Steckbrief bedrohte Arten: Wie der Schweinswal gerettet werden kann

Steckbrief bedrohte Arten: Wie der Schweinswal gerettet werden kann

von Bradnee Chambers

Wir stellen regelmäßig bedrohte Tierarten vor und beschreiben, wie sie sich schützen lassen. Diesmal: der Schweinswal.

In Zusammenarbeit mit dem Sekretariat des “Übereinkommens zur Erhaltung wandernder wild lebender Tierarten” (UNEP/CMS) der Vereinten Nationen in Bonn stellen wir bei WiWo Green regelmäßig bedrohte Tierarten vor und wie man sie schützen kann. In dieser Woche: der Ostsee-Schweinswal.

Fischerei wirkt sich nicht nur negativ auf die Arten von kommerziellem Interesse weltweit aus, sondern auch auf viele andere marinen Arten. In Deutschland hat sich der unbeabsichtigte Fang in Fischereigerät, der sogenannte Beifang, zu einer zentralen Gefahr für Wale und Delfine entwickelt. Der Schweinswal, der die kalten und gemäßigten Gewässer Deutschlands durchstreift, ist mittlerweile stark gefährdet. Schutzpläne, die den Beifang des Kleinwals reduzieren sollen, sind dringend erforderlich.

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Wo lebt der Schweinswal?

Diese Kleinwalart hält sich vorwiegend in Küstennähe auf, wird jedoch auch regelmäßig in Flüssen und gelegentlich in den Hochseegewässern auf der Suche nach Beute gesichtet. Der Name des Schweinswals leitet sich aus dem lateinischen Wort für Schwein, porcus, ab. Zuweilen werden die Schweinswale “schnaubende Schweine” genannt aufgrund ihres Atemzugs, der wie ein Niesen klingt.

Mit einer Lebensdauer von 8-10 Jahren haben sie eine der kürzesten Lebenserwartungen unter den Meeressäugern. Trotz seines großen Verbreitungsgebiets im Nordatlantik, in der Nordsee, Ostsee, dem Mittelmeer, Schwarzen Meer sowie im Nordpazifik ist der Kleinwal immer seltener zu sehen. In europäischen Gewässern ist dies vermutlich in erster Linie eine Folge des Beifangs.

Die weltweite Gesamtpopulation von Schweinswalen wird auf 700.000 Tiere geschätzt. In der Ostsee sind jedoch die Bestandszahlen dieser einzigen heimischen Art dramatisch eingebrochen. Historische Daten weisen darauf hin, dass Schweinswale in dieser Region bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts weit verbreitet waren. Die genetisch andersartige Ostsee-Teilpopulation mit weniger als 500 Tieren ist vom Aussterben bedroht.

Welche Rolle spielt der Schweinswal im Ökosystem?

Der Schweinswal ist eine der kleinsten Walarten. Bedingt durch die niedrigen Temperaturen in seinem Lebensraum hat er einen hohen Energieverbrauch und muss jeden Tag fressen. Die Schweinswale in der Ostsee brechen jeden Winter zu ihrer Wanderung von der zentralen Ostsee zu den westlichen, salzigeren Gewässern auf. Auch wenn die Ostsee in den vergangenen Jahrzehnten nicht mehr zugefroren ist, zielt dieses Verhalten ursprünglich darauf ab zu vermeiden, dass die Tiere unter der Eisdecke eingeschlossen werden.

Wie andere Wale und Delfine spielen Schweinswale eine wichtige Rolle im marinen Ökosystem. An der Spitze der Nahrungskette erhalten sie das ökologische Gleichgewicht der Arten, indem sie die Population und Größenklassen von Fischen und anderen Meerestieren beeinflussen. Unter anderem durch ihre Jagd auf alte und kranke Fische, die die Übertragung von ansteckenden Krankheiten unter Fischpopulationen senkt, tragen sie zu einer gesunden Meeresumwelt bei. Zahlreiche Studien haben bewiesen, dass das marine Ökosystem ohne  Meeresräuber wie Delfine, Schweinswale und Haie aus dem Gleichgewicht gerät.

