Unsere Sucht nach Zucker: Das süße Gift

Unsere Sucht nach Zucker: Das süße Gift

Immer mehr Zucker in Nahrungsmitteln, steigende Quoten für Agrartreibstoffe – wie das süße Gift unsere Umwelt ruiniert.

Auf der Nordsee, einige Kilometer vor der Elbmündung, segelt ein kleines Schiff in einer klaren Winternacht im Jahr 1810 in Richtung Hamburg, der alten Hansestadt. Die Seemänner an Bord rufen sich die Kommandos nur leise zu – denn ihre Mission ist streng geheim. Einige hanseatische Kaufleute haben sich zusammengetan, um vom britisch besetzten Helgoland heiß begehrte Baumwolle, Kaffee und Zucker aus den britischen Kolonien ans deutsche Festland zu schmuggeln.

Die Diskretion der Kaufleute ist begründet: Denn ihre Fahrt verstößt gegen die 1806 verhängte Kontinentalsperre, den Hamburgern drohen empfindliche Strafen wie Gefängnisaufenthalt und Verlust der gesamten Ladung an die französischen Behörden.

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Erlassen hat die Blockade kein Geringerer als der französische Kaiser Napoleon Bonaparte. Mit ihr will er sämtlichen Handel, Verkehr und Nachrichtenaustausch mit Großbritannien unterbinden und so das wehrhafte Inselreich in die Knie zwingen.

Die Sperre trifft aber nicht nur das Vereinigte Königreich, sondern auch Norddeutschland empfindlich. Trotz des aufblühenden Schmuggels gehen den Zuckerraffinerien in Hamburg und Bremen schon bald die Rohstoffe aus. Und so schleichen bei Nacht Dutzende Schmuggler zwischen den Nordseehäfen umher. Zum Schmuggel bleibt den Zuckerbaronen nur eine Alternative: das süße Gold in der Heimat herzustellen.

Um 1800 herum hatte der deutsche Naturwissenschaftler Franz Carl Achard ein Verfahren entwickelt, um aus Rüben Zucker zu gewinnen. Die Geburtsstunde einer blühenden Industrie war eingeläutet: Bald danach bauten Landwirte in Deutschland und den Nachbarländern Rüben an. Etwa 100 Jahre nach Napoleons Seeblockade produzierte die europäische Zuckerrübenindustrie im Weltmaßstab so viel von dem süßen Stoff wie die Rohrzuckerindustrie.

Wurde der süße Stoff aus brasilianischem Zuckerrohr lange mit Gold aufgewogen, konnten ihn sich dank des Rübenbooms nun große Teile der Bevölkerung leisten – die süße Revolution begann.

Inzwischen wachsen Rohr und Rübe auf mehr als 31 Millionen Hektar weltweit. Das entspricht der Fläche von rund 43 Millionen Fußballfeldern und einer Jahresproduktion von 175 Millionen Tonnen Zucker. Tendenz steigend. Denn die Verbraucher konsumieren immer mehr Zucker – auf den Tellern, aber auch in den Tanks ihrer Fahrzeuge in Form von Agrartreibstoffen.

Seit Napoleons Zeiten gleicht die europäische Zuckerrübenindustrie einem wohl gehüteten Biotop. Die Anbaustandards sind streng, der Düngereinsatz im Vergleich mit anderen Ackerfrüchten ist gering und das Einkommen für die Landwirte auskömmlich. Zwischen dem Preisdumping der Discounter und der Billigkonkurrenz aus Entwicklungsländern, die andere Zweige der Landwirtschaft trifft, hat sich die europäische Zuckerindustrie eine Art Heile-Welt-Status erhalten.

Doch damit soll es bald vorbei sein.

Denn die EU-Verantwortlichen wollen den durch nationale Zuckerquoten, Garantiepreise, Zölle und Exporterstattungen geschützten Zuckermarkt in Europa ab 2017 noch stärker als bisher der globalen Konkurrenz aussetzen. Der unsichtbare Wall, der europäische Rübenbauern bisher vor Marktschwankungen und vor billigerem Rohrzucker aus Übersee weitestgehend bewahrt, fällt.

