Umwelt: Wie 70 Studenten den Klimawandel stoppen wollen

Umwelt: Wie 70 Studenten den Klimawandel stoppen wollen

von Jürgen Klöckner

Studenten haben in einer simulierten Klimakonferenz über das Kyoto-Protokoll verhandelt. Unser Autor war mittendrin.

Barcelona, 16. Mai 2013. Ich bin Nigeria. Genauer gesagt: Ich spiele einen Gesandten der nigerianischen Regierung auf der kommenden Klimakonferenz - eine Megasimulation, so realistisch wie möglich. Vier  europäische Universitäten nahmen daran teil, darunter auch die Kölner. Zwei Tage werde ich mit anderen Nationen über ein zweites Kyoto-Klimaabkommen verhandeln, das Ergebnis soll den Vorverhandlungen zu dem Klimagipfel 2015 in Paris möglichst ähnlich sein - dem wohl wichtigsten nach dem gescheiterten in Kopenhagen 2009.

Es ist das spannendste, lehrreichste und aufwendigste Experiment, an dem ich bislang teilgenommen habe. Viele Zahlen, zermarternde Diskussionen, aufgesetzte Diplomatie - was echte Klimakonferenzen so kompliziert macht, werde ich auch erleben. Und trotzdem werde ich am Ende einem Abkommen zustimmen, das tatsächlich die letzte Hoffnung eines internationalen Klimavertrags sein könnte.

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2015 gilt als das Schicksalsjahr weltweiter Klimapolitik - kommt in Paris kein Folgeabkommen des Kyoto-Protokolls zustande, könnte das auch das Ende internationaler Klimaverhandlungen sein. Dafür müssen sich ca. 200 Nationen über ein ganzes Bündel kritischer Themen einigen. Am Ende steht die Frage, wie das ambitionierte 2 Grad Ziel, auf das man sich in Kopenhagen einigte, doch noch eingehalten werden kann.

Die historische Trennung zwischen Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländern wird vermutlich fallen und Emissionsziele nicht nur für reiche, sondern auch für arme Staaten diskutiert werden, dazu zählt auch China. Hand in Hand damit gehen milliardenschwere Fördermechanismen für Klimaprojekte in armen Ländern wie der "Green Climate Fund".

Bündel kritischer FragenZwei Monate hatte ich Zeit, meine Rolle vorzubereiten. Ich nahm an einem einwöchigen Crash-Course in Klimapolitik teil und musste eine zehnseitige Analyse über mein Land schreiben, um es bis ins kleinste Detail zu verstehen.

Nigeria steckt in einem riesigen Dilemma. Der Klimawandel macht dem Staat schwer zu schaffen, bereits jetzt fallen Ernten wegen zunehmender Dürre aus. Wird der Meeresspiegel um 2 Meter steigen, ist die 10-Millionen-Stadt Lagos in Nigeria beinahe versunken.

Die andere Wahrheit ist aber auch: Nigeria ist der größte Staat Afrikas. Die Bevölkerung (über 170 Mio.) wächst rasant, bis 2020 will Nigeria zu den stärksten Wirtschaftsmächten der Welt gehören. Das liegt nahezu vollständig an dem Erfolg der Ölindustrie. 95 Prozent des Exports macht Nigeria mit Öl, Öl ist aber weltweit einer der größten Klimakiller.

Soll ich das Klima oder die Ölindustrie retten?Das nigerianische Dilemma ist auch mein Dilemma: Soll ich das Klima oder die Ölindustrie schützen? Soll ich mich auf die Seite der OPEC-Staaten mit den USA sowie China stellen oder auf die Seite der EU (dem Klimaprimus), den Entwicklungsländern und der Inselstaaten, die am stärksten vom Klimawandel betroffen sind? Solche Allianzen sind auch in richtigen Klimakonferenzen üblich.

