Städtebau: Wie grün sind Wälder auf Wolkenkratzern wirklich?

Städtebau: Wie grün sind Wälder auf Wolkenkratzern wirklich?

von Jürgen Klöckner

In Mailand entsteht das erste Hochhaus mit Bäumen. Es ist leider längst nicht so grün, wie es scheint.

Wie kann man eine Stadt aufforsten, die bis an ihre Grenzen beinahe vollständig zubetoniert ist? In Mailand hat man einen Weg gefunden: Dort eröffnet Ende des Jahres der erste vertikale Wald Europas, der „Bosco Verticale“.

Er entsteht im Zentrum der italienischen Metropole auf zwei bewohnbaren Hochhäusern, je 76 und 110 Meter hoch. Darauf werden 900 ausgewachsene Bäume (zirka ein Hektar Wald) und tausende Pflanzen sowie Büsche wachsen.

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In China sind ebenfalls sechs solcher „farmscrapers“ geplant. Auch in Singapur wollen Architekten einen 26-stöckigen Wolkenkratzer aufforsten. Das Grün soll Staub filtern, CO2 absorbieren und alles in allem die Stadt ökologischer machen. Der Großstadtdschungel wird endlich grün - der perfekte Kompromiss zwischen Urbanisation und Nachhaltigkeit also?

Zumindest auf dem Papier ist es höchste Zeit, dass sich Stadtplaner etwas einfallen lassen müssen. Der Verkehr in den Städten nimmt zu, die Grünflächen und damit die Luftqualität nehmen allerdings rapide ab. Laut einer Studie etwa verlieren US-amerikanische Städte vier Millionen Bäume - pro Jahr.

Nicht so klar hingegen ist, ob daran vertikale Wälder etwas ändern werden.

Gefährliche HöhenluftDer amerikanische Blogger Tim De Chant hat daran große Zweifel. Unter der Überschrift „Können wir bitte aufhören, Bäume auf die Dächer von Hochhäuser zu malen?“ schreibt er: „Es gibt eine Menge wissenschaftlicher Gründe, wieso Wolkenkratzer keine Bäume haben und vielleicht auch niemals haben werden“. Vor allem nicht in den obersten Etagen - dort sei es für Bäume extrem schwierig, zu überleben. Dort oben sei es kalt, heiß, windig und Regen, Schnee und Graupen peitschten mit hoher Geschwindigkeit.

Wenn Bäume in den Höhen überleben, dann nur durch teure und regelmäßige Pflege. Außerdem müssten sie besonders tief wurzeln - weshalb vertikale Wälder mehr Beton und Stahl benötigen würden als normale Hochhäuser, glaubt De Chant. Er folgert: „In Wirklichkeit sind Bäume auf Hochhäusern alles andere als Nachhaltig. Das verschwendet eine Menge CO2, mehr vielleicht, als die Bäume während ihres Lebens absorbieren können“, schreibt er in seinem Post.

In einem zweiten Artikel führt er auch wirtschaftliche Gründe an, die gegen einen vertikalen Wald sprechen. Der Bosco Verticale kostet etwa 85 Millionen Dollar - fünf Prozent davon gehen für die Aufforstung drauf, rechnet der verantwortliche Architekt Stefano Boeri vor, also 4,25 Millionen Dollar. Damit könne man laut De Chant 860 Hektar Stadtwald aufforsten, also 860 Mal mehr Fläche als im Bosco Verticale verbaut werden. Darin sind die deutlich teuren Unterhaltungskosten noch gar nicht mitgerechnet.

Architekt Stefano Boeri scheint das nicht zu beeindrucken. Auf seinem Blog veröffentlicht er regelmäßig neue Fotos, die den Fortschritt der Baustelle dokumentieren.

 

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