Dabei ist die Marktsituation schon jetzt alles andere als rosig. Zwischen 2005 und 2011 schlossen in Europa 83 Zuckerfabriken die Tore, die Zahl der Beschäftigten sank von 50 auf 22 Tausend.

Diese Tendenz wird sich in den nächsten Jahren noch verschärfen.

Es ist ein historischer Umbruch, den die rund 200 Jahre alte, einst so erfolgreiche Zuckerindustrie derzeit durchlebt und der gravierende Folgen für Bauern, Hersteller und nicht zuletzt die Umwelt haben wird.

Die Geschichte dieses Umbruches handelt auch vom Siegeszug eines billigen Massengutes mit Suchtpotenzial, von der Auseinandersetzung zwischen freiem Welthandel und regionalem Protektionismus und nicht zuletzt vom erbitterten Kampf zwischen Arm und Reich – kurzum: Der Inhalt einer Zuckerdose erzählt eine Geschichte der Globalisierung.

Kapitel 1:Zuckermarkt vor der Zeitenwende

Die zahllosen Demonstrationen mit Traktoren, Trillerpfeifen und Transparenten am Reichstag in Berlin und vor Lokalparlamenten in ganz Deutschland haben Eckehard Niemann und seinen Mitstreitern nichts genützt. Niemann, 66, ist pensionierter Landwirt und Rübenbauer aus Niedersachsen und Mitbegründer der Arbeitsgemeinschaft für bäuerliche Landwirtschaft (AbL), einer Vereinigung, die für den Erhalt kleinbäuerlicher Strukturen in Europa kämpft.

Von der Rübe schwärmt Niemann als „Königin der Feldfrüchte“. Wie so vielen europäischen Rübenbauern treiben ihm die aktuellen Entwicklungen in Brüssel die Sorgenfalten auf die Stirn.

Niemanns Kampf für die Kleinbauern und ihre Zuckerrüben wurde im Jahr 2003 existenziell, als Brasilien, Thailand und Australien bei der Welthandelsorganisation (WTO) in Genf Klage einreichten. Das Argument der Länder: Die Zuckerpolitik der Europäischen Union verstoße gegen die Gesetze eines freien Weltmarktes. Die WTO gab den Klägern zwei Jahre später recht. Die EU muss sich dem Urteil beugen und die Handelsgrenzen ab Herbst 2017 öffnen.

Wir befürchten, dass viel Geld verbrannt wird

Eine Folge, so fürchten Rübenbauern wie Niemann, werden fallende Preise für Zucker sein. Denn Zuckerrohr aus Übersee ist konkurrenzlos günstig.

Bisher verdienten die Landwirte als Lieferanten und zugleich Anteilseigner der Zuckerproduzenten wie Nordzucker, Südzucker und Pfeifer & Langen an Ertrag und Unternehmens-Dividende doppelt. Die Bauern liefern den Fabriken die Rüben, wo Maschinen sie zerkleinern, eine Lauge den Zuckersaft herauslöst und der Zucker abschließend über Kristallisation gewonnen wird.

Anders als die Bauern können die Zuckerfirmen dem Fall der Zuckermarktordnung gelassen entgegensehen. Sie hatten jahrelang mit Millionenetats für deren Erhalt lobbyiert. Jetzt aber investieren die europäischen Rübenzucker-Produzenten verstärkt im Ausland in die Feldfrucht, die sie bisher so sehr bekämpft haben: das billige Zuckerrohr.Offene Geheimnisse, große PläneSo handelt beispielsweise Deutschlands größter Zuckerproduzent Nordzucker. Das Braunschweiger Unternehmen prüft derzeit die Expansion, „schwerpunktmäßig in Subsahara-Afrika, aber auch darüber hinaus“, wie eine Pressesprecherin des Unternehmens mitteilt. Ländernamen will Nordzucker aber nicht nennen.

