Umweltprobleme in Vietnam: Selbstgenähte Jutebeutel statt Fischsterben

Umweltprobleme in Vietnam: Selbstgenähte Jutebeutel statt Fischsterben

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Nichts zu tun: Dieser Fischer aus Danang gönnt sich in seinem Korb-Boot eine Pause.

Hausgemachte Naturkatastrophen gefährden den boomenden Tourismus-Sektor in Vietnam. Die deutsche Unternehmerin Anna Hübner versucht dagegenzuhalten: mit Altkleider-Beuteln und Mülltrennung. Ein Gespräch.

Im Mai diesen Jahres sind Millionen tote Fische an das Ufer einer 200 Kilometer langen Strandlandschaft in Vietnam gespült worden. Das Geschäft mit Tourismus und Fisch kollabierte. Vor wenigen Tagen hat die vietnamesische Regierung nun bestätigt, dass giftige Abwässer eines Stahlwerks der taiwanesischen Firma Formosa die Ursache waren.

In der Küstenstadt Danang - dem Zentrum der verseuchten Region - betreibt die Unternehmerin Anna Hübner ihr nachhaltiges Restaurant "Treehugger" und organisiert Touristenausflüge. Auf dem lokalen Markt ist sie als die Deutsche mit den Altkleider-Beuteln bekannt. Im Gespräch erzählt Hübner, wie ihre deutsche Vorstellung von Nachhaltigkeit in Vietnam wahrgenommen wird, und was Sie als Einzelne gegen die systemische Umweltzerstörung bewirken will.  

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Ihr Lokal "Treehugger" befindet sich im Epizentrum des Fischsterbens. Wie haben Sie von der Umweltkatastrophe erfahren?

Es war sehr schnell in den lokalen Nachrichten. Und von einem auf den anderen Tag war die gesamte Fischsektion auf dem lokalen Markt verschwunden. Anfangs haben wohl einige Fischer noch gejubelt. Sie kamen morgens mit dem Fang in den Hafen und haben die toten Fische an die Bauern als Schweinefutter verkauft.

Nach dem Verkaufsverbot gab es dann aber auch Protest: Die Fischer haben tonnenweise Fisch auf die Nord-Süd-Autobahn geworfen und so den Verkehr blockiert. Beschuldigt wurde eine taiwanesische Stahlfirma 90 Kilometer nördlich von uns. Die Regierung hat sich aber lange Zeit gar nicht dazu geäußert.

Jetzt hat die Regierung den Zusammenhang bestätigt und sich mit dem verantwortlichen Unternehmen Formosa auf 500 Millionen US-Dollar Schadensersatz geeinigt.

Und bis dahin hat sie Lokalpolitiker zum Fischessen und Baden geschickt. Um zu zeigen, dass das Wasser in Ordnung ist.

Und Ihr Restaurant?

Lief zum Glück relativ unbeeindruckt weiter. Wir leben weitestgehend von lokalen Gästen. Und von ausländischen Besuchern, die für die riesigen Grotten im Nationalpark Phong Nha-Ke Bang kommen. Gelitten haben große Hotels und Fischrestaurants. Und sie leiden leider immer noch. Denn 80 Prozent ihrer Besucher sind Vietnamesen, die für den Strand oder den Fisch herkommen. Auch viele neue Bauprojekte wurden gestoppt.

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Anna Hübner in ihrem Restaurant "Treehugger" (Foto: Privat)

Hat Ihr "grünes" Konzept etwas damit zu tun, dass Sie bei den Einheimischen so populär sind?

Die Leute kommen, weil es hier so schön dekoriert ist, unsere Speisen und Getränke und auch unser Service einen europäischen Dreh haben. Unser Öko-Anspruch hat die Leute anfangs sogar eher abgeschreckt...

Wie das?

Den Leuten schmeckte unser Kaffee nicht. Weil wir kein Mais, Bohnenpulver oder andere Mitteln dazugeben. Warum unser Kaffee so schmeckt wie er schmeckt, das haben wir den Gästen persönlich erklärt, auf der Getränkekarte beschrieben, im Lokalfernsehen und Radio darüber gesprochen. Die Leute verstehen nun besser, was wir machen und warum wir es so machen. Und inzwischen gibt es auch andere Lokale, die ihren Kaffee frisch gemahlen von der Bohne anbieten.

