festzustellen, wie gut der Großversuch der neuen Stadt gelingen wird. Der letzte Bagger soll 2020 von dem Gelände verschwinden. Dass für die Passivhaussiedlung bis dahin genügend Nachfrage besteht, zeichnet sich schon ab: Bis 2017 soll Heidelberg um 9000 Einwohner wachsen. Der CO2-Ausstoß dagegen soll sinken – bis 2050 um 95 Prozent.

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