Sambia war laut Insidern bis vor Kurzem eines der ersten Expansionsziele. Intensive Prüfungen der dortigen Rohrzuckerproduktion für den afrikanischen Markt hätten aber gezeigt, dass eine nachhaltige Wasserversorgung nicht zu gewährleisten sei. Wirtschaftlich gelohnt hätte sich das Abenteuer wohl auch nicht. Im Falle von Sambia waren Investitionen von 215 Millionen Euro vorgesehen.

Derzeit prüft das Unternehmen laut Branchenkennern aber den Einstieg in anderen ostafrikanischen Ländern.

Nicht wenige heimische Rübenbauern, die zugleich Aktionäre bei Nordzucker sind, betrachten diese Entwicklungen mit Argwohn. „Wir befürchten, dass hier viel Geld verbrannt wird, denn Nordzucker hat keine Ahnung vom Zuckerrohranbau. Das Geld fehlt dann den hiesigen Bauern“, kritisiert Eckehard Niemann.

Und er warnt: „Wir dürfen nicht vergessen: Bauern bilden in Europa den Mittelstand der Landwirtschaft. Und der droht gerade wegzubrechen.“

Denn der Wegfall der Marktordnung bedeutet für die Rübenbauern den Wegfall der Sicherheit: Die Rübenpreise, die gewöhnlich deutlich unter dem EU-Niveau liegen, werden dann nicht mehr durch die Produzenten garantiert.

Viele Nichtregierungsorganisationen (NGOs) wie Oxfam und die AbL fürchten, dass Unternehmen künftig mehr und mehr auf die Gründung von Tochterfirmen an Billig-Standorten im Ausland und auf Import-Rohrzucker aus Anbau mit unzureichenden ökologischen und sozialen Standards setzen. Befeuert wird diese Entwicklung durch seit Jahren sinkende Preise infolge steigender Zuckererzeugung. Die Weltproduktion des süßen Stoffs könnte in der kommenden Dekade um satte 20 Prozent wachsen, schätzt die OECD. Eine ungewisse Zukunft also – nicht nur für die Bauern in Europa.Landgrabbing durch Zucker?„Klar ist, dass sich die Konzerne da ansiedeln, wo das Land fruchtbar ist, also dort, wo prinzipiell auch die Bevölkerung hinstrebt oder bereits wohnt“, erklärt Roman Herre von der Eine-Welt-Organisation FIAN. Die Folge wäre, dass das für den afrikanischen Markt bestimmte Zuckerrohr andere, wertvollere und vor allem dringend benötigte Nahrungsmittelpflanzen verdrängt.

Bisher beteuern die Unternehmen zwar, nur für den afrikanischen Kontinent produzieren zu wollen. Aber bei sich ändernden Marktbedingungen könnte der billige Zucker auch Europa überschwemmen.

Doch nicht nur industriekritische NGOs schlagen angesichts der Entwicklungen auf dem Zuckermarkt Alarm. Die Weltbank warnt für Sambia, dass ein „Vertragsanbau bei Zuckerohr zu Durchschnittslöhnen führt, die niedriger sind als alternative kleinbäuerliche Anbauoptionen.“ Denn die Tendenz geht zu großen industrialisierten Zuckerfarmen, Kleinbauern können auf dem komplizierten Markt mit Vorkontrakten und Mindestabnahme-Mengen kaum bestehen.

Trotz der Bedenken gelten Afrika und Asien als neue Wachstumsregionen. Schon seit Ende der 1980er-Jahre sind die Zuwächse der Weltzuckererzeugung vor allem dem Rohrzucker zuzuschreiben. Nach Schätzungen der OECD wird 2023 das Zuckerrohr einen Anteil von 86 Prozent an der globalen Produktion haben. 79 Prozent davon werden dann aus Entwicklungsländern stammen.

