Urban Mining: Der verkannte Ressourcenschatz

Urban Mining: Der verkannte Ressourcenschatz

von Stefan Bringezu

Jede Menge Metalle und Beton: Abrissgebäude sind wahre Rohstoffminen. Wir müssen sie endlich besser erschließen.

Wenn es um die Sicherung der Rohstoffversorgung geht, werden in erster Linie die Möglichkeiten diskutiert, wie der Zugriff auf die geologischen Lagerstätten gesichert werden kann. Geologische Dienste erstellen regelmäßig Karten der natürlichen Vorkommen im In- und Ausland. Die Regionalplanung der Bundesländer versucht, diese Flächen frei von Überbauung und anderen dauerhaften Nutzungen zu halten. Wirtschaftsministerium und Auswärtiges Amt schließen Verträge mit Rohstoffexportländern, um der heimischen Industrie längerfristig billige Rohstoffe zu sichern.

Die Anstrengungen sind ehrenwert und durchaus notwendig, aber die Minen der Zukunft liegen gar nicht so fern. Die Menge der in Gebäuden und Infrastrukturen enthaltenen Metalle übersteigt zum Beispiel bei Kupfer jene in den bekannten natürlichen Lagerstätten. Trotzdem sind diese Rohstoffquellen noch weitgehend unkartiert und es gibt keine Pläne zu ihrer systematischen Erschließung.

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Stahlschrott im Wert von bis zu 490 Millionen EuroJedes Jahr werden in Deutschland sechs bis 15 Millionen Tonnen Stahl, 0,5 bis eine Million Tonnen Kupfer und 0,2 bis 0,5 Millionen Tonnen Aluminium verbaut. Der Stahl dient hauptsächlich der Armierung von Beton, das Kupfer steckt in Elektrokabeln, Transformatoren und Wasserrohren, das Aluminium in Außenverkleidungen und Fensterrahmen.

Den Bestand in Hochbau, Haustechnik und Tiefbau schätzen Experten auf mindestens eine Milliarde Tonnen Stahl, acht Millionen Tonnen Kupfer und sieben Millionen Tonnen Aluminium. Diese Materialien fallen früher oder später als Schrott an. Ihr Gesamtwert beträgt nach aktuellen Schrottpreisen 140 Milliarden Euro bei Stahl, 32 Milliarden Euro bei Kupfer und 5,6 Milliarden Euro bei Aluminium.

Die jährliche Abrissrate liegt bei 0,1 Prozent des Bestands für Wohngebäude und 0,35 Prozent für Nichtwohngebäude. Theoretisch könnten damit durch Stahl-, Kupfer- und Aluminiumschrott aus dem Bestandsabbruch 140 bis 490 Millionen Euro (Stahl), 24 bis 84 Millionen Euro (Kupfer) beziehungsweise zwei bis sieben Millionen Euro (Aluminium) erlöst werden. Wie viel es pro Jahr tatsächlich sind, dazu fehlen verlässliche Zahlen.

Es ist anzunehmen, dass ein erheblicher Teil der Konstruktionsmetalle, für die es etablierte Recyclingrouten gibt, bereits wiederverwendet wird. Beim Abbruch von Gebäuden ist die Betonaufbereitung – inklusive Trennung von mineralischen und metallischen Bestandteilen – bei größeren Objekten die Regel.

Fehler beim AbrissIn vielen Fällen dürften die Bauherren jedoch kaum darüber informiert sein, welche Werte sie bei Abriss, Rückbau oder Sanierung dem beauftragten Unternehmen überlassen, die die aufbereiteten Sekundärmaterialien Gewinn bringend auf den Recyclingmärkten verkaufen. Bei der Kalkulation der Kosten für Abriss, Rückbau und (Teil-)Sanierung sollte der Wert der zu erwartenden Schrotte einbezogen werden.

Aber nicht nur auf Seiten der Immobilienbesitzer gibt es Aufklärungsbedarf. Immer wieder sieht man Baustellen, bei denen der Abrissbagger mit der großen Kneifzange tätig wird, bevor die Fensterrahmen und die Heizkörper ausgebaut werden. Selbst Rolltreppen verbleiben manchmal im Gebäude. Statt möglichst sortenreine Materialien zu erhalten, eventuell sogar wiederverwendbare Bauteile, zertrümmern die Bagger alles auf einem Haufen. Später muss die Masse dann mit großem Aufwand wenigstens teilweise wieder getrennt werden.

