Türkei: Fünf Infrastrukturprojekte, die für Aufruhr sorgen

Türkei: Fünf Infrastrukturprojekte, die für Aufruhr sorgen

von Markus Okur

Ein Bauprojekt in Istanbul löste die türkischen Proteste aus - doch für Sprengstoff sorgen weitere Vorhaben.

Kaum eine Metropole verändert sich im Moment so rasant wie Istanbul. Doch die Stadtverwaltung des Tigers vom Bosporus und die türkische Regierung sind gerade dabei, durch ihre gigantischen Infrastrukturprojekte den Rückhalt der Bevölkerung zu verlieren. Seit Tagen machen Bilder aus der Türkei von Straßenschlachten, Protestmärschen und empörten Bürgern die Runde, die das autoritäre Gehabe der politischen Machthaber nicht mehr akzeptieren wollen.

Auslöser der Proteste war ein kleiner, überschaubarer Konflikt im Instanbuler Gezi Park am Taksim Platz. Das Grün soll einem modernen Shopping-Center weichen. Überraschend für alle war die Brutalität, mit der die Polizei auf den Widerstand gegen das Bauprojekt reagierte.

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Der Kampf um den Park ist deshalb zu einem Symbol geworden für die von vielen als autoritär empfundene AKP-Regierung, und für das, was sie als „Modernisierung“ versteht. Die kommt nämlich oft mit der Dampfwalze daher und ohne die Bürger einzubeziehen.

Der von Ministerpräsident Erdoğan vielbeschworenen "2023-Vision" anlässlich des hundersten Geburtstages der Gründung der Republik - nämlich dann zu den zehn stärksten Volkswirtschaften der Welt zu gehören - haben sich ökologische Bedenken unterzuordnen. Kritik ist in dem allermeisten Fällen unerwünscht.

Wir haben an dieser Stelle die fünf größten Infrastruktur-Projekte in der Türkei und deren ökologische Konsequenzen zusammengetragen. Bei fast allen ist das Konfliktpotenzial erheblich.

Istanbul-Kanal

Der Istanbul-Kanal ist ein von der türkischen Regierung geplanter Kanal, der das Marmarameer mit dem Schwarzen Meer verbinden soll. Angestrebt wird eine Eröffnung im Jahr 2023 zum hundertsten Jahrestag der Gründung der Türkei.

Der nordwestlich von Istanbul verlaufende, rund 50 Kilometer lange Kanal soll zur Entlastung des Schiffsverkehrs auf dem Bosporus dienen. Experten befürchten jedoch erhebliche Gefahren für das Ökosystem durch die künstlich herbeigeführte Vermischung von kaltem Süßwasser aus dem Schwarzen Meer und warmem Salzwasser aus dem Mittelmeer. Außerdem fürchten die Experten, dass mehr Wasser aus dem schwarzen Meer abfließt, als durch Flüsse nachgeliefert wird und so ein jahrtausende altes, natürliches Ökosystem aus dem Gleichwicht gerät.

Zwar könnten durch den neuen Kanal Tankerunglücke womöglich vermieden werden, da der vielbefahrene Bosporus entlastet wird (allein 40 Millionen Tonnen Öl pro Jahr werden auf diesem Weg transportiert), doch mit dem Bau neuer Häfen sowie Wohn- und Bürogebäuden in der Nähe des Kanals kündigt sich auch ein weiteres, massives Problem an: Die Abholzung großer Waldgebiete westlich von Istanbul.

Atomkraftwerke

Die gesamte Türkei ist eine Erdbebenrisikozone – beim letzten verheerenden Erdbeben 1999, bei dem das Epizentrum in İzmit nahe Istanbul lag, kamen rund 18.000 Menschen ums Leben. Kleine und mittlere Erdbeben ereignen sich beinahe täglich.

Während Deutschland gerade mühsam die Energiewende weg vom Atomstrom versucht, steuert die Türkei mit Macht in die atomare Zukunft – die ersten beiden Atomkraftwerke des Landes sind derzeit im Bau.

Das erste Atomkraftwerk baut der russische Konzern Rosatom an der Mittelmeerküste. Angekündigt wurde dies unmittelbar nach dem Supergau in Fukushima. Ab 2019 soll es Strom produzieren. Russland unterstützt die Türkei nicht nur beim Bau der Anlagen, sondern auch bei der Finanzierung. Das Abkommen zum Bau eines zweiten Atomkraftwerks wurde im Mai 2013 von der türkischen Regierung und einem französisch-japanischen Firmenkonsortium (Mitsubishi, Itochu, GDF Suez) unterzeichnet. Die Wahl fiel laut Erdogan auf das japanische Unternehmen, weil sie Erfahrung im Umgang mit Erdbeben haben.

Die Türkei importiert nahezu 97 Prozent ihres Energiebedarfs. Ziel von Erdogan ist es, die Abhängigkeit seines Landes von fossilen Brennstoffen zu verringern und bis zum Jahr 2023 zehn Prozent des heimischen Strombedarfs durch Atomstrom selbst zu decken. Türkische Umweltschützer kritisieren die Baupläne und weisen auf die große Erdbebengefahr in der Türkei hin. Eine breite Protestbewegung gegen die Bauten gibt es nicht. Ein drittes AKW ist in Planung.