Meine Strategie sieht so aus: Ich stimme zwar für das 2 Grad Ziel und trete für verbindliche Emissionsziele ein. Sie sollen aber nicht für Entwicklungsländer gelten. Diese Positionen wird Nigeria gemeinsam mit anderen afrikanischen Staaten höchstwahrscheinlich auch beim kommenden Klimagipfel einnehmen. Außerdem muss ich sicher gehen, dass meine Ölindustrie nicht gefährdet wird. Wichtig ist auch, möglichst viel Geld aus den verschiedenen Klimafonds für mein Land herauszuholen. Denn ich bin ein armes Land.

Alle 70 Studenten haben sich so bis in kleinste Detail vorbereitet. Fast 40 Länder sind vertreten und sechs Organisationen. Wenn ich gleich von „der Lobby“, „China“, „Greenpeace“ usw. rede, dann meine ich die Studenten, die diese Länder bzw. Interessengruppen gespielt haben. Und die paktieren, verhandeln und koalieren schon, bevor der eigentlich Gipfel losgeht.

Verhandeln, paktieren, koalierenDrei Tage vor den Verhandlungen erreicht mich eine Mail der Öl-und-Gas Lobby. Die OPEC-Länder (dazu zähle ich) sollen Seite an Seite stehen, damit der Ölpreis nicht fällt. Ganz in meinem Interesse. Im Flieger nach Barcelona weihe ich China in meine Ziele ein. Ein mächtiges Schwellenland an meiner Seite, denke ich - es zahlt sich später aus. Die Umweltorganisationen bringt am Tag vor den Verhandlungen auf einem eigenen Blog ein Umweltranking der Nationen heraus. Auf dem letzten Platz, neben Sudan: Nigeria. So soll schon Druck auf die Bösen ausgeübt werden, bevor es überhaupt losgeht. Wie bei richtigen Verhandlungen nunmal auch.

Ich sitze in diesen zwei Tagen in der Arbeitsgruppe „Mitigation“ - die wohl strittigste Truppe zu den Emissionszielen. In anderen Gruppen werden „Trading“ und „Adaptation“ (Anpassung, also Finanzierung von Deichen, Technologietransfer, Klimaflüchtlingsprogramme) diskutiert, meist bis zur letzten Sekunde. Bis Punkt 14 Uhr Freitags muss ein Abschlusspapier stehen. Alle Nationen müssen zustimmen, sonst war die Arbeit umsonst, so ist es auch bei richtigen Verhandlungen. In den Pausen kann ich mich locker bei Kaffee und Mittagessen mit meinen Koalitionen absprechen. Mal rede ich mit meinen afrikanischen Partnerländern, mal mit China, mal mit der OPEC. Diese Koalitionen sind wichtig - es macht einen Unterschied, ob man nur für sein Land spricht oder gleich für zwei Milliarden Menschen.

Ich erfahre schon vorher, dass sich eigentlich alle Entwicklungsländer vorgenommen haben, keinen Emissionszielen zuzustimmen, so wie ich. Aber schon in den ersten Stunden zeichnet sich ab, dass das nicht so einfach wird. Ein Beispiel: Schon am Anfang gibt es den großen Knall, wir beschließen einstimmig, dass nach 2015 die Emissionen weltweit sinken sollen und bis 2050 um 80 Prozent zurückgefahren werden müssen. Ohne konkrete Emissionsvorgaben für Entwicklungsländer ist das aber höchst wahrscheinlich nicht zu machen - genau das, was ich eigentlich nicht mittragen will.

Ich muss zustimmen, denn sonst wird das 2-Grad-Ziel unmöglich. Ambitioniert ist es trotzdem: Selbst wenn Deutschland 100 Prozent einsparen würden, wäre das immer noch schwierig. Sieht danach aus, als wolle man hier an einem Tag die Welt retten. Das könnte schon das Ende der fossilen Energieträger bedeuten, von denen ich so abhängig bin.