Kapitel 2:Die Zuckernachfrage steigt – die Gesundheitskosten auch

Die Produzenten von Zuckerrohr können sich auf reißenden Absatz freuen. Denn weltweit hat sich der Zuckerkonsum in den vergangenen fünf Jahrzehnten verdreifacht – mit sichtbaren Folgen.

Die Weltgesundheitsbehörde WHO warnt wegen der vielen Übergewichtigen vor einer „weltweiten Epidemie”, die sich nicht nur in Industriestaaten, sondern zunehmend in ärmeren Teilen der Erde ausbreite.

Fettleibigkeit ist eines der großen wirtschaftlichen Probleme

Denn mit dem Wirtschaftswachstum dehnen sich veränderte Lebensgewohnheiten und Zivilisationskrankheiten rasant aus. Wissenschaftler bringen einen hohen Zuckerkonsum nicht nur mit Fettsucht, sondern auch mit Diabetes, Herzerkrankungen, Bluthochdruck, Krebs und sogar Alzheimer in Verbindung.Folgen der verwestlichten ErnährungSo ist China etwa bei den Diabetes-Zahlen neuer Spitzenreiter vor Indien und den USA. Mediziner machen neben mangelnder Bewegung vor allem die schlechte Ernährung, also zu viel Fleisch, Fett sowie Alkohol dafür verantwortlich – aber auch den Zucker. Denn vor etwa 30 Jahren war der süße Stoff kein zentraler Bestandteil der chinesischen Küche. Nun aber können Chinesen in jedem Dorf gezuckerte Softdrinks und Gebäck kaufen.

Inzwischen leiden laut dem Fachmagazin „Journal of the American Medical Association“ mehr als 110 Millionen Chinesen an Diabetes; in den USA sind es 30 Millionen Menschen, in Europa 52 Millionen. Laut der International Diabetes Federation gibt es weltweit 387 Millionen Menschen, die an Diabetes Typ 1 und Typ 2 leiden. Alle sieben Sekunden stirbt ein Mensch daran.

Aber das Schlimmste kommt erst noch. Jeder zweite Chinese befindet sich bereits im Diabetes-Vorstadium („Prädiabetes“), das entspricht 500 Millionen Betroffenen. Die Dunkelziffer ist vermutlich weitaus höher.

Inzwischen warnen nicht nur Mediziner vor den Folgen der verwestlichten Ernährung, sondern auch Ökonomen. So nannte etwa die Unternehmensberatung McKinsey 2014 in einer Studie Fettleibigkeit „ein großes wirtschaftliches Problem“. Der Weltwirtschaft entstehe dadurch pro Jahr ein Schaden in Höhe von zwei Billionen Dollar in Form von Gesundheitsausgaben und einer verminderten Produktivität. Das entspreche den Auswirkungen, die bewaffnete Konflikte und das Rauchen zusammen hätten.

Nach Einschätzung der OECD werden die Entwicklungsländer durch höhere Einkommen, Urbanisierung und steigende Bevölkerungszahlen weiter die höchsten Wachstumsraten im Konsum von Zucker aufweisen. Weltweit soll der Verbrauch um 1,9 Prozent pro Jahr steigen, von 2015 bis 2016 bedeutet das eine Zunahme des Verbrauchs von 182 auf mehr als 185 Millionen Tonnen. Um diese drei Millionen Tonnen zu gewinnen, benötigen Landwirte eine zusätzliche Fläche von mindestens 250 Tausend Hektar Land – das entspricht der Größe von 350 Tausend Fußballfeldern.

Weltweit hat sich der Zuckerkonsum innerhalb von 50 Jahren verdreifacht. Doch neue Ackerflächen werden zunehmend knapp.

Aber nicht nur die Entwicklungsländer treiben die Nachfrage an. Auch der europäische Konsument isst immer süßer – mit 38 Kilogramm pro Kopf und Jahr etwa doppelt so viel, wie etwa die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt.