Außerdem haben wir uns dafür entschieden, die Luft nicht mit einer Klimaanlage herunterzukühlen. Das war eine schwierige Entscheidung. Im Sommer, wenn es wochenlang 40 Grad und mehr sind, verlieren wir trotz Ventilatoren und Winddurchzug einige Kunden.

Außerdem habe ich eine Obsession mit Plastiktüten. Wir nähen uns Beutel aus alter Kleidung. Die geben wir unseren Lieferanten und damit gehen wir auf dem lokalen Markt einkaufen. Erst kamen aus allen Richtungen Marktfrauen an und haben mich mit Plastiktüten quasi beworfen. Jetzt wissen sie, das ist die Deutsche, die will keine Tüten, wegen der Umwelt. Und das erzählen sie auch weiter. Manche sind sogar froh darüber, weil so eine Plastiktüte kostet ja auch was.

Sind Altkleider-Beutel und Dekoration aus Plastikmüll nicht ein sehr westlicher Nachhaltigkeitsansatz? Ist der in Vietnam am richtigen Platz?

Das ist schwierig zu sagen. Jeder Vietnamese hat ein Handy, jedoch keinen festen Telefonanschluss. Warum können beim Umweltbewusstsein nicht auch ein paar Zwischenstufen überspringen werden. Auf dem Land, wo es teilweise noch keinen Anschluss zum Stromnetz gibt, wird Elektrizität aus umweltschonenden Mini-Kraftwerken in den Flüssen gewonnen. Selbst wenn Beutel nicht die Lösung sind, so sind sie zumindest eine Alternative. Und das ist es auch, was den Vietnamesen fehlt: Alternativen.

Viele Leute verbinden mit einem nachhaltigen Restaurant auch Bio-Küche ...

Das ist hier schwer möglich. Es gibt kaum Bio-Lebensmittel und auch keine Herkunftskennzeichnungen. Geschweige denn irgendwelche Kontrollen für das eine oder andere.

Wie können Sie sich dann sicher sein, dass die Lebensmittel wenigstens regional sind?

Einen Teil unseres Gemüses bekommen wir direkt von einem Bauern, von dem wir wissen, dass er keine Chemikalien einsetzen. Den anderen Teil besorgen wir von unseren vertrauten Händlern auf dem Markt. Und man sieht zum Beispiel, ob das Obst in chinesischem Zeitungspapier eingewickelt ist. Letztlich kann das vietnamesische Obst aber genauso mit Pestiziden gespritzt sein. Manche Früchte liegen wochenlang zum Beten auf dem Schrein, und sehen auf wundersame Weise immer noch wie frisch geerntet aus…

Und beim Fisch herrscht jetzt noch mehr Unsicherheit?

Ja. Viele Fischer haben nur symbolische Zahlungen und Reisportionen von der Regierung bekommen und sind weiter aufs Meer hinaus. Der Fisch wurde dann einerseits von der Regierung aufgekauft. Aber es gibt auch viel Dubioses. Dass der Fang getrocknet, später exportiert oder weiter zu Fischmehl oder zu Fischsoße verarbeitet wird. Man muss davon ausgehen, dass die Gifte irgendwann doch wieder in der menschlichen Nahrungskette landen.

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Hat denn das Fischsterben zu mehr Umweltbewusstsein bei den Einheimischen geführt?

Also wenn man sich den Umgang mit Müll anschaut, sehe ich das nicht. Für Fischer hat das auch mit Aberglauben zu tun. Bringt man Restmüll aus der Nacht in den Hafen zurück, dann ist das ein "schlechtes Omen". Also schmeißen sie alle ihre Plastikabfälle über Bord. Die Wut richtet sich gegen ausländische Firmen oder den Staat. Aber der eigene Plastikmüll - das vergiftet ja niemanden sofort.

Verstehen Ihre Angestellten zumindest ihren Anspruch?

Es ist ein langsamer Prozess. Einmal im Monat versuchen wir, mit unseren Mitarbeitern eine kleine Exkursion zu machen. Ein Mitarbeiter hat dabei seinen Plastik-Müll einfach aus dem Fenster geworfen. Ich habe mit ihn geredet. Und fünf Minuten später hat er es wieder gemacht. Das macht er intuitiv, nicht um mich zu ärgern. Und das meine ich auch mit dem fehlenden Bewusstsein.

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