Unkraut-Funding: Unternehmerin will Wände aus unbeliebter Pflanze bauen

Unkraut-Funding: Unternehmerin will Wände aus unbeliebter Pflanze bauen

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Hübsch, aber zu viel: Das Schilf wächst vor allem in der Nähe von Gewässern. Foto: "January Cattails" von Eric Sonstroem via flickr (CC BY-2.0)

von Tina Teucher

Das Projekt SENtypha will aus dem Schilfrohr Typha einen Baustoff machen, etwa für günstige Öko-Häuser.

Am Fluss Senegal, der das gleichnamige Land durchquert, sprießen riesige Mengen des Schilfrohrs "Typha Australis", eine Unterart des auch hierzulande bekannten Rohrkolbens. Die Pflanze gilt in Westafrika als Unkraut, weil sie Schifffahrtswege und die Trinkwasserversorgung zuwuchert – jedes Jahr um 10 bis 15 Prozent mehr.

Doch Untersuchungen weisen darauf hin, dass Typha ein ökologisches Multitalent sein könnte. Das Schilf ließe sich zum Beispiel zu qualitativ hochwertigen, ökologischen Baumaterialen verarbeiten. Nur: Aus den morastigen Ufergegenden lässt sich der Schatz bisher kaum bergen.

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Arbeitsplätze vor Ort, regionale Wertschöpfung und nachhaltiges Bauen sind deshalb bisher Theorie geblieben. Genau das will Heidi Schiller ändern: Die Münchner Unternehmerin arbeitet mit ihrem mehrfach ausgezeichneten Solarstromanbieter KAITO schon lange im Senegal (u.a. sea – Social Entrepreneurship Award 2012). Nun hat sie im Auftrag des senegalesischen Umweltministeriums und mit internationalen Partnern Baustoffe aus dem Schilfrohr entwickelt.

"In Typha steckt ein kleines Wirtschaftswunder", sagt Schiller. Man könne es zum Beispiel sehr gut zum Hausbau verwenden. Für ein Haus braucht es 240 Tonnen frisches Material – doch das wird momentan höchstens von Hand geerntet. Wie es im großen Stil einzusammeln wäre, weiß bisher niemand. Deshalb will Schiller mit KAITO nun herausfinden, wie sich die Ernte effizient und nachhaltig organisieren und passende Produktionseinheiten aufbauen lassen.

"Jeden Tag ein preiswertes Öko-Haus für Menschen im Senegal, eine wirtschaftliche Perspektive in Ernte und Produktion, das ist mein Ziel", erklärt Heidi Schiller. "Viele Menschen fliehen, weil sie dort, wo sie sind, keine Chancen mehr sehen. Wir wollen mit unseren Partnern vor Ort Perspektiven entwickeln, die im besten Sinne Hilfe zur Selbsthilfe sind. Wer Häuser baut, baut sich auch eine Zukunft. Wenn das mit nachhaltigen, ökologischen Mitteln geschieht, umso besser."

Crowdfunding für Forschungsmittel

Um die Forschungsmittel einzusammeln, setzen Schiller und ihr internationales Team auf Crowdfunding. Bei Startnext wollen sie mindestens 32.000 Euro von Sympathisanten des Projekts einsammeln. Aktuell sind mit über 140 Unterstützern 70 Prozent (ca. 14.000 EUR) der Fundingschwelle erreicht.

Bei der Lösungsentwicklung fängt Heidi Schiller nicht bei Null an: "Wir haben mit Partnern in Österreich, Tschechien und Spanien gearbeitet, die Erfahrung haben, wie aus Hanf oder Stroh Baumaterialien entstehen. Mit ihnen gemeinsam entstanden dann Bausteine, Platten für den Fertigbau und einige Ideen außerhalb von Baustoffen, wofür die 'Abfälle' noch so gut sein könnten".

So ließe sich die Pflanze auch zu Fischfutter oder Spanplatten für Kleinmöbel verarbeiten. Weil Typha gut dämmt, könnte man auch Kühlboxen oder Kühlhäuser daraus bauen, die nur wenig Solarenergie bräuchten. Damit wäre auch gleich eine Lösung für ein weiteres Problem der heißen Länder erfunden, denn viele Lebensmittel verderben in Afrika wegen fehlender Kühlmöglichkeiten.

Selbst die Natur würde mit der großflächigen Ernte von Typha aufatmen: Kürzlich haben die Umweltschutzorganisationen wie der WWF Alarm geschlagen, weil der Djoudj-Nationalpark im Norden Senegals zuwuchert. In dem drittgrößten Vogelreservat der Welt und Weltnaturerbe der UNESCO sehen die Zugvögel vor lauter Schilfrohr das Wasser nicht mehr und verzichten daher auf ihre Rast. Höchste Zeit also, die natürliche Fülle sinnvoll zu nutzen.

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