Umwelt: China steht vor einem Öko-Kollaps

Umwelt: China steht vor einem Öko-Kollaps

von Benjamin Reuter

Wassermangel, Artensterben, drohender Hunger und Tausende Tote wegen giftiger Luft. Ein aktueller Report prangert die Umweltverschmutzung in China an.

China und die Umwelt - es ist eine Beziehung, von der Beobachter schon lange wussten, dass etwas nicht in Ordnung ist. Zu häufig machen Bilder von smogverseuchten Großstädten (siehe Aufmacher), rußenden Kohlekraftwerken und metallisch rot gefärbten Flüssen die Runde. Um die Natur und die Gesundheit der Menschen ist es im Land der Pandas schlecht bestellt – so viel war klar.

Wie groß die Ausmaße der Natur- und Umweltzerstörung sind, will jetzt eine aktuelle Studie des Naturschutzbundes WWF, von Instituten der Chinesischen Akademie der Wissenschaften und der Zoological Society in London zeigen. Der „China Ecological Footprint Report 2012“ weist vor allem auf große Probleme im Bereich der Versorgung mit sauberem Wasser und der Artenvielfalt hin. Nimmt man weitere aktuelle Studien hinzu, ergibt sich das Bild eines Landes, das ungehemmt Raubbau an der eigenen Natur betreibt.

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Die Experten haben im Auftrag des WWF für ihren Report den ökologischen Fußabdruck eines jeden Bürgers zum Maßstab genommen. Das Fazit der Autoren: „Der ökologische Fußabdruck pro Kopf hat in China mittlerweile den Wert überschritten, der als nachhaltig angesehen werden kann.“ Was nüchtern klingt, hat im Einzelnen gravierende Folgen für die Menschen.

Doch was bedeutet der ökologische Fußabdruck konkret? Insgesamt verbrauchen die Menschen in den Industriestaaten schon seit den siebziger Jahren mehr natürliche Ressourcen, als die Erde nachbilden kann: So schrumpft weltweit die Fläche an fruchtbarem Ackerboden, Ökosysteme wie Wälder verschwinden, die Artenvielfalt nimmt ab, die Umwelt- und Wasserverschmutzung nimmt stetig zu, während Fischbestände zurückgehen. Außerdem erhöht sich die Konzentration von Klimagasen wie CO2 in der Atmosphäre. Genau mit diesen Problemen, so der WWF, kämpft auch der Gigant in Fernost zunehmend.

Diese Feststellung hat Bedeutung auch über Asien hinaus: Denn China ist wegen seiner großen Bevölkerung weltweit das Land mit dem meisten Einfluss auf die natürlichen Ressourcen der Erde. Sprich, Umweltschutz hätte hier die meisten positiven Effekte. Umgekehrt hat Raubbau an der Natur hier aber auch die gravierendsten Konsequenzen für das Ökosystem Erde. Sprich, so wie es der Natur in China geht, geht es ihr weltweit.

Und das sind laut dem WWF-Report die größten Umweltprobleme, mit denen China derzeit kämpft:

1. Verschmutztes Wasser:Sauberes Wasser ist unverzichtbar für die Industrie, Landwirtschaft und Haushalte. Aber über die Hälfte von Chinas Provinzen leiden inzwischen an „moderatem bis hohem Wasserstress“, so die Studie. Sauberes Wasser und Fischgründe im Inland werden damit zunehmend knapper. Weitere Untersuchungen der Wasserverschmutzung sprechen von „katastrophalen Konsequenzen für künftige Generationen“ (Weltbank). Erst vergangenes Jahr erklärte eine Regierungskommission, dass 43 Prozent der Flüsse so verschmutzt sind, dass Menschen den Kontakt mit dem Wasser meiden sollten.

2. Bedrohte Artenvielfalt:China beherbergt mit rund 6500 Tierarten immerhin einen Anteil von 14 Prozent an der globalen Artenvielfalt und steht damit weltweit an Nummer eins. Aber China ist gleichzeitig auch das Land mit dem weltweit „dramatischsten Verlust“ an Arten, so die WWF-Studie. Zwar ist die Datenlage im Land noch immer dürr, aber bei den sogenannten Leitarten haben sich in den vergangenen Jahren nur die Panda- und Elefantenpopulationen erholt. Die Zahl unter anderem an Tigern, Delphinen und seltenen Vögeln nimmt weiter rapide ab.

3. Steigende Treibhausgas-Emissionen:Wie der WWF-Report zeigt, sind die CO2-Emissionen das am schnellsten wachsende Umweltproblem in China. Erst im Juni wurden Zahlen publik, die zeigten, dass das Land mit 7,2 Tonnen Kohlendioxid-Ausstoß pro Kopf fast den durchschnittlichen EU-Wert von 7,5 Tonnen erreicht hat. Viele Experten und Politiker in westlichen Industriestaaten fordern deshalb inzwischen, dass sich auch China verbindliche Ziele zur Reduktion von Treibhausgasen gibt.

4. Verlust von fruchtbarem Land:Der WWF-Report nennt weiterhin den Verlust von fruchtbarem Ackerland als eines der dringendsten Probleme, die China angehen muss. Böden gehen unter anderem durch wachsende Infrastruktur wie Straßen verloren, durch Überdüngung, Vertrocknung oder die Ausbreitung von Wüsten. Genaue Angaben des Landverlustes in China bleibt der Report allerdings schuldig.

Zahlen hat aber der UN-Beauftragte für Ernährungssicherheit Olivier De Schutter gesammelt. Laut seinen Untersuchungen hat China zwischen 1997 und 2010 82.000 Quadratkilometer fruchtbares Land verloren. Knapp 40 Prozent der gesamten Fläche Chinas sind heute von Bodendegradation bedroht. Die Folge: Chinas Fähigkeit seine eigene Bevölkerung zu ernähren, ist ernsthaft gefährdet.

5. Steigende LuftverschmutzungDie Bilder der extremen Luftverschmutzung in chinesischen Megametropolen wie Chongqing, Shanghai oder Peking werden auch im WWF-Report heraufbeschworen. Auch hier drückt sich das Papier um genaue Zahlen (vielleicht um die Pekinger Regierung nicht zu sehr zu verägern?). Laut Weltbank liegen aber 16 der 20 schmutzigsten Städte der Welt in China. Und nur ein (!) Prozent der rund 600 Millionen Stadtbewohner atmet Luft, die auch in der EU als sauber gelten würde. Hunderttausende Chinesen sterben jährlich an giftigen Industrie- oder Verkehrsabgasen.

Trotz dieser düsteren Bestandsaufnahme scheint es aber auch Zeichen der Besserung zu geben. Denn China ist durchaus auf dem Weg in eine Grüne Wirtschaft. Erst kürzlich wurden die Ausbauziele für Solarenergie von 5 auf 40 Gigawatt (GW) im Jahr 2015 heraufgesetzt. Im selben Jahr soll die installierte Leistung von Windkrafträdern 100 GW erreichen. Zum Vergleich: Deutschland hatte im Jahr 2011 rund 54 GW an Wind- und Solarkraftanlagen am Netz.

Zur selben Zeit entstehen in China aber auch 363 neue Kohlekraftwerke. Rund 620 gibt es laut Internationaler Energieagentur dort heute schon. Zwar ist der Umweltschutz als Idee des „Ökologischen Fortschritts“ auch vom Staat verordnet und festgeschrieben. Korruption und mangelnde Kontrolle verhindern bisher aber Fortschritte und einen wirksamen Schutz. Bis der rote Drache wirklich grün wird, ist es also noch ein weiter Weg.

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