„The Recycled Orchestra“: Das Lied von der Mülldeponie

„The Recycled Orchestra“: Das Lied von der Mülldeponie

von Thiemo Bräutigam

Die Kinder von Cateura spielen zwischen Bergen aus Müll - mit Violinen und Celli. Im "Recycled Orchestra" verwandeln sie Schrott in Musik.

Ada Maribel Rios Bordados spielt Geige in einer Welt des Abfalls. Die 14-Jährige ist Teil eines Orchesters, das es so kein zweites Mal gibt. Sie lebt im Cateura, Paraguay, einem Slum am Rande der Hauptstadt Asunción. Es ist ein Viertel, gebaut auf der größten Müllkippe des Landes. Ohne die Musik, sagt Ada, wäre ihr Leben wertlos. Doch eine echte Violine ist in Cateura mehr wert als ein Haus. Was bleibt den Kindern von Cateura, umgeben von Müllbergen, aufgetürmt aus dem Abfall der sogenannten entwickelten Welt?

Die Kinder aus dem Slum haben aus ihrer Not eine Tugend gemacht. Zusammen mit ihrem Musiklehrer Favio Chavez basteln sie ihre Musikinstrumente aus dem Material, das für sie allgegenwärtig ist - aus Müll. Sie sind „The Recycled Orchestra“, das recycelte Orchester. „Wir fanden diesen Geigenkoffer, dort in dem Haufen“, sagt Nicolas 'Cola' Gomez, einer der Arbeiter auf der Müllhalde „und haben dann angefangen recycelte Instrumente zu bauen.“ Dann werden zum Beispiel aus Münzen, Konserven, Gabeln, Knöpfen und Schlüsseln ein Saxophon, eine Violine oder ein Cello. Das hat dem "Recycled Orchestra" sogar schon einen Auftritt mit der Metal-Band Megadeth beschert.

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Täglich landen auf der Deponie etwa 1500 Tonnen Abfall. Cateura ist, wenn man so will, die Müllhalde von Asuncion, Paraguays Hauptstadt. Dieser Müll bildet die Lebensgrundlage der meisten Familien vor Ort. Sie sammeln und sortieren den Müll für die Recycling-Industrie. Auch Kinder wie Ada Maribel bleiben von dieser beschwerlichen Arbeit nicht verschont und setzen ihre Gesundheit aufs Spiel. Favio Chavez wollte die Kinder wegbekommen von den Müllbergen. 40 Prozent der Kinder haben keinen Schulabschluss, weil sie schon früh arbeiten müssen.

Das Leben als Müllsammler ist nicht erstrebenswert – besonders nicht für die Jugend von Cateura. Das Risiko, mit Drogen und Gangs in Kontakt zu kommen, ist hoch. Die meisten Kinder erwartet keine rosige Zukunft. Alles was ihnen bleibt ist Hoffnung. Ein wenig Hoffnung bietet ihnen nun das 'Recycled Orchestra'. Heute besteht das Orchester aus 35 Kindern, weitere 200 werden an der Musikschule unterrichtet.

„Wenn ich den Klang einer Violine höre, habe ich Schmetterlinge im Bauch. Es ist ein Gefühl, dass ich nicht beschreiben kann“, sagt Ada Maribel über die Musik. Statt Worte lässt das Recycled Orchestra lieber die Musik für sich sprechen. Es ist das Lied von der Mülldeponie, das in all ihren Stücken zu hören ist. Ein Lied von Elend und Hoffnung - dessen Klang das Interesse von Graham Townsley geweckt hat.

Townsley ist Dokumentarfilmer und Serienregisseur. Er hat bereits für National Geographic, den Discovery Channel und die BBC gearbeitet. Er will die Kinder von Cateura und ihr Recycled Orchestra noch dieses Jahr auf die Leinwand bringen. Der Name des Projekts steht bereits fest: „Landfill Harmonic“. Frei übersetzt heißt das etwa „Philharmonie der Müllkippe“. Finanziert wurde der Film auch via Crowdfunding. Auf dem Portal Kickstarter sammelte Townsley mit seinem Team fast 215.000 US-Dollar, gut 150.000 Euro.

„Die Menschen realisieren, dass wir Müll nicht einfach sorglos wegwerfen sollten. Eigentlich sollten wir Menschen auch nicht einfach so wegwerfen“, lautet das nachdenklich stimmende Fazit der Kinder von Cateura. In der Stadt leben laut Informationen von UNICEF etwa 2.500 Familien unter prekären und unhygienischen Umständen.

Sehen Sie den Trailer zum Film „Landfill Harmonic“:

 

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