Städte: Tempolimit 30 erobert Großbritannien - und bald auch Deutschland?

Städte: Tempolimit 30 erobert Großbritannien - und bald auch Deutschland?

von Jürgen Klöckner

12 Millionen Briten leben in Städten, in denen Tempo 30 gilt. Auch Brüssel könnte das Thema aufgreifen.

Städte in Großbritannien experimentieren mit flächendeckender Entschleunigung. In Cambridge, Oxford und Teilen Londons etwa hat man in den vergangenen Jahren die Regelgeschwindigkeit von 30 auf 20 Meilen pro Stunde gesenkt, also von etwa 50 auf 30 Stundenkilometer. Jüngst schloss sich die schottische Hauptstadt Edinburgh dem Tempo-30 Club an, als erste Stadt des Landes überhaupt.

Insgesamt leben nun schon 12 Millionen Briten in diesen Pilotstädten - und die Lobby-Organisation "20's plenty for us" ist überzeugt, dass es noch viele, viele mehr werden. Sie kämpft seit Jahren für Tempo 30. Und weiß: Das Thema ist kein rein britisches. In Brüssel läuft ein EU-Bürgerbegehren zu diesem Thema. Bis Ende des Jahres müssen eine Millionen Menschen aus sieben EU-Ländern unterzeichnen, damit die Kommission über eine niedrigere Richtgeschwindigkeit berät. Dann könnte es auch in Deutschland heißen: Runter vom Gas.

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Hierzulande gilt Tempo 30 als „Gängelei und Stillstand“ (ADAC). Manche befürchten, dass der Verkehr dann „zäh wie Kaugummi“ werden könnte (Bundesverkehrsminister Ramsauer, CSU). Befürworter hingegen hoffen, dass sich die Abgase verringern, die Straßen ruhiger und Unfälle weniger werden. Studien auf diesem Feld geben hier allerdings keine klare Antwort: Sie sprechen sich mal für, mal gegen ein Tempolimit aus.

Überwiegen die Vor- oder Nachteile?Auch die Ergebnisse aus den Pilotstädten in Großbritannien sind nicht eindeutig. Forscher beobachteten, dass es etwa in Portsmouth weniger Unfälle gab: Durch die Drosselung verunglückten 20 Prozent Menschen weniger im Straßenverkehr, vor allem Kinder verletzten sich deutlich seltener. Bei Tempo 30 können Autofahrer schneller reagieren und benötigen einen kürzeren Bremsweg.

Außerdem verliert das Auto bei Tempo 30 offenbar an Attraktivität und Bedeutung. In Bristol etwa werden nun 20 Prozent mehr Kilometer mit dem Fahrrad zurückgelegt und zu Fuß gegangen. Untersuchungen des britischen Verkehrsministeriums zeigen zudem, dass sich weniger Staus bilden und Fahrzeuge flüssiger von A nach B kommen. Obwohl sie deutlich langsamer fahren mussten, kamen sie im Schnitt nur 40 Sekunden später am Ziel an als unter der alten Norm.

Weitere Vorteile konnten allerdings nicht nachgewiesen werden. Beispiel weniger Verkehrslärm: Laut einer Studie der FH Jena müssten der Verkehr spürbar ruhiger werden.  In Bristol aber konnten Forscher diesen Effekt nicht nachweisen. Auch die CO2-Emissionen haben sich nicht spürbar verringert. Eigentlich hätten sie sich sogar erhöhen müssen: Deutsche Forscher analysierten Zonen mit dem niedrigeren Geschwindigkeitslimit in Stuttgart. Ergebnis: Ein Tempolimit würde die Verkehrsemissionen um 20 Prozent steigern.

Wie auch immer das EU-Bürgerbegehren ausgeht: In Deutschland ist das 30er Limit zumindest in großen Städten keine Ausnahme mehr. Laut ADAC gilt bereits jetzt auf jeder dritten von vier Straßen in Berlin die niedrigere Geschwindigkeitsgrenze, in München gilt sogar auf 80 Prozent der Straßen Tempo 30.

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