Staudämme

Am Tigris in Südostanatolien soll einer der umstrittensten Staudämme der Welt entstehen – der Ilisu Damm. Im Frühjahr 2008 wurde mit den Bauarbeiten begonnen, damals noch mit tatkräftiger Unterstützung Deutschlands, Österreichs und der Schweiz. Nach drei Jahren öffentlicher Proteste in Europa und der Türkei und fortlaufender Missachtung internationaler Standards kündigten die drei Länder im Juli 2009 ihre Verträge mit der Türkei und es kam zu einem Baustopp.

Im Frühjahr 2010 wurden die Bauarbeiten wieder aufgenommen – die Türkei versucht nun das Projekt aus eigener Tasche zu finanzieren und gegen den Willen der lokalen Bevölkerung durchzusetzen. Die Bauzeit soll bis zu acht Jahre betragen.

Die Konsequenzen des Baus: Gut 400 Kilometer des Tigris und seiner Nebenflüsse würden zerstört werden. Unterhalb des Dammes würden Flutwellen das Ökosystem vernichten, über 200 bekannte archäologische Fundstätten würden verloren gehen, darunter die berühmte antike Stadt Hasankeyf, in deren Umfeld insgesamt 23 Kulturen lebten.

Tausende von Menschen müssten ihre Heimat verlassen, Siedlungen und wertvolles Ackerland würden geflutet. Der Plan steht zudem im Widerspruch zu internationalen Abkommen, da die Nachbarstaaten Syrien und der Irak nicht konsultiert wurden. Eine weitere Folge könnte die Verschärfung der ethnischen Konflikte in Anatolien sein.

Dritter Flughafen und dritte Bosporus-Brücke

Istanbul verfügt bereits über zwei Flughäfen – Atatürk und Sabiha Gökcen – mehr Kapazität wäre eigentlich nicht notwendig. In Erdogans Visionen jedoch wird Istanbul bald deutlich größer sein als bisher: also mehr als 14 Millionen Einwohner umfassen und sich auch über mehr als die 150 Kilometer erstrecken, die die Megapolis derzeit von West nach Ost misst.

Rund um den neuen Flughafen soll eine "neue Stadt" entstehen, tausende alte Häuser sollen in dem Zuge abgerissen werden. Die ersten Sprengungen haben bereits stattgefunden.

Eine weitere Großbaustelle ist die dritte Brücke über den Bosporus. Die türkische Regierung behauptet, damit die Stadt vom Transitverkehr zu entlasten. Kritiker bezweifeln dies und werfen Premier Erdogan Gigantismus vor.

Die Pfeiler der Brücke sollen mit 322 Metern die höchsten der Welt werden. Auf ebenso rekordverdächtigen 59 Metern Breite soll Platz für vier Fahrspuren in jede Richtung sowie zwei Eisenbahngleise sein. Damit entstünde die längste Eisenbahnbrücke der Welt, 1408 Meter vom europäischen zum asiatischen Ufer. Ende 2015 soll sie in Betrieb genommen werden.

Es wird befürchtet, dass der an die Brücke anschließende 115 Kilometer lange Autobahngürtel auf beiden Seiten des Bosporus sensible Waldgebiete zerstören wird, in denen auch Trinkwasser gewonnen wird. Nicht nur der Bau der dritten Bosporusbrücke an sich spaltet die Türkei. Die alevitische Minderheit des Landes ist entsetzt über den Namensgeber des Projekts: Sultan Selim I., ein Sunnit, der vor rund 500 Jahren brutal gegen die Aleviten vorgegangen ist.

Olympia 2020

Die 14-Millionenstadt am Bosporus hat sich in der Vergangenheit bereits viermal erfolglos für die Olympischen Spiele beworben. Jetzt, beim nunmehr fünften Anlauf, wähnt sich Istanbul dem Ziel so nah wie noch nie. Derzeit befinden sich nur noch Madrid und Tokio mit im Rennen um die Austragung der wichtigsten sportlichen Wettkämpfe der Welt. Noch im März bescheinigte eine Evaluierungskommission des Internationalen Olympische Komitees (IOC), dass Istanbul einen „exzellenten Eindruck“ hinterlassen habe.

Derzeit sind schon eine Reihe von Sportanlagen und insgesamt 20.000 Häuser fertiggestellt worden. Der Ausbau der Infrastruktur steht ebenfalls  kurz vor der Fertigstellung und sogar Pläne für den Bau einer 420 Quadratkilometer großen neuen Stadt sind angefertigt. Das dafür ausgesuchte Gebiet wird innerhalb der kommenden Jahre Platz für 1,5 Millionen Menschen bieten.

Dass die jüngsten gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten die Stadt in Erklärungsnot gegenüber dem IOC bringen werden, ist zu erwarten. Wäre das das Ende der Olympia-Träume?

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