Überfischung: EU-Minister beraten über neue Fangquoten

Überfischung: EU-Minister beraten über neue Fangquoten

von Peter Vollmer

Derzeit tagt der EU-Fischereiministerrat in Brüssel, um über neue Fangquoten zu entscheiden. Es eilt, denn zwei von drei Beständen gelten als überfischt.

Es ist ein Dilemma: Seit Jahren sprechen sich Wissenschaftler, Umweltschützer und auch viele Fischer, die selbst für die Überfischung verantwortlich sind, für strengere Quoten aus.

Doch die Europäische Union (EU), namentlich der Fischerei-Ministerrat, genehmigte weiter hohe Fangmengen. Jeder gefangene Fisch kurbelt schließlich die Wirtschaft an und erhält Arbeitsplätze. Deshalb schauen ab heute alle Beteiligten gespannt nach Brüssel, wo die Minister über die Fanglimits für Nordsee und Atlantik im Jahr 2015 entscheiden werden.

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Denn auch wenn die Gefährdung von Fischbeständen schwierig zu belegen ist, weisen Studien auf eine erhebliche Erschöpfung der Bestände hin. Von diesen gelten nach Angaben der Umweltschutzorganisation "The Pew Charitable Trusts" rund 40 Prozent als überfischt. Laut WWF sind in Europa sogar zwei von drei Beständen überfischt. Auch wenn der Klimawandel einen Einfluss auf die Ökosysteme der europäischen Meere haben könnte, ist der Einfluss der Fischerei nach Untersuchungen des Thünen-Instituts wohl am größten.

Starke Geste, schwache UmsetzungUm das zu verhindern, gibt es eigentlich eine Gemeinsame EU-Fischereipolitik (GFP). Diese wurde erstmals in den 1970er-Jahren vereinbart und zuletzt diesen Januar reformiert. Diese Reform war bedeutend, denn die Minister legten fest, dass die Fangquoten bis 2020 auf ein Niveau gesenkt werden müssen, das den Erhalt der Bestände garantiert.

Eine starke Geste, die allerdings beim Beschluss der Ost- und Tiefsee-Quoten für 2015 wieder über Bord geworfen wurde. Bei einem Treffen im November ignorierten die Minister nämlich viele wissenschaftliche Ratschläge. (Wie diese aussehen, zeigt eine sehenswerte, interaktive Karte des Internationalen Rats für Meeresforschung, kurz ICES.) Nun äußern Umweltorganisationen wie "The Pew Charitable Trusts" ihre Sorge, dass einzelne Politiker das Zeitfenster missbrauchen. "Ein paar Staaten versuchen, die Begrenzungen bis 2020 herauszuzögern", sagt etwa Markus Knigge vom Pew-Meeresprogramm. "Wir hätten auch gerne größere Fangmengen", so Knigge, aber dazu dürfe man die Population nicht gefährden.

Ein Beispiel schwimmt direkt an der deutschen Nordseeküste vorbei: Der Sandaal, Hauptnahrung für zahlreiche Vögel. Sein Bestand liegt dort bei etwa 91.000 Tonnen, 22.000 wurden zuletzt gefangen. Zu viel aus Sicht des ICES, denn gerade die Zahl junger Aale sei rückläufig. Es bestehe das Risiko, dass die Größe des Bestandes deshalb nicht aufrechtzuerhalten sei, weshalb  der ICES empfiehlt, die Fangmenge auf 5.000 Tonnen zu reduzieren.

"Legalisierte Überfischung"

Bei anderen Fischen und Gebieten ist die Lage schwieriger. Für das nördlichste Fanggebiet des Rotbarschs empfiehlt ICES, den Fang einzustellen. Zuletzt waren 5000 Tonnen gefangen worden, der Bestand ist unbekannt, möglicherweise so gering wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Die Minister beschlossen eine Fangmenge von rund 19.000 Tonnen.

"Über die Hälfte der Fischbestände in Ostsee und Tiefsee werden nächstes Jahr stärker befischt, als Wissenschaftler empfehlen. Das ist legalisierte Überfischung", kritisiert etwa WWF-Fischereiexpertin Karoline Schacht. Allerdings: Die Zahlen sind nach Angaben des Bundeslandwirtschaftsministeriums rückläufig.

Es sind vor allem ökonomische Interessen, die den Kampf um höhere Fangquoten beeinflussen: Mit russischen Importbeschränkungen, auch für europäischen Fisch, sanken die Lebensmittelpreise; britische und irische Fischer merkten das besonders deutlich. Mit kurzfristig höheren Fangmengen sollte sich ein Teil der Verluste kompensieren lassen. Wobei Markus Knigge von Pew anmerkt: "Ökonomisch sinvoll ist es eben, wenn es langfristig mehr Fische gibt."

Druck von UmweltverbändenDeshalb sagt Uta Bellion, Direktorin des Meeresprogramms: "Die Entscheidung der Minister zeigt einmal mehr eine Missachtung für die Meeresumwelt und die Fischer, die von ihr abhängig sind." Eine Ansicht, die auch der Umweltschutzverband WWF teilt. Dieser wandte sich im Vorfeld des derzeit stattfindenden Treffens mit einem offenen Brief an Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt.

Der Ministerrat habe nach WWF-Analysen in den vergangenen zwölf Jahren in 41 Prozent aller Fälle die wissenschaftlichen Empfehlungen missachtet und höhere Quoten beschlossen. Nun wolle man Schmidt an seine eigenen Aussagen von Mai erinnern: "Eine nachhaltige Fischerei ist der beste Garant, die Fischbestände in den Weltmeeren als wichtige Nahrungsquelle der Menschheit und Lebensgrundlage der Fischer unter Wahrung der biologischen Vielfalt auch für kommende Generationen zu sichern".

Ob Schmidt dazu beitragen kann, seine Amts-Kollegen in Brüssel zu strengen Fangquoten zu bewegen, wird sich in den kommenden Tagen zeigen. Die Kommission hatte sich in den vergangenen Jahren für nachhaltige Fischerei ausgesprochen. Das Parlament ist ohnehin für strengere Quoten.

Die Europäische Politik hat mit den Subventionen für den neuen Europäischen Meeres- und Fischereifonds ein starkes Instrument in der Hand. Wenn die Minister sich nun nach den Empfehlungen der Wissenschaftler richten, wäre dies ein großer Schritt, um den sogenannten "höchstmöglichen Dauerertrag" der Fischbestände zu sichern. Noch bis morgen beratschlagen sich die Minister zu Fangquoten in Atlantik und Nordsee.

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