Weitaus weniger bekannt ist, dass der steigende Zuckerkonsum zunehmend auch zulasten der Umwelt geht. Das zeigt sich derzeit nirgendwo so deutlich wie bei den Agrartreibstoffen. Sie geben eine Vorstellung davon, was die europäischen Verbraucher mit ihrem Zuckerverbrauch in Zukunft anrichten könnten.

Das bisher unveränderte Ziel der EU, bis 2020 den Anteil der Agrartreibstoffe am gesamten Spritverbrauch von bisher fünf auf zehn Prozent zu steigern, bedeutet wachsende Treibstoffimporte aus Lateinamerika und anderen Ländern wie den USA. Allein Brasilien lieferte 2012 immerhin 150 Millionen Liter Ethanol in die EU, nach Angaben der britischen Analysten von F.O. Licht. Ganz Europa verbrauchte 2013 7,9 Milliarden Liter pro Jahr.

Fast die Hälfte des in Deutschland eingesetzten Agrarkraftstoffs wird bereits jetzt importiert, zu großen Teilen aus anderen EU-Staaten. Noch.

Die EU-Mitgliedstaaten koppeln diese Importe zwar an die Bedingung der „Nachhaltigkeit“ der Produktion. Laut der Biokraft-Nachhaltigkeitsverordnung sollen zum Beispiel „klimaschädliche Umwidmungen“ unbedingt vermieden werden. So darf das Ethanol nicht aus Zuckerrohr-Plantagen kommen, die auf Flächen ehemaliger Regenwälder wachsen oder von anderen geschützten Landschaften kommen.

Doch „das Mengenwachstum erschwert alle Versuche, die Agroenergieproduktion effektiv an die Einhaltung sozialer, ökologischer und menschenrechtlicher Standards zu binden“, beschreibt Thomas Fritz in einer von Brot für die Welt und der FCDL herausgegebenen Studie die Zweifel, ob Zertifizierungen eine nachhaltige Produktion sicherstellen können. Kurz: Die Nachfrage in Europa wächst so rasant, dass Umweltstandards schon einmal flöten gehen können.

Kapitel 3:Mehr Zucker, mehr Umweltprobleme

Eine Szene, wie sie täglich auf Hunderten brasilianischer Zuckerrohrplantagen stattfindet: Dumpf klingen die Schläge der Macheten auf einem Feld in Upatininga. Männer und Frauen schwingen ihre schweren Buschmesser. Die Arbeiter wirken viel älter, als sie eigentlich sind. Kein Wunder bei diesem Knochenjob. Während sie mit viel Kraft Rohr für Rohr abschlagen, suchen ihre Schuhe Halt in kalter Asche. Rauch hängt in der Luft.

In den hügeligen und unwegsamen Gebieten Brasiliens werden die Zuckerrohrfelder noch immer vor der Ernte angezündet. Bei dieser Methode verbrennen nur die scharfkantigen Blätter, das Zuckerrohr bleibt intakt. Die Flammen vertreiben oder töten Giftschlangen, Spinnen, Skorpione, die den Arbeitern gefährlich werden könnten. Das Feuer tötet aber auch Nützlinge, denen zuvor Dünger und teilweise hochgiftige Pestizide nichts anhaben konnten.

Auch Zuckerrohr-Plantagen bedrohen den Regenwald

Wegen der weltweit steigenden Nachfrage vor allem nach Agrarsprit wurden in den vergangenen Jahren Hunderttausende Hektar Zuckerrohr in Brasilien gepflanzt.

Laut einer internationalen Forschergruppe sind die Konsequenzen gewaltig. Die Wissenschaftler berechneten, dass mehr als 120 Tausend Quadratkilometer abgeholzter Regenwald nötig wären, um den zusätzlichen Flächenbedarf für Nahrung zu decken, würden auf den bisherigen Feldern Energiepflanzen wie Zuckerrohr angebaut. Das entspricht fast der Fläche von ganz Griechenland.

