Umwelt: Naturschutz rechnet sich im Kampf gegen den Klimawandel

Umwelt: Naturschutz rechnet sich im Kampf gegen den Klimawandel

von Nora Marie Zaremba

Eine Studie zeigt, wie die Politik Naturschutz und Kampf gegen den Klimawandel verbinden kann - und Geld spart.

Ein durchschnittlicher Laubbaum in Europa produziert rund 1,7 Kilogramm Sauerstoff pro Tag, das entspricht der Menge, die zehn Menschen atmen. Selten wird der Nutzen der Natur - auch Ökosystemleistung genannt - so konkret in Zahlen ausgedrückt. Die Folge: Naturleistungen werden als selbstverständlich betrachtet. In politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen werden sie oft gar nicht berücksichtigt.

Das Forschungsprojekt „Naturkapital Deutschland“ möchte das ändern. Die Idee: Die Nutzen verschiedener Landschaften und Ökosysteme in Deutschland zu erfassen und zu bewerten – wenn möglich, auch in Mengen oder Geld.

Anzeige

„Eine ökonomische Sicht auf die Natur bedeutet nicht, dass wir ihr ein Preisschild anhängen", sagt Bernd Hansjürgens, Leiter des Projekts und Chef des Departments Ökonomie am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), das die Studie maßgeblich koordiniert. Vielmehr gehe es auch um Fragen, wie viele Menschen unter welchen Umständen von einem Wald oder von einem Stadtpark profitieren.

Das Projekt startete 2012 mit einem Einführungsbericht und einem Bericht für Unternehmer. Im Laufe der nächsten Jahre entstehen weitere vier Berichte mit unterschiedlichen Schwerpunkten. In Berlin wird jetzt der dritte Bericht aus der Reihe mit dem Titel „Klimapolitik und Naturkapital“ vorgestellt.

Die zentralen Botschaften: Klima- und Naturschutz können Hand in Hand gehen. Außerdem spart es Kosten, wenn man beide Ziele verbindet.

Flussauen als Klimaschutzmaßnahme

Konkret kann das bedeuten: Die Leistungen von natürlichen Flussauen sind zum Beispiel Hochwasserschutz, Eleminierung von Schadstoffen und Erhaltung des Lebensraums für Pflanzen und Tiere. Bezieht man diesen Nutzen in die Kalkulation ein, rechnen sich naturverträgliche Hochwasserschutzmaßnahmen wie Deichrückverlegung und die Schaffung von Überschwemmungsflächen schneller.

In diesem Fall führen rund 400 Millionen Euro Investitionskosten zu drei Mal höheren Nutzen von 1,2 Milliarden Euro. Dazu zählen nicht nur die vermiedenen Hochwasserschäden von 180 Millionen Euro, sondern auch die Nutzen durch einen verbesserten Nährstoffabbau und eine gestiegene Wertschätzung der lokalen Bevölkerung für mehr biologische Vielfalt im reaktivierten Auengebiet. 

In einer klassischen Kosten-Nutzen-Analyse  hingegen, die sich ohne Berücksichtigung der Naturleistungen von Flussauen allein auf den Hochwasserschutz bezieht, würden sich diese Maßnahmen nicht rechnen. Erst durch Bewertung mehrerer Ökosystemleistungen gleichzeitig wird deutlich, dass naturnaher Hochwasserschutz tatsächlich Kosten spart.

Zu oft werden Klima- und Naturschutz noch getrennt betrachtet. Das führt manchmal zu teuren Fehlentscheidungen", sagt Hansjürgens. Beim Hochwasserschutz wurde jahrzehntelang auf Deichbau und andere technische Hochwasserschutzmaßnahmen gesetzt, was große ökonomische Verluste und Einbußen für die Natur nach sich gezogen hat.

Moore als CO2-Fresser

Auch die Instandsetzung ehemaliger Moore ist ein im Bericht genanntes Beispiel dafür, dass Klima- und Naturschutz Hand in Hand gehen können.

Moore sind wichtige CO2-Speicher, bieten bedrohten Arten einen Lebensraum und lagern Wasser und Nährstoffe. In Mecklenburg-Vorpommern werden durch die gezielte Wiedervernässung von Mooren Klimafolgeschäden im zweistelligen Millionenbereich pro Jahr vermieden. Das zeigen die Berechnungen einer im UFZ-Bericht zitierten Studie der Universität Greifswald. Werden zusätzlich weitere Naturleistungen nasser Moore berücksichtigt, lohnt sich die Renaturierung noch mehr.

Bei der Bewertung von Ökosystemleistungen greifen Wissenschaftler auf Methoden aus der Umweltökonomie zurück.

Der Ansatz einer ökonomischen Bewertung der Natur ist aber nicht unumstritten. Zum Beispiel wird befürchtet, dass hierdurch der Eigenwert der Natur unter den Tisch fällt.

Hansjürgens aber hält dagegen: „Ökonomische Argumente sind zusätzliche Argumente für den Naturschutz, neben den ökologischen und ethischen Gründen. Mit diesem Blickwinkel erreichen wir Menschen, die normalerweise nichts mit Naturschutz zu tun haben.“

Der Idee, Naturleistungen zu bewerten, ist nicht neu. Der Ansatz wurde durch die groß angelegte TEEB-Studie (The Economics of Ecosystems and Biodiversity) esrtmals in der Politik wahrgenommen. Die TEEB-Studie, die sich mit den Nutzen der biologischen Vielfalt und den Kosten ihres Verlustes befasst, wurde 2007 von den G8-Staaten und der EU-Kommission in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse wurden zwischen 2008 und 2011 veröffentlicht.

„Naturkapital Deutschland“ versteht sich als Nachfolger dieses TEEB-Prozesses. Gefördert wird das Vorhaben vom Bundesamt für Naturschutz (BFN) mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Bau, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMUB).

An der Erstellung der Berichte sind nicht nur Wissenschaftlicher beteiligt. Vielmehr bringen Experten aus der Praxis ihre Erfahrungen mit ein und bilden über die Berichte hinaus ein Netzwerk, das den TEEB-Ansatz umsetzt.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%