Studie über Lebensmittelpreise: Landwirte schieben Folgekosten auf die Allgemeinheit

Studie über Lebensmittelpreise: Landwirte schieben Folgekosten auf die Allgemeinheit

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Auch tierische Erzeugnisse aus biologischer Haltung müssten aufgrund von Folgekosten im Preis steigen.

von Jonas Gerding

Antibiotika und Dünger: Die Folgekosten der Landwirtschaft kosten die Gesellschaft einiges, wie Wissenschaftler aus Augsburg nun herausgefunden haben.

Einer der großen deutschen Discounter lockt in diesen Tagen mit einem Sonderangebot: Drei Schweinenackensteaks, insgesamt 600 Gramm Fleisch, liegen für nur 2,19 Euro im Kühlregal aus. Dies sei nun mal der Preis, den die Kunden zu bezahlen bereit seien, rechtfertigen Einzelhändler oft die Offerten ihres Billigsortiments. Dass für die vermeintlichen Schnäppchen jedoch auch Unbeteiligte zur Kasse gebeten werden, darauf gehen sie normalerweise nicht ein.

Wissenschaftler der Universität Augsburg haben nun einen Versuch unternommen, die Folgekosten der Landwirtschaft für Tier, Umwelt und Mensch zu beziffern. Zumindest ansatzweise. Denn die gesamte Bandbreite der "externen Effekte", wie die Folgekosten von Ökonomen bezeichnet werden, ist so groß, dass sie von einer einzigen Studie unmöglich abgedeckt werden kann.

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Die Kassenpreise seien zu niedrig, lautet das wenig überraschende Ergebnis der Studie mit dem sperrigen Titel "Externe Effekte in der Landwirtschaft Beispiel von Antibiotikaresistenzen und Nitrat-/Stickstoffbelastung". Die Untersuchung zeigt jedoch auch, dass es an Informationen über die Schäden mangelt - und dass sogar für Bio-Produkte mehr bezahlt werden müsste. 

Folgekosten in Milliardenhöhe

Das Düngen von Feldern führt zu einer enormen Belastung durch Nitrat und Stickstoff, die in den Boden und das Grundwasser gelangen. Unter Umständen muss das Trinkwasser gereinigt und geschädigte Personen medizinisch behandelt werden. Für diese Folgekosten kommen jedoch weder Landwirte noch Endverbraucher auf. Der Staat, einzelne Bürger oder zukünftige Generationen müssen die Zeche zahlen. Auf mehr als 10 Milliarden Euro jährlich beziffern die Forscher die entstandenen Folgekosten.

In Auftrag gegeben wurde die Studie vom Aktionsbündnis “Artgerechtes München”. Die Initiatoren setzen sich für eine bessere Tierhaltung ein und fordern die Stadt München dazu auf, in städtischen Häusern wie Kitas nicht länger Lebensmittel aus industrieller Tierhaltung zuzubereiten.

Sie wollen die Studie nutzen, um für ihr Anliegen zu werben: “Würden alle negativen Folgen der industrielle Landwirtschaft für Mensch, Tier und Umwelt auf den Preis unserer Lebensmittel aufgeschlagen, würde das Preispendel sehr schnell zugunsten der ökologisch erzeugten Lebensmittel ausschlagen”, heißt es in der Pressemitteilung des Bündnisses.

Als gänzlich überzeugender Beleg dafür taugt die Augsburger Studie allerdings nicht. Würden die Folgekosten des Düngens auf die Lebensmittelpreise angerechnet, müsste bei tierischen Produkten aus konventioneller Landwirtschaft mit einem Aufschlag von zehn Prozent gerechnet werden. Bei Lebensmitteln mit einem Bio-Siegel müssten Verbraucher ebenfalls draufzahlen, um für die Schäden aufzukommen: ein Plus von vier Prozent. Vollkommen nachhaltig ist demnach auch Tierhaltung nach biologischen Standards nicht.

 Antibiotikaresistenzen ein Problem

Besser wegkommen würde die biologische Landwirtschaft möglicherweise, wenn noch weitere der etlichen Folgekosten mit einkalkuliert werden würden. Doch das ist schwierig - und bisweilen sogar unmöglich. Der zweite "externe Effekt", den sich die Augsburger Wissenschaftler vorgenommen haben, ist das Problem der Antibiotikaresistenzen.

Insbesondere in der konventionellen Tierhaltung werden Medikamente verabreicht, um gegen Krankheiten vorzugehen. Dagegen können sich jedoch Resistenzen bilden, die die Wirkung der Antibiotika verhindern.

Eine der bekanntesten Resistenzen ist der sogenannte Erregerstamm LA-MRSA. Vor allem, weil er sich auch auf Menschen übertragen kann, die mit den Tieren in Berührung kommen. Landwirte können deshalb ebenfalls erkranken, ohne dass ihnen ein Antibiotika zur Bekämpfung des Übels zur Verfügung stehen würde.

Zu gerne hätten die Forscher die Folgekosten berechnet, die beispielsweise durch ärztliche Behandlung entstehen. Doch es gelang ihnen nicht, weil die Informationslage völlig unzureichend gewesen sei. "Es gibt keine Meldepflicht, keine Transparenz",  berichtet Paulina Simkin von der Universität Augsburg. "Wie viele mit multiresistenten Keimen aufgrund der Intensivtierhaltung Infizierte es tatsächlich gibt, kann niemand genau sagen."

Was nach einer wissenschaftlichen Kapitulation klingt, birgt jedoch auch eine wichtige Erkenntnis: Es braucht mehr Transparenz, um die wichtige Debatte über den wahren Preis von Lebensmitteln zu führen. Landwirte und Gesundheitsbehörden müssen mehr Informationen zusammentragen und der Wissenschaft zur Verfügung stellen. Egal, ob sie deren Ergebnisse letztendlich mögen oder nicht.

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