Upcycling: Wie aus alten Socken Kleider werden

Upcycling: Wie aus alten Socken Kleider werden

Schmuck aus Kaffeekapseln, Hemden aus alten Stoffbahnen, Stühle aus Holzabfällen: Design-Startups aus Deutschland machen Upcycling zum neuen Trend.

Jackets aus gebrauchten Blaumännern, Ohrringe aus aussortierten Halbleiterkomponenten, Ketten aus falsch bedruckten Werbeetiketten - das alles ist Upcycling. Aus alt mach neu, so könnte man die Idee des Upcyclings zusammenfassen. Es ist die Verwandlung gebrauchten oder ungenutzten Materials in ein neues, hochwertiges Produkt.

Noch „ist es eine Nische in einer Nische“, sagt Jonathan Leupert über diese besondere Produktwelt. Er ist einer der Betreiber des Upcyling Stores in der Linienstraße 77 in Berlin-Mitte. Der Laden hat vor etwas mehr als einem Jahr eröffnet und verkauft ausschließlich Upcycling-Produkte. Leupert und seine Mitbetreiber nehmen Designer meist nur für einige Monate ins Sortiment auf, um das Angebot wechseln zu können.

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Im Moment sind dort zum Beispiel Kleider der österreichischen Designerin Anita Steinwidder zu sehen (eines ihrer Kleider auf dem Aufmacherfoto oben), die Unikate aus gebrauchten Socken zusammennäht. Dafür sucht die Designerin farblich zueinander passende Socken, die sie zum Teil noch stopft, bevor sie eingearbeitet werden.

In der Mitte des Raums liegen die Produkte von Oldgold Berlin. Das kleine Berliner Label ist aus einem Schulprojekt von Frida Grubba entstanden. Dafür bastelte sie aus alten Nespressokapseln Schmuck. Irgendwann stieg die Mutter mit ein, dann der Lebensgefährte der Mutter, Ritz Mollema. Der Übersetzer und Webdesigner arbeitet gerade an einem Businessplan für Oldgold Berlin.

Kaffee-Kapseln werden zu OhrringenDas „Familienunternehmen“ produziert rund 30 Schmuckmodelle in den 16 Farben, in denen Nespresso seine Kapseln herstellt. Dazu werden die Kapseln gewaschen, in Form gedrückt und teilweise mit Perlen verziert. Derzeit gibt es sie in zwei Berliner Läden sowie online zu kaufen.

Das Phämonen Upcycling ist nicht neu, und es kommt auch nicht ursprünglich aus Europa. In Entwicklungsländern werden seit langem beispielsweise alte Reifen zu Sandalen verarbeitet. Nur würde dort vermutlich niemand auf die Idee kommen, die Treter als hochpreisiges Designobjekt auf den Markt zu bringen. Genau das passiert aber hierzulande gerade.

Upcycling passt hervorragend zum Zeitgeist. In der westlichen Gesellschaft, in der fast jeder fast alles kaufen kann, ist eine Sehnsucht entstanden nach Dingen, die es so nur einmal gibt, die nicht neu sind, oder die eine Geschichte zu erzählen haben. Deswegen entwickelt sich ein Absatzmarkt für diese nicht ganz billigen Produkte.

Die Upcycling-Branche in Deutschland ist sehr jung und nicht organisiert. Daher lässt sich auch nicht schätzen, wie viele Produzenten es in diesem Bereich gibt.

Neues Leben für die ProbestoffbahnJonathan Leupert gehört als Mitgründer des Labels Aluc zur Szene. Das Team aus drei Designerinnen und einem fast fertig studierten Betriebswirt verarbeitet Stoffe eines Fabrikanten aus Österreich, der diese nur für Fachmessen drucken lässt. Dort begutachten die Großkunden den Stoff, um zu entscheiden, wie viel sie davon für ihre Kollektion bestellen. Die angefertigten Muster haben keine weitere Verwendung, weil sie zu klein sind - maximal 30 Meter misst eine Probestoffbahn. Daher werfen die Hersteller ihre textilen Verkaufsargumente irgendwann weg. Die Designerinnen von Aluc kannten den Markt und begannen, einen Zulieferer dieser Stoffe zu suchen.

Doch weil unsere Gesellschaft wenig auf die Verwertung von Resten ausgelegt ist, haben Hersteller von Upcycling-Produkten häufig Probleme, eine Bezugsquelle für Abfälle zu finden. So war es auch bei Aluc. Es dauerte lange, bis das junge Label einen Produzenten fand, der bereit war, seine alten Stoffproben zu verkaufen.

Aus diesen kurzen Bahnen fertigt Aluc heute Hemden, Blusen und Tops. Es sind alles Unikate - mehr Stoff ist von einer Sorte ja nicht vorhanden. Dazu arbeitet Aluc mit Knöpfen von einem Behindertenprojekt. „Und der Kragen von jedem Kleidungsstück ist abknöpfbar“, sagt Leupert. Denn der sei der Teil des Kleidungsstücks, der am schnellsten verschleiße, erklärt er.

Wenn Christopher Platz einen Auftrag für seine Serie Bieg-o-mat bekommt, geht er erstmal im Müll suchen. Der gelernte Tischler fährt dafür zu seinem alten Ausbildungsbetrieb im Norden Berlins und bedient sich in den Resten von Furnier. Aus diesen Teilen formt er dann zum Beispiel einen Hocker oder einen Schwingstuhl.

Müll, gar nicht so einfach zu findenRund 20 Prozent von Platz’ Produkten entstehen aus Abfällen. Der gebürtige Hamburger würde gerne mehr aus Altmaterialien tischlern, aber „es wäre ein wahnsinniger logistischer Aufwand“, sagt der 33-Jährige. Um die richtigen Bauteile zu finden, müsste er weit fahren. Das Endprodukt werde dadurch viel teurer, als wenn er die Materialien regulär einkaufe. Helfen würde ein Verzeichnis der Abfälle, aber das würde kein holzverarbeitender Betrieb machen. Die heizten häufig mit Abfallholz, nur um es irgendwie zu verwerten.

Ganz hat der Tischler Platz aber die Idee eines Belieferungssystems für Upcycling-Designer noch nicht aufgegeben. „Dafür müsste es eine gut organisierte Börse geben“, sagt er.

Was die Materialbeschaffung angeht, musste sich auch das junge „Familienunternehmen“ Oldgold Berlin etwas einfallen lassen. Also liefern Freunde die Kapseln zu, und die Familie selbst trinkt jetzt „sehr, sehr viel Kaffee“ von besagter Marke. Regelmäßig laufen die drei auch die Nespresso-Kundencenter in Berlin ab, wo ihnen die Angestellten große Säcke der gebrauchten Alubehälter abgeben. Dann gibt es wieder eine Ladung Schmuck.

Von Constance Frey

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