Urban Gardening: Vorbild für die Landwirtschaft von morgen?

Urban Gardening: Vorbild für die Landwirtschaft von morgen?

von Sandra Lukatsch

Ein Professor untersucht die Anbaubedingungen für Gemüse in Chicago. Mitten in der Stadt.

Gemüseanbau auf den Brachflächen des ehemaligen Berliner Flughafens Tempelhof, grüne Oasen und sogenannte Roof-Top Farms auf den Dächern der New Yorker Wolkenkratzer oder Chilianbau auf japanischen Verkehrsinseln in der Millionenstadt Tokio. Weltweit schlägt der urbane Gartenbau (Stichwort "Urban Gardening") Wurzeln.

Auch in den Küchen der Luxusrestaurants ist dieser Trend längst angekommen. Für Slow-Food-Liebhaber ein Genuss auf der ganzen Linie: Saisonal angebaute Lebensmittel, die frischer nicht sein können, Transportwege verhindern und dadurch den CO2-Fußabdruck verkleinern.

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Doch das grüne Stadt-Paradies hat auch seine Schattenseiten. Sam Wortman und Sarah Taylor Lovell, Professoren der Universität am Standort Urbana-Champaign im US-Bundesstaates Illinois, haben jetzt in einer Studie vor allem die Probleme abgebildet, mit denen urbane Landwirte zu kämpfen haben. Probleme, mit denen sich auch bald die Kollegen auf dem Land befassen müssen. Denn die Anbaubaubedingungen in der Stadt von heute gleichen denen auf dem Land von morgen – eine Folge des Klimawandels.

Chicago – ein Stadtlabor für die ZukunftIm Vergleich zu ländlichen Gegenden herrschen in den Stadtgebieten andere Witterungsverhältnisse, die für die Pflanzen keine optimalen Wachstumsbedingungen liefern. Extremtemperaturen am Tag und höhere Temperaturen in der Nacht können die Photosynthese der Pflanzen verhindern und damit die Ernteausbeute verringern.

Um die Auswirkungen der Wetterverhältnisse auf einzelne Pflanzen zu untersuchen, hat Prof. Wortman mit seinen Kollegen sechs verschiedene Plätze – von der Innenstadt Chicago bis vierzig Kilometer außerhalb der Stadt – unter die Lupe genommen. Die Studie läuft aktuell noch, aber es gibt schon einige vorläufige Ergebnisse, die zeigen, dass bestimmte Pflanzen bessere Ernteerträge in der Stadt bringen, während andere eine höhere Ausbeute auf dem Land erzielen.

Mit der Studie möchte der amerikanische Professor den Stadtgärtnern aber nicht nur eine Orientierung für optimalen Pflanzenanbau geben. Er betrachtet die städtischen Ackerflächen auch als ein großes Labor, denn die Bedingungen in der Stadt – also hohe Temperaturen, Ozonbelastung und CO2-Gehalt – erwartet er auch als Folgen des Klimawandels in ländlichen Gebieten. Er liefert somit wertvolle Ergebnisse, wie sich Landwirte auf veränderte Anbaubedingung in Zukunft einstellen können.

Bleihaltige BödenAls ein weiteres Phänomen städtischer Böden nennen die Autoren außerdem einen extrem hohen Bleigehalt. Das Problem läge laut Wortman jedoch nicht darin, dass die Pflanzen die bleihaltigen Stoffe über ihre Wurzeln aufnehmen würden – dieser Anteil sei schwindend gering.

Die Gefahr für den Konsumenten bestünde in der Direktaufnahme. Also dadurch, dass Slow-Food-Genießer darauf verzichten, das Gemüse vorher zu waschen und das Gemüse samt Erdrückstände verzehren.

Schwerer Zugang zu WasserAls weitere Herausforderung für die Stadt-Gärtner nennt Wortman die Bewässerung der Grünflächen. So gibt es im 26. Stock von Hochhäusern oder auf Verkehrsinseln in Molochen wie Tokio nur bedingten Zugang zu Wasserquellen.

Um mit dem vorhandenen Wasser länger auszukommen, empfehlen die Autoren die Nutzung von Wasserspar-Technologien wie z.B. Tröpfchen-Bewässerung und empfehlen die Wiederverwertung von Regenwasser oder Abwasser.

Bereits vor fast 40 Jahren bildeten sich in New York die ersten sogenannten Community Gardens, in denen sich die Stadtbewohner zusammenfanden, um Nachbarschaftskontakte zu pflegen. Auf leeren Grundstücken richteten sie Gärten ein, um das Stadtbild zu verschönern, Kriminalität entgegenzuwirken und einen Beitrag zur Selbstversorgung zu leisten. Heute bilden sie die Grundlage für wichtige Erkenntnisse für die Landwirtschaft in der Zukunft.

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