Trotz Paris: Die Welt steuert auf drei Grad Erderwärmung zu

Trotz Paris: Die Welt steuert auf drei Grad Erderwärmung zu

Die Welt steuert weiter auf mindestens drei Grad Erderwärmung zu. Um das abzuwenden, braucht es mehr als einen Klimavertrag.

Hatte man sich bei bisherigen UN-Klimakonferenzen nur auf zwei Grad maximale Erderwärmung einigen können, stehen jetzt, nach der Konferenz von Paris, sogar 1,5 Grad im Vertrag. Wörtlich heißt es: Ziel sei, die "durchschnittliche globale Erwärmung weit unter zwei Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen und zudem Anstrengungen zu unternehmen, die Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen".

Das Problem: Klimaexperten vom Weltklimarat IPCC und der UN-Weltorganisation für Meteorologie (WMO) gehen davon aus, dass dieses Ziel längst nicht mehr erreicht werden kann, weil dafür bereits zu viel CO2 in die Atmosphäre gepustet wurde. Nur aus politischen Gründen stehe die 1,5 jetzt im Vertrag, kritisiert Chee Yoke Ling vom Third World Network. Nur so sei es gelungen, die am stärksten bedrohten Inselstaaten und ärmere afrikanische Staaten zur Unterschrift zu bewegen.

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Erstmals hatten im Vorfeld einer UN-Klimakonferenz nahezu alle Staaten freiwillige Reduktionsverpflichtungen bei den Vereinten Nationen eingereicht. Das Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung (PIK) hat sich die Zahlen angeschaut und kommt zu dem ernüchternden Ergebnis, dass sich damit noch nicht einmal das Ziel einer maximalen Erderwärmung von zwei Grad erreichen lasse. "Mit den bislang eingereichten freiwilligen Selbstverpflichtungen zum Klimaschutz steuert die Welt eher auf drei Grad Temperaturplus zu", warnte PIK-Direktor Joachim Schellnhuber.

Paris bot nun die Gelegenheit zum Nachbessern der CO2-Reduktionen und einem ambitionierten Klimaschutzfahrplan. Doch nichts ist geschehen. Eine Überprüfung der nationalen Klimaschutzpläne soll es erst 2019 geben. "Ob das noch ausreicht, sie vor Inkrafttreten des neuen Abkommens 2020 zu verbessern, ist mehr als fraglich", sagte Hubert Weiger, Vorsitzender des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).

"Es reicht nicht, ein 1,5-Grad-Ziel in den Vertrag zu schreiben, wir brauchen auch ein entsprechendes Instrumentarium, um dieses Ziel zu erreichen", sagte Carole Dieschbourg, die als luxemburgische Umweltministerin die Verhandlungen für die EU leitete. Dass auch die EU nicht bereit war, ihr längst erreichtes Klimaschutzziel, 20 Prozent weniger CO2 bis 2020, nachzubessern, verschwieg sie.

Fehlt Geld, um die Erderwärmung zu stoppen?Ebenso Stillstand beim Thema Finanzen: 100 Milliarden US-Dollar im Jahr für den Klimaschutz versprachen die Industrienationen den Entwicklungsländern bereits auf dem Klimagipfel 2009 in Kopenhagen. Aber erst ab 2020. Und dabei soll es dann auch bleiben.

Dass die Anpassung an den Klimawandel für die ärmsten Länder sehr viel teurer werden dürfte, zeigt der jüngste Adaptation-Gap Bericht des UN-Umweltprogramms UNEP: bis 2050 könnte der jährliche Finanzbedarf auf 500 Milliarden US Dollar weltweit anwachsen. Und UNEP-Chef Achim Steiner betonte, dass dies eine sehr konservative Berechnung sei.

Umweltschützer kritisieren auch, dass sich der Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas nicht mehr als Langfristziel im Vertrag findet. Stattdessen soll laut Text in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts lediglich eine "Emissionsneutralität" erreicht werden. Das bedeutet: Emissionen sind erlaubt, wenn sie an anderer Stelle wieder eingespart werden. Diese Formulierung lasse eine "scheunentorgroße Öffnung" für die unterirdische Kohlendioxid-Speicherung zu, beklagt der Chef des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu), Olaf Tschimpke.

Ginge es nach der Wissenschaft, müsste spätestens 2050 Schluss sein mit klimaschädlichen Emissionen, um überhaupt noch realistisch den globalen Temperaturanstieg auf maximal zwei Grad begrenzen zu können. Gestritten wurde in Paris über alternative Zeitfenster wie "im Laufe des Jahrhunderts" oder "bis zum Ende des Jahrhunderts". Jetzt steht "in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts" im Pariser Vertrag. Klimaexperten warnen: bis dahin würde bereits so viel CO2 emittiert, dass die schlimmsten Folgen einer globalen Erderwärmung gar nicht mehr abgewendet werden könnten.

Schwammige Formulierungen für GroßemittentenUmstritten bleibt auch nach Paris die Lastenverteilung zwischen Industriestaaten und Schwellenländern beim Klimaschutz. Nun werden mit einer schwammigen Formulierung Entwicklungs- und Schwellenländer "ermutigt", sich gemäß ihrer Möglichkeiten am Klimaschutz zu beteiligen. Fest steht: Wenn sich Länder wie China, Indien, Malaysia, Saudi-Arabien und Venezuela auf Dauer nicht auch auf Klimaschutz verpflichten lassen, wird der Pariser Vertrag wenig bewirken.

Die USA haben es noch in letzter Sekunde geschafft, dass auch die Industrieländer nicht rechtlich verbindlich ihre Emissionen reduzieren müssen. Im entscheidenden Paragraphen stand lange, dass die reichen Länder bei der CO2-Reduktion weiter voran schreiten sollen ("shall"). Jetzt heißt es sollten ("should"), was im internationalen Recht zu nichts verpflichtet. US-Präsident Obama weiß nur zu gut, dass er eine rechtliche Verpflichtung der USA zum Klimaschutz nicht durch den Kongress bekommen hätte, der von den Republikanern kontrolliert wird.

"Der Kompromiss ermöglicht es allen Beteiligten, erhobenen Hauptes nach Hause zu gehen", sagte der französische Außenminister und COP-Verhandlungsführer Laurent Fabius am letzten Tag des Klimagipfels. Recht hat er. Aber darin liegt auch das Problem eines jeden international ausgehandelten Klimaschutzkompromisses. Alle Staaten, die in Paris zwei Wochen lang verhandelt haben, aber vor allem auch die Energiewirtschaft und die Finanzwelt haben es nun in der Hand, ob Paris der Anfang oder das Ende beim Klimaschutz sein wird.

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