Studie: Pestizide sind weitaus gefährlicher als bislang angenommen

Studie: Pestizide sind weitaus gefährlicher als bislang angenommen

von Thiemo Bräutigam

Bayer und BASF dürfte das kaum schmecken: Pestizide schaden neben Bienen auch Vögeln und Regenwürmern.

Für die Unternehmen Bayer, BASF und Syngenta kommt diese Studie zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Die drei größten Chemiekonzerne Europas streiten derzeit gerichtlich gegen Beschränkungen von Pestiziden aus ihrer Produktpalette. Vergangenes Jahr hatte die EU-Kommission die Nutzung einiger Umweltgifte zum Teil erheblich eingeschränkt.

Denn die Neonikotinoide (sogenannte „Neonics“) sowie der Wirkstoff Fipronil stehen im Verdacht, eine Mitschuld am Bienensterben zu tragen. Die Konzerne dementieren. Sie sind überzeugt, dass die EU-Kommission schlampig gearbeitet habe  und „nicht alle verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse berücksichtigt sind“.

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Behält die Studie der Weltnaturschutzunion (IUCN), die im Sommer in der Fachzeitschrift Environment Science and Pollution Research veröffentlicht werden soll, Recht, werden Bayer, BASF und Syngenta bei dieser Auseinandersetzung wohl wieder in die Defensive geraten. Denn die umfangreich recherchierte Arbeit bietet erstmals einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand – und der ist erschreckend. Bisher galten die Sorgen der Naturschützer vor allem der wirtschaftlich bedeutenden Honigbiene.

Auch Regenwürmer und Vögel sind betroffenDie Sichtung und Auswertung von mehr als 800 Studien legt jedoch nahe, dass auch andere Tierarten betroffen sein könnten. Insbesondere wilde Bestäuber wie Hummeln, aber auch Regenwürmer und sogar Vögel sind demnach  ernsthaft gefährdet. Damit wird der Einsatz von Umweltgiften zu einer weltweiten Bedrohung für die Artenvielfalt unserer Ökosysteme.

Fast ebenso beunruhigend wie das, was nun über die Pestizide bekannt wird, ist das, was man nicht über sie weiß. Es gibt kaum Daten darüber, wo und in welchem Ausmaß Pestizide eingesetzt werden, auch überprüft kaum jemand ihre Konzentrationen in der Umwelt. Das macht die Bedrohung umso weitreichender. Zwar ließe sich durch ein Verbot  verhindern, dass Pestizide sich weiter verbreiten. Die bereits vorhandene Belastung bliebe jedoch bestehen. WiWo Green liegt eine Vorab-Version der Studie vor.

Das sind die wichtigsten Ergebnisse der Studie:

  • Die Giftstoffe sind langlebiger als gedacht. Vor allem im Boden können sie Monate und Jahre bestehen und gefährden so auch Regenwürmer. Böden sind dauerhaft kontaminiert, auch Grund- und Oberflächenwasser sind betroffen.
  • Die Zerfallsprodukte der Wirkstoffe wirken auf einige Organismen noch giftiger als das Ausgangsprodukt. Ebenso ist offenkundig, dass Neonicotinoide ein ernstes Risiko für Honigbienen und andere Bestäuber darstellen.
  • Bei Gartenhummeln wurden unwiderlegbare Wirkungen auf Kolonieebene festgestellt: exponierte Kolonien wachsen langsamer und produzieren signifikant weniger Königinnen.
  • Chronische Wirkungen und "subletale Effekte", also Effekte, die die Tiere zwar schädigen, aber nicht töten, werden bei der Zulassung kaum getestet. Dazu gehören: Beeinträchtigung von Geschmackssinn und Erinnerungsvermögen; verringerte Fruchtbarkeit; verändertes Fressverhalten und verminderte Nahrungsaufnahme, ebenso verminderte Futtersuche bei Bienen; verändertes Verhalten beim Röhrenbau der Regenwürmer; Flugstörungen und erhöhte Erkrankungsanfälligkeit.

Diese Grafik zeigt die betroffenen Tiergruppen:



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