Studie: Armutsbekämpfung bringt den Klimaschutz voran

Studie: Armutsbekämpfung bringt den Klimaschutz voran

von Jan Willmroth

Die UN wollen bis 2030 allen, die heute ohne Strom sind, Zugang zu erneuerbaren Energien verschaffen. So könnte das 2-Grad-Ziel erreicht werden.

Das Hauptproblem des Klimaschutzes ist psychologisch: Viele Menschen haben ein Problem mit Wahrscheinlichkeiten. Denn es fällt ihnen leichter, in alles-oder-nichts-Szenarien zu denken, als in unterschiedlich wahrscheinlichen Ereignissen. Unsicherheit blenden wir gern aus, sie macht Entscheidungen zu kompliziert. Noch schwieriger wird es, wenn die Ereignisse weit in der Zukunft liegen, wie beim Klimawandel.

Der amerikanische Statistik-Professor Mark Berliner meint, diese Abneigung gegen Wahrscheinlichkeiten sei einer der Hauptgründe, warum der Klimawandel in der amerikanischen Öffentlichkeit noch nicht richtig angekommen sei: „Wir müssen den Klimawandel als eine Reihe von mehr oder weniger wahrscheinlichen Ereignissen begreifen und nach einer Reihe von Lösungen suchen, die uns am meisten bringen.“ Vor allem in seinem Heimatland falle es ihm seit Jahren schwer, Politikern und Öffentlichkeit diese Sichtweise nahezubringen.

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Denn in einem Schwarz-weiß-Szenario könnten wir den Klimaschutz auch gleich bleiben lassen – er ist viel zu teuer, eher sollten wir uns dann auf die Folgen einstellen und mit ihnen klarkommen. Doch so einfach ist es nicht. Maßnahmen, die wir heute gegen den Klimawandel ergreifen, ändern vor allem die Wahrscheinlichkeit bestimmter Ereignisse – und machen so die Folgen der globalen Erwärmung unwahrscheinlicher; also zum Beispiel Überschwemmungen, Stürme, steigende Meeresspiegel, längere Dürren.

Mit solchen Wahrscheinlichkeiten beschäftigen sich die Klimawandel-Experten am Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA) in Österreich sehr intensiv. In einer kürzlich im Fachblatt Nature Climate Change erschienenen Studie haben die Forscher des Instituts zusammen mit Experten der ETH Zürich untersucht, welchen Beitrag die UN-Initiative „Sustainable Energy for all“ (SE4All) zum Klimaschutz leisten kann? Die Antwort der Forscher: Sehr viel. Der UN-Plan sieht vor, dass bis 2030 unter anderem jeder Erdenbürger Zugang zu modernen Energiequellen hat, der Anteil erneuerbarer Energien verdoppelt wird und die Energieeffizienz doppelt so schnell wächst wie heute.

Energie für alle hilft auch dem KlimaschutzVor allem ist der UN-Plan, die globale Armut mit Energieversorgung zu mildern, laut Studie eine wichtige Voraussetzung, um den Klimawandel zu verlangsamen. „Es wäre ein wichtiger Einstieg in stringenten Klimaschutz, wenn die drei Energieziele der Initiative erreicht werden“, sagte der zürcher Professor Joeri Roegelj, Hauptautor der Analyse. Die kurzfristigen 2030-Ziele könnten eine Basis für längerfristige Ziele zum Schutz des Klimas schaffen.

Kern der Studie ist eine Modellrechnung, bei der die Forscher die Wahrscheinlichkeit ausgerechnet haben, die globale Erwärmung auf zwei Grad zu begrenzen. In ihren Szenarien wurden entweder jedes einzelne der UN-Ziele erreicht, oder alle zusammen. Geht der SE4all-Plan auf, liegt die Wahrscheinlichkeit, das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen, bei mehr als 60 Prozent.

Gerade die universale Energieversorgung, die einen erhöhten Stromverbrauch ermöglichen würde, widerspreche dabei nicht dem Klimaschutz: „Nachhaltige Entwicklung und Armutsbekämpfung können Hand in Hand mit Klimaschutzzielen funktionieren“ sagte Roegelj.

Grundvoraussetzung für einen effektiven Klimaschutz bleibe aber eine weltweite Obergrenze für Treibhausgasemissionen, die die Emissionen aus allen Quellen limitiert. Aber da kommt die These von Berliner wieder ins Spiel: Die Klimaverhandlungen sind auch wegen der Wahrscheinlichkeiten so schwierig. Ganz zu schweigen vom öffentlichen Bewusstsein. Da sind Forschungsergebnisse wie die des IIASA nicht gerade leicht zu vermitteln.

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