Tschüss Quote: Müssen Kleinbauern Billigmilch fürchten?

Tschüss Quote: Müssen Kleinbauern Billigmilch fürchten?

von Peter Vollmer

Seit heute ist die Milchquote Geschichte. Kleine Betriebe und Ökohöfe befürchten fallende Preise.

Morgen, am 1. April, wird die Milchquote nach über 30 Jahren Geschichte sein. Die Milchbauern in der EU dürfen dann im freien Wettbewerb entscheiden, wie viel Milch sie produzieren.

Ändern soll sich kaum etwas – hofft die EU. Viele Milchbauern sehen das allerdings anders, sie befürchten fallende Preise.

Anzeige

Die Quote war ursprünglich eingeführt worden, um Kosten für die Verbraucher stabil zu halten. Außerdem wollte man Milchseen und Butterberge verhindern. Denn der Staat kaufte Überschüsse, um den Bauern Preise und Abnahmen zu garantieren.

1984 beschloss der EG-Ministerrat deshalb die Einführung einer Milchquote. Sie sollte die Produktionsmenge senken. Bauern die mehr Milch erzeugten, als erlaubt, wurden bestraft.

Neue Freiheit, neue PreiseDie preisstabilisierende Wirkung blieb allerdings Teil der Theorie – tatsächlich gab es vor allem in den letzten Jahren starke Ausschläge am Milchmarkt. Und das nicht nur, weil die Quote zuletzt mehrfach angehoben worden war, um einen sanften Übergang zu ermöglichen.

Eine unsichere weltweite Nachfrage und Dumpingrunden der Großproduzenten sind zwei Gründe, warum die Preise schwanken. Zudem fehlt eine Warenterminbörse für Milch, über die sich Bauern absichern könnten.

Der Deutsche Bauernverband begrüßt die neue Freiheit. Kapazitäten von Ställen und Melkanlagen könnten künftig effizienter ausgelastet werden, heißt es in einer Stellungnahme. Zudem könnten deutsche Milcherzeuger neue Märkte in anderen Ländern erschließen.

Gerald Wehde vom Bioland-Verband und der Bundesverband Deutscher Milchviehalter (BDM) warnen hingegen vor den Folgen der Liberalisierung. Wer in Massen für den Weltmarkt produziere, senke die Liter-Preise so stark, dass er Kleinbetriebe an die Wand drücke.

Sicherheitsnetz für KleinbetriebeNiedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) befürchtet eine Überproduktion und noch mehr Massentierhaltung.

Bei Deutschlandradio Kultur warnte er, dass Höfe mit über 1000 Kühen Weidehaltung und Ökobetriebe ersetzen könnten. Daher müsse man intervenieren, „wenn der Preis sinkt".

Eine Forderung, die der BDM längst an die europäische Politik gerichtet hat. Der Verband fordert von der EU ein Sicherheitsnetz, das bei niedrigen Preisen greife. Denn nur Großbetriebe könnten diese tragen, ohne langfristig Verluste einzufahren.

EU-Agrarkommissar Phil Hogan dürfte das nicht sonderlich beeindrucken. Er sagte zum Ende der Milchquotenregelung, dass nun „eine ganze Generation von Milcherzeugern mit völlig neuen Lebensumständen konfrontiert sein wird und lernen muss, mit den Volatilitäten des Marktes zu leben.“

Dass die Ängste vor Großhöfen nicht ganz aus der Landluft gegriffen sind, zeigt die Entwicklung in den Ställen. Die deutschen Betriebe haben im Schnitt 54 Kühe und sind damit immer noch weit von der Massentierhaltung entfernt. Allerdings: 2003 waren es im Schnitt noch 36, während die Zahl 2010 bereits auf 46 Tiere pro Hof gewachsen ist.

Gleichzeitig hat die Zahl der Beschäftigten abgenommen: Zwischen 1984 und 2014 ist die Anzahl der deutschen Milchproduzenten von 369.000 auf 77.000 zurückgegangen – also um knapp 80 Prozent.

Das dürfte an der technischen Entwicklung liegen - Fütterungsmaschinen und Melkroboter ersetzen Menschen. Aber auch daran, dass gerade den kleineren Höfen der Nachwuchs ausgeht.

Öko-Milch kennzeichnenWährend die Kleinbetriebe ängstlich auf die Preise schauen, hat Meyer eine andere Idee: Niedersachsen wird ein Weidemilch-Programm starten. Milch von Kühen, die tatsächlich auf der Weide grasen, soll auch als solche gekennzeichnet werden.

Vorbild ist die Kennzeichnung für Eier. Verbraucher, die Wert auf artgerechte Haltung legen, bezahlen den Mehrpreis. Öko-Milch, Weidemilch und Milch aus Intensivtierhaltung könnten einträchtig im Regal nebeneinander stehen. Der Kunde entscheidet. In den Niederlanden ist dies laut Meyer bereits größtenteils üblich und funktioniere.

Eine solche Kennzeichnungspflicht dürften Großproduzenten verschmerzen. Nach wie vor setzen viele Verbraucher auf den niedrigsten Preis. Außerdem bietet der Weltmarkt gute Möglichkeiten für den Export von Milch und weiterverarbeiteten Produkten. Das Interesse an deutschen Milchprodukten ist groß.

So groß, dass Anfang des Jahres Drogerien den Verkauf von Milchpulver für Babys auf drei Packungen pro Einkauf begrenzen mussten. Das lag an der hohen Nachfrage aus Drittländern, insbesondere China.

Neben Europa ist Asien der mit Abstand wichtigste Abnehmer für deutsche Milch.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%