„Die Landnutzung würde sich also weiter nach Norden in den Regenwald verschieben – mit allen Nachteilen, die Monokulturen mit sich bringen“, erklärt Jörg Priess vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, der an der Studie beteiligt war.

Das Versprechen, für europäischen Agrarsprit aus Zuckerrohr werde kein Regenwald abgeholzt, löst sich damit schnell in Rauch auf.

Aber warum wird in Europa nicht nur Agrarsprit aus wirklich nachhaltigem Anbau verwendet? Die Antwort: Bereits jetzt weiß niemand, woher das Ethanol genau kommt.

Treffen Agrarkraftstoffe aus Übersee in Europa ein, dann laufen diese Ladungen über den Hafen in Rotterdam. Von dort wird das Ethanol in die EU-Länder transportiert und vom Zoll als Import aus den Niederlanden deklariert. Dies mache eine Rückverfolgbarkeit häufig sehr schwierig, wie Frank Brühning einräumt, Pressesprecher des Verbandes der Deutschen Biokraftstoffindustrie.

Als Big Player kann Brasilien Preise anbieten, vor denen sich europäische Bauern fürchten müssen: Nirgends auf der Welt ist die Produktion von Agrarsprit so günstig. Mit Zuckerrohr als Rohstoff liegen die Kosten je nach Quelle bei rund 22 Dollarcent pro Liter Ethanol. Sie sind auch deshalb so niedrig, weil Wanderarbeiter, unter ihnen zudem Kinder, ohne Rechte und Absicherung extrem wenig Lohn erhalten.

Zum Vergleich: In den USA kostete 2007 die Herstellung des billigsten Liters Ethanol aus Mais oder Weizen 26 Dollarcent, in Europa mit Zuckerrüben als Rohstoff mehr als das Dreifache.

Noch sind die USA bereit, einen höheren Preis für den Agrarsprit zu zahlen als die EU. „Aufgrund der amerikanischen Biokraftstoffgesetzgebung ist der dortige Markt für brasilianisches Ethanol attraktiver“, erläutert Frank Brühning. Dennoch liefert Brasilien bereits jetzt zuckerbasierten Ethanol nach Europa.Brasilien – (k)ein modernes Öko-Märchen?Beim Zucker für Nahrungsmittel droht in zwei Jahren ein ähnliches Szenario wie bei den Treibstoffen. Auch hier können europäische Produzenten preislich nicht mit Brasilien konkurrieren. Doch hinsichtlich der ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit sei der europäische Rübenzucker zu bevorzugen, wie eine Studie der ETH Zürich für Schweizer Rübenzucker zeigte.

Die Wissenschaftler schlussfolgern, dass „die signifikant tiefen Produktionskosten beziehungsweise hohen Rentabilitätswerte in der brasilianischen Zuckerversorgungskette zu einem bedeutenden Anteil auf Kosten der Sozialverträglichkeit erwirkt werden“. Beispiele, die sie anführen: niedrige Löhne, lange Arbeitszeiten mangelnde Arbeitssicherheit, Landenteignungen und Gesundheitsbeeinträchtigungen.

Aber Brasilien bemüht sich, den Umweltfrevel in den meisten Anbaugebieten zu beenden und auch europäischen Umweltstandards zu genügen. Per Gesetz dürfen im Bundesstaat São Paulo, dem Zentrum der brasilianischen Zucker- und Ethanol-Industrie, Produzenten ihre Felder aus Umweltschutzgründen nicht mehr abbrennen, in sehr steilen Lagen ist dies noch bis 2017 erlaubt. Nur die wenigen verbliebenen Kleinbauern oder kleinere Familienbetriebe sind grundsätzlich von dem Verbot befreit.

Überall, wo es die Bedingungen zulassen, sollen künftig statt Feldarbeitern Erntemaschinen, die so hoch wie ein Haus sind, die Arbeit machen und das gesamte Rohr samt Blattwerk einverleiben. 1000 Tonnen am Tag schafft eine Maschine. Ein Drittel des Zuckerrohrs wird dabei zu Zucker, ein weiteres Drittel bleibt als Laub übrig, das meist zur Energiegewinnung verbrannt wird. Aus dem letzten Drittel, der Bagasse, könnte künftig mit neuen Verfahren auch Biosprit werden.