Zwang zum großen WurfHier wollen einige den großen Wurf, der einfach nicht möglich sein wird. Schon vor den Verhandlungen sagt uns der UN-Gesandte, wie wichtig diese Konferenz sein wird. Wir haben die „historische Chance“, zukünftige Generationen zu retten. Dabei führen diese hohen Erwartungen meist zum Gegenteil - und alle teilen im Saal die Befürchtung, dass am Ende alles platzen wird. Wollen wir ambitionierte Ziele, die vermutlich scheitern werden oder harmlose Kompromisse, die in kommenden Konferenzen ausgearbeitet werden?

Am zweiten Tag geht es genau darum, um konkrete Vorgaben. Emissionsziele, ja oder nein, auch für Entwicklungs- und Schwellenländer wie China und mich? An dieser Frage könnte alles scheitern, würde es aber gelingen, wäre das ein riesiger Wurf.

Es wird klar: Es läuft genau darauf hinaus. Jetzt habe ich zwei Möglichkeiten: Alles blockieren oder mitgehen, allerdings nur soweit, dass es mir nicht schadet. Wann erreichen Industrie- und Entwicklungsländer die Spitze der Emissionen und wie viel müssen sie danach einsparen? Ich habe mir schon vor der Verhandlungen eine klare Linie gezogen: Peak Year 2025, danach kann ich maximal drei Prozent CO2 pro Jahr einsparen.

China und andere afrikanische Staaten signalisieren, dass sie da mitgehen können. Wir binden unser „Ja“ allerdings an hohe Zahlungen aus den Klimafonds.

Bis aber wirklich konkrete Zahlen stehen, vergehen Stunden - und am Ende kommt es zum großen Knall: USA und China einigen sich auf Emissionsziele, die gerade so zu den 2 Grad führen. Ich kann nur Zustimmen, weil ich mir das OK von meinem Hauptexportpartner USA einhole, dass sie ihren Ölkonsum nicht runterfahren.

Erst Wohlstand, dann das KlimaDie USA sichern sich ebenfalls ab: Sie boxen Sekunden vor Schluss durch, dass es keine Strafzahlungen für Klimasünder geben soll. Es ist typisch für diese Form der Abkommen: Nationen können nur zustimmen, wenn ihre Schäfchen im Trockenen sind. Erst Wohlstand, dann das Klima. Niemand würde freiwillig einem Vertrag zustimmen, der sie benachteiligt. Insofern ist auch dieses Abkommen nicht „bindend“, in der Realität wäre es aber trotzdem der große Wurf.

Denn noch nie haben China und USA Emissionsvorgaben akzeptiert - sie produzieren mehr als 50 Prozent der Emissionen, ein Abkommen ohne ihr OK ist wirkungslos. Noch nie haben die Entwicklungsländer Emissionsvorgaben zugestimmt. Noch nie hat sich die Weltgemeinschaft auf globale Reduktionen geeinigt (80% bis 2050), noch nie haben sich die Inselstaaten bereiterklärt, notfalls ihre Inseln zu verlassen.

Auch in der Simulation ist es in den vergangenen Jahren nie zu einem so ambitionierten Abkommen gekommen. Sie sind bislang alle gescheitert. Ist das ein gutes Omen für die kommende Klimakonferenz in Warschau? Die Ergebnisse aus Barcelona könnten zumindest eine Blaupause für ein neues Abkommen 2015 sein.

Denn das könnte tatsächlich die letzte Chance für einen internationalen Vertrag sein, weil geplatzte Klimakonferenzen ein sich selbst verstärkender Mechanismus sind. Nach einem gescheiterten Gipfel werden Entscheidungen vertagt, die mit der Zeit nicht leichter, sondern schwieriger werden. Je weiter sich das Klima gen 2 Grad erwärmt, desto härtere Einschnitte erfordert es.

Hier können Sie das Barcelona Protocol 2013 im Detail nachlesen.

Unser Autor studiert Economics im Master-Programm der Universität zu Köln mit dem Schwerpunkt Energiewirtschaft. 

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