Überraschende Zahlen: Klimagas-Emissionen im Energiesektor stagnieren

Überraschende Zahlen: Klimagas-Emissionen im Energiesektor stagnieren

von Jan Willmroth

Stimmen die Zahlen, wäre es eine Sensation: Erstmals seit 40 Jahren stagnierten 2014 die CO2-Emissionen.

Es gibt in der Klimapolitik eine einfache Rechnung, die es bislang so schwer macht, Lösungen zu finden: Wenn die Wirtschaft wächst, steigt der Kohlendioxid-Ausstoß.

Auf das eigene Wachstum möchte aber keines der Länder verzichten, die bei den internationalen Klimaverhandlungen vertreten sind. Schon gar nicht Staaten wie China oder Indien.

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Deren wirtschaftlicher Aufstieg ging nämlich einher mit dem Bau immer neuer Kohlekraftwerke und immer stärker steigenden Emissionen aus dem Energiesektor.

Doch ausgerechnet in diesem Sektor, der mit etwa 70 Prozent den größten Anteil am weltweiten Ausstoß von Klimagasen hat, stagnierten die Emissionen im vergangenen Jahr – zum ersten Mal seit 40 Jahren und pünktlich zur Klimakonferenz Ende des Jahres in Paris. Das haben Experten der Internationalen Energie-Agentur (IEA) berechnet.

Offenbar rechneten die Forscher selbst nicht mit diesem Ergebnis: „Das ist zugleich eine willkommene und eine wichtige Überraschung“, sagte IEA-Chefvolkswirt Fatih Birol.

„Sie liefert dringend benötigte Impulse für die Verhandlungsführer, die sich auf ein Klimaabkommen in Paris im Dezember vorbereiten: Zum ersten Mal haben sich die Treibhausgasemissionen vom Wirtschaftswachstum entkoppelt.“

Wenn die Zahlen stimmen, wäre das eine SensationDem Bericht zufolge lagen die weltweiten Kohlendioxid-Emissionen im vergangenen Jahr bei 32,3 Milliarden Tonnen. Das ist der gleiche Wert wie 2013, obwohl die Weltwirtschaft um schätzungsweise gut drei Prozent wuchs.

Bislang handelt es sich nur um vorläufige Zahlen, die ursprünglich Teil des Klima- und Energieberichts im Juni werden sollten. Wenn sie stimmen, käme das einer Sensation gleich – und die wollte die Energie-Agentur der Welt wohl nicht vorenthalten.

Eine Überraschung wäre es, weil die sogenannte absolute Entkopplung bislang nur als theoretisches Konstrukt in den Wirtschaftswissenschaften funktioniert hat: Sie ist in Bezug auf den Klimawandel dann erreicht, wenn die Wirtschaft zwar wächst, die Emissionen aber nicht gleichzeitig steigen oder sogar abnehmen.

Eine relative Entkopplung hingegen war in den industrialisierten Ländern schon länger zu beobachten: Dort fallen für jeden Prozentpunkt Wachstum weniger Emissionen an. Die Gesamtmenge an Klimagasen steigt dann aber trotzdem.

In den vergangenen Jahren wurden denn auch verlässlich 2,4 Prozent mehr Klimagase jährlich in die Luft geblasen, vor allem als Folge der Verbrennung von Kohle, Gas und Öl. Nun stagnieren die Emissionen erstmals seit Jahrzehnten - ohne eine Wirtschaftskrise.

In den vergangenen vierzig Jahren gab es zwar dreimal einen Knick in der Emissionskurve: Anfang der Achtziger Jahre, 1992 und im Zuge der Finanzkrise im Jahr 2009. Jedes Mal war dabei aber die schwächelnde Konjunktur Hauptgrund für den rückläufigen oder stagnierenden Kohlendioxidausstoß.

Die Gründe: Mehr Erneuerbare, weniger KohleDie Gründe der jüngsten Stagnation sind weniger eindeutig. Die IEA führt die Entkopplung auf den veränderten Energieverbrauch in OECD-Ländern und in China zurück.

So habe China im vergangenen Jahr deutlich mehr Strom mit erneuerbaren Energien wie Wasser-, Solar- und Windkraft erzeugt und zugleich weniger Kohle verstromt. In den OECD-Ländern, vermuten die Energie-Experten, sei mehr Energieeffizienz in Wirtschaftsprozessen und eine stärkere Nutzung erneuerbarer Energiequellen die Ursache.

Ist damit jetzt ein Wendepunkt in der Klimapolitik erreicht? Wohl kaum. Denn auch wenn die Emissionen stagnierten, muss das nicht heißen, dass es auch so bleibt. Und ein Kohlendioxidausstoß von 32,3 Milliarden Tonnen ist zu viel, um das Ziel, die Erderwärmung auf zwei Grad zu beschränken, einzuhalten.

Zumal, wie am Montag bekannt wurde, natürliche CO2-Speicher wie der Regenwald im Amazonas-Becken weiter auf dem Rückzug sind. „Es ist nicht die Zeit, diese positiven Nachrichten als Entschuldigung zum weiteren Hinauszögern von Klimaschutzmaßnahmen zu nutzen“, meint daher IEA-Chefin Maria von der Hoeven.

Linktipp: Ursprünglich bezeichnet "Absolute Entkopplung" die Entkopplung von Umweltschäden bzw. Ressourcenverbrauch und Wirtschaftswachstum. In einem großen Report hat sich das Umweltprogramm der Vereinten Nationen dem Thema gewidmet. Hier geht's zum PDF.

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