Alles bestens also? Leider nicht.

Die unzähligen Zuckerrohr-Plantagen sind auch aus anderen Gründen problematisch. Das Rohr wird etwa über sieben Jahre in Folge auf demselben Standort kultiviert. Damit sich in diesen Monokulturen Schädlinge und Krankheiten nicht ungehindert ausbreiten, müssen die Arbeiter auf Geheiß der Zucker-Barone oft zu giftigen Pestiziden greifen. Zuweilen auch ohne ausreichende Schutzkleidung.

Die Folge: Brasilien ist nach den USA der zweitgrößte Markt für Pflanzenschutzmittel. Der Sektor verzeichnete 2012 im Vergleich zum Vorjahr ein Wachstum um 14 Prozent.

Das Land setzt auch auf Ackergifte, die in der EU gar nicht mehr zugelassen sind. So sprühen die brasilianischen Arbeiter im konventionellen Anbau etwa das als wassergefährdend eingestufte Mittel Atrazin. Das Versprühen von Pestiziden per Flugzeug ist in der EU übrigens nur noch in Ausnahmefällen erlaubt – anders als in Brasilien und in anderen Ländern, in denen Zuckerrohr angebaut und etwa Glyphosat zur schnelleren Reifung vor der Ernte versprüht wird.

Der heimische Rübenanbau zeichnet ein anderes Bild. Eines, das mehr in Einklang mit Natur und Umwelt steht. Durch verschiedene Fruchtfolgen, die eingehalten werden müssen, weil die Rübe nicht mit sich selbst verträglich ist, fehlen die Nachteile der Monokulturen. Konkret bedeutet das: Die Böden werden nicht ausgelaugt, sondern sogar noch angereichert. Stickstoff als künstlicher Dünger ist häufig nicht mehr nötig, erklärt Bernward Märländer vom Institut für Zuckerrübenforschung in Göttingen.

Zwar sprühen auch die nicht biologisch arbeitenden Zuckerbauern in Europa Pestizide auf den Feldern aus. Dennoch sei dies deutlich zurückhaltender als beispielsweise in Brasilien, sagt der Schweizer Ökologe Andy Spörri.Giftige Abwässer durch Agrargifte und DüngemittelDie großen Mengen an Agrargiften und Düngemitteln für den Anbau von Zuckerrohr dringen dagegen in Böden und Wasser ein. Mit fatalen Folgen, nicht nur in Brasilien, sondern auch in den USA, ein anderes Land, das seinen Rohrzucker bald bergeweise nach Europa schicken könnte, etwa im Rahmen des geplanten transatlantischen Freihandelsabkommens (TTIP).

Immer wieder weisen Studien einen höheren Pestizideinsatz in den USA als hierzulande und ein vermehrtes Auftreten von Superunkräutern nach – vor allem durch das massive Ausbringen des auch in Europa umstrittenen Wirkstoffs Glyphosat. In den Everglades, einem einzigartigen Feuchtgebiet im Bundesstaat Florida, haben Unmengen an Phosphor und Pestiziden aus der Zuckerproduktion 90 Prozent der Watvögel vertrieben – sie sind ein Gradmesser für den Gesundheitszustand des komplexen Ökosystems.

Ist das alles noch weit weg? Mitnichten. Mit dem Fall des unsichtbaren Schutzwalls werden die Importe von Ethanol und Zucker nach Europa noch zunehmen – die Umwelt- und Gesundheitsprobleme auch.

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Grafik: Veronika Meyer

Dieser Text entstand im Rahmen des Journalisten-Stipendiums Nachhaltige Wirtschaft. Alle Informationen zum Stipendium erhalten Sie unter diesem Link.

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