Warum ist er bedroht?

Schweinswale sind sehr wanderfreudig und bei ihren Wanderungen einer Vielzahl von Gefahren ausgesetzt. Hierzu gehören Beifang, gezielter Fang oder Jagd, Unterwasserlärm, marine Umweltverschmutzung und Zerstörung ihrer Lebensräume. Auch der Klimawandel könnte sich negativ auf diese wie auf andere Meerestierarten auswirken. Beifang, insbesondere in Kiemennetzen, ist jedoch die größte Gefahr.

Denn als Säugetiere müssen die Schweinswale nach ein paar Minuten an die Wasseroberfläche kommen, um Luft zu holen. Aber wenn sie sich in Fischereinetzen verheddern, ersticken sie. Die Zahl der durch Beifang getöteten Tiere ist horrend, und die Auswirkungen auf bedrohte Arten wie den Ostsee-Schweinswal können verheerend sein. Zwar wurde kürzlich von mehreren Befreiungsaktionen von Großwalen aus Fischereigerät berichtet. Dennoch können die Tiere meistens nicht entkommen. Meeressäuger, aber auch Meeresvögel und Meeresschildkröten verenden qualvoll in den Netzen.

Moderne einfädige Netze sind von den Tieren kaum zu erkennen, insbesondere dann, wenn sie sich aufs Jagen konzentrieren. Eine innovative Methode zur Verringerung des Beifangs wird derzeit getestet. Dabei wird ein Warnruf erzeugt, um die Tiere auf die Gefahr in ihrer Nähe aufmerksam zu machen.

Wie alle Meeressäuger sind Schweinswale außerdem in hohem Maße auf ihr Gehör zwecks Orientierung, Kommunikation und Aufspüren von Beute angewiesen. Zunehmende akustische Störungen, etwa durch Schifffahrt, Industrie oder Sonar stellen somit  weitere ernst zu nehmende Bedrohungen dar. Hinzu kommt, dass sich die Lärmquelle in der Nord- und Ostssee sowohl aufgrund des Baus von Windparks als auch der Detonation nicht explodierter Munition aus dem Zweiten Weltkrieg stetig vergrößert. Der somit ausgelöste extrem hohe Schalldruck kann das lebensnotwendige Gehör der Schweinswale verletzen.

Wie lässt sich der Schweinswal schützen?

Das Übereinkommen zur Erhaltung wandernder wild lebender Tierarten (Bonner Konvention, CMS) ist ein weltweites Umweltabkommen, das 1979 in Bonn unterzeichnet wurde. Sein Ziel ist es, Gefahren für wandernde Tiere einzudämmen. Im Hinblick auf die  marinen Tierarten ist Beifang eines der drängendsten Probleme für die Bonner Konvention.

Schweinswale werden durch das unter der Bonner Konvention geschlossene Abkommen zur Erhaltung von Kleinwalen der Ostsee, Nordost-Atlantik, der Irischen See und Nordsee (ASCOBANS) geschützt. Deutschland ist einer der zehn Vertragsstaaten. Um die abnehmende Population in der Ostsee vor dem Aussterben zu retten, wurde 2002 der Rettungsplan für Ostsee-Schweinswale, der sogenannte Jastarnia Plan, erarbeitet. Ziel des Plans ist es, mindestens 80 Prozent des ökologisch verträglichen Bestandes wieder her zu stellen.

Wenngleich die benachbarten Populationen in der westlichen Ostsee und in der Nordsee in ihrem Bestand bisher weniger gefährdet sind als der Ostseeschweinswal, sind auch für die Tiere in diesen Gewässern Schutzmaßnahmen erforderlich.  Nach dem Vorbild des Jastarnia-Plans wurden daher im Rahmen von ASCOBANS spezifische Schutzpläne auch für die Schweinswale in diesen Regionen entwickelt.

Unser Gastautor Dr. Bradnee Chambers leitet als Exekutivsekretär das Sekretariat des Übereinkommens zur Erhaltung wandernder wild lebender Tierarten der Vereinten Nationen in Bonn.

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