Glyphosat: Umweltministerin gegen Zulassung

Unkrautvernichter: Umweltministerin gegen Zulassung von Glyphosat

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Aktivisten vom BUND demonstrieren 2016 vor dem Bundestag gegen den Einsatz von Glyphosat.

Glyphosat steht in Brüssel wieder auf der Tagesordnung - und auch in Berlin geht der Streit um das Unkrautgift in die nächste Runde.

Umweltministerin Barabara Hendricks stemmt sich gegen den Vorschlag der EU-Kommission, den umstrittenen Unkrautvernichter Glyphosat für weitere zehn Jahre in Europa zuzulassen. Die Brüsseler Behörde ignoriere komplett die Schäden für die Tier- und Pflanzenwelt. „Deshalb bleibe ich bei meinem Nein“, sagte die SPD-Politikerin der „Bild“-Zeitung (Donnerstag). Der neue Vorschlag der EU-Kommission gehe nicht auf ihre Forderung ein, dass jede Neuregelung nachteilige Folgen für die biologische Vielfalt verhindern müsse. In Brüssel beschäftigt sich kommende Woche ein Fachausschuss mit dem Thema, es wird aber noch nicht abgestimmt.

Die Entscheidung über die zehnjährige Verlängerung der Zulassung sollen Vertreter der EU-Staaten treffen, bevor zum Jahresende die aktuelle Genehmigung ausläuft. Um mit Ja oder Nein stimmen zu können, muss sich die Bundesregierung einig sein - Hendricks ist nun schonmal dagegen. Vergangenes Jahr hatte die Bundesregierung sich schon einmal enthalten, weil die SPD-Minister nein gesagt hatten. Hendricks hatte dies zunächst mit dem Schutz der Artenvielfalt begründet, später mit dem fehlenden Nachweis der gesundheitlichen Unbedenklichkeit.

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Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte sich zuletzt klar pro Glyphosat ausgesprochen. Agrarminister Christian Schmidt (CSU) sagte der Deutschen Presse-Agentur am Donnerstag, die Grundlage bei der Frage der Wiedergenehmigung müsse die wissenschaftliche Einschätzung sein. „Politik muss nach belastbaren Gesichtspunkten entscheiden. Bei richtiger Anwendung des Wirkstoffs sehen die Wissenschaftler der nationalen und europäischen Behörden keine Zweifel an der gesundheitlichen Unbedenklichkeit von Glyphosat.“

Die unterschiedlichen Bewertungen von Glyphosat

  • Überblick

    Ist das weit verbreitete Unkrautbekämpfungsmittel Glyphosat krebserregend? In den vergangenen Monaten haben gleich vier angesehene Institutionen Bewertungen abgegeben - mit teils unterschiedlichen Ergebnissen. Ein Überblick.

  • Bundesinstitut für Risikobewertung

    Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) ist der Ansicht, „dass beim Menschen bei einer sachgerechten Anwendung in der Landwirtschaft keine krebserzeugenden, erbgutverändernden oder entwicklungsschädigenden Risiken von Glyphosat zu erwarten sind“. Für die gesundheitliche Bewertung hat das BfR nach eigenen Angaben mehr als 1000 Studien, Dokumente und Veröffentlichungen ausgewertet. Umweltschützer und Aktivisten werfen dem BfR hingegen vor, die Gesundheitsgefahren von Glyphosat zu verharmlosen. Das deutsche  Institut hat die Federführung beim Zulassungsverfahren für Glyphosat in der Europäischen Union.

  • Internationale Agentur für Krebsforschung

    Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) schätzte Glyphosat im vergangenen Jahr als wahrscheinlich krebserregend ein. Die IARC, eine Behörde der Weltgesundheitsorganisation (WHO), sieht bei Menschen eingeschränkte Belege dafür, dass Glyphosat Krebs erzeugen kann. Bei Tierversuchen gebe es ausreichende Belege für einen solchen Effekt. Insgesamt stuften die IARC-Experten Glyphosat in die zweithöchste Risikokategorie ein („wahrscheinlich krebserregend beim Menschen“). Die IARC bewertete, wie stark die Beweise dafür sind, dass Glyphosat Krebs auslösen könnte. Das ist nicht das Gleiche wie das Risiko, durch das Mittel tatsächlich an Krebs zu erkranken.

  • Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit

    Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) kam Ende 2015 zu einem anderen Urteil: Glyphosat stelle wahrscheinlich keine Gefahr für den Menschen in Bezug auf Krebs dar. Man habe mehrere Studien bewertet, die von der IARC nicht mit einbezogen wurden, heißt es bei der Efsa. Zudem bewertete die Efsa nur die Wirkung von Glyphosat selbst, die IARC nahm auch Mittel unter die Lupe, in denen Glyphosat enthalten ist. Die Efsa-Fachleute schlagen vor, einen neuen Grenzwert für die akute Aufnahme von Glyphosat, zum Beispiel während einer einzigen Mahlzeit, von 0,5 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht festzulegen. Das Urteil der Efsa ist wichtig für die EU-Neuzulassung. Die aktuelle Zulassung endet am 30. Juni.

  • Joint FAO/WHO meeting on pesticide residues

    Im Mai lieferte eine weitere WHO-Institution - das Joint FAO/WHO meeting on pesticide residues (JMPR) - eine Einschätzung. Es sei unwahrscheinlich, dass Glyphosat bei der Nahrungsaufnahme ein Krebsrisiko für Menschen darstellt. Untersuchungen an Nagern hätten ergeben, dass für Menschen relevante Dosen nicht krebserregend seien. Laut den JMPR-Experten ist aber die Möglichkeit nicht auszuschließen, dass Glyphosat in sehr hohen Dosen bei Mäusen Krebs erzeugen kann.

Das auch auf deutschen Feldern breit eingesetzte Glyphosat steht im Verdacht, Krebs zu verursachen. Allerdings kam die europäische Chemikalienagentur Echa im März zu dem Schluss, dass verfügbare wissenschaftliche Erkenntnisse nicht die Kriterien erfüllten, um Glyphosat als krebserregend zu bewerten. Die Substanz schädige indes ernsthaft die Augen und sei giftig für Organismen im Wasser.

Eine Analyse des Pestizid-Aktionsnetzwerks PAN, des Bunds für Umwelt und Naturschutz (BUND) und des Umweltinstituts München kommt zu dem Schluss, dass die Echa den Wirkstoff als „wahrscheinlich krebserregend“ hätte einstufen müssen. „Nur unter massiver Verletzung der eigenen Regeln und Richtlinien war es den EU-Behörden möglich, die krebsauslösende Wirkung von Glyphosat zu leugnen“, erklärte der Autor und Toxikologe Peter Clausing von PAN am Donnerstag. Behörden hätten Krebsbefunde „systematisch weg interpretiert“.

Die Grünen äußerten den Verdacht, dass Hendricks' Nein zur Zulassung ein „Wahlkampf-Showeffekt“ sei. „Ministerin Hendricks weiß genau, dass die Entscheidung in Brüssel erst nach der Bundestagswahl getroffen wird“, sagte der Bundestagsabgeordnete Harald Ebner. „Sobald die EU-Kommission ein paar kleine Auflagen zum Artenschutz in den Vorschlag schreibt, wird nämlich auch Frau Hendricks der Glyphosat-Neuzulassung zustimmen.“

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