Andererseits sind sich viele Abrissunternehmen des Werts des Bauschutts bewusst: Die größten Mengen an Abriss- beziehungsweise Rückbaumaterial bestehen aus mineralischen Materialien wie Beton- und Ziegelabbruch. Mittlerweile sieht man immer mehr Maschinen, die die Bruchstücke weiter zerkleinern und nach Korngrößen sortieren. Ein Teil dieser Gemische kann als Zuschlagsstoff wieder für die Herstellung von neuem Beton verwendet werden. Sand und Kies werden dadurch ersetzt, Eingriffe in die natürliche Landschaft verringert.

Rückbau, Bauschuttaufbereitung, Sekundärrohstoffproduktion und -verwendung könnten zusammen auf derselben Baustelle geschehen. Doch werden meist Abriss und Neubau von unterschiedlichen Unternehmen durchgeführt. Das hat zur Folge, dass die zerkleinerten und sortierten Sekundärrohstoffe von dem einen Unternehmen abtransportiert und woanders zwischengelagert werden, während das andere Unternehmen auf der Baustelle für den neuen Beton Sand und Kies aus natürlichen Lagerstätten anliefert. Unnötige Transporte und damit Kosten und Ressourcenverbräuche sind die Folge. Dies ließe sich durch eine integrierte Bauplanung von Abriss, Rückbau und Neubau verbessern.

Informationssystem Urban Mining nötigEin weiteres Hindernis auf dem Weg zu einer besseren Nutzung der Rohstoffe aus Abrissgebäuden ist, dass weder die Recyclingbranche noch die Bauwirtschaft über Informationen verfügen, wo in welchen Zeiträumen welche Mengen an potenziellen Sekundärrohstoffen in welchen Qualitäten aus dem Baubestand zu erwarten sind. Erste Forschungsprojekte laufen, um Größenordnungen für ganz Deutschland zu ermitteln. Benötigt wird freilich ein Informationssystem Urban Mining, bei dem diese Informationen möglichst auf lokaler Ebene für Städte, Stadtteile und Landkreise vorliegen.

Beim Stichwort Urban Mining denken manche daran, dass alte Deponien erschlossen werden, auf denen in früheren Jahrzehnten Fahrräder, Waschmaschinen und Fernseher entsorgt wurden, um so insbesondere wertvolle Metalle zurückzugewinnen.

Vergleicht man jedoch den geschätzten Inhalt aller Altablagerungen in Deutschland mit dem jährlichen Produktionsvolumen, so könnte der gesamte Wertstoffgehalt der Altdeponien den Jahresbedarf bei Eisen und Stahl nur zur Hälfte und bei Kupfer und Aluminium nur ein einziges Jahr lang decken. Dazu kommt, dass 10.000 bis 100.000 Altablagerungen abgegraben werden müssten, um an jene Metalle zu gelangen.

Vorbild ZürichInsofern kann das Auskoffern von alten Deponiestandorten den Bedarf an wichtigen Grundwerkstoffen nicht nachhaltig decken. Dazu müssen Quellen erschlossen werden, die langfristig sprudeln. Hierzu gehört die Erschließung des Materiallagers im Hoch- und Tiefbau.

Dass so etwas möglich ist, hat die Stadt Zürich vorgemacht. Das Hochbauamt hat unter Mithilfe der Eidgenössischen Technischen Hochschule ein System zum Ressourcenmanagement eingeführt.

Beim Urban Mining geht es aber nicht nur um Gebäude und Infrastrukturen und ihre wertvollen Materialgehalte. Es geht auch um die Nutzbarmachung von ausrangierten Altprodukten, die sich in Kellern und auf Dachböden stapeln. Den Eigentümern fehlen häufig Informationen, was damit geschehen kann, und welche Verwertung die Sinnvollste ist.

Auch am Wuppertal Institut arbeiten wir daran, die Informationsgrundlagen für ein Urban Mining zu verbessern und dessen Potenziale nutzbar zu machen. Künftig wird man weniger in die Ferne schweifen müssen, um den Zugang zu wichtigen Rohstoffen zu erschließen.

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Stefan Bringezu leitet die Forschungsgruppe Stoffströme und Ressourcenmanagement am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Seit 2011 ist er außerdem Professor für Nachhaltiges Ressourcenmanagement beim Center for Environmental Systems Research (CESR) an der Universität Kassel. Stefan Bringezu beschreibt in einer Artikelserie bei WiWo Green, welche Herausforderung im Bereich der Rohstoffversorgung auf uns warten und wie wir sie meistern können. 

Bisher ist von Stefan Bringezu auf WiWo Green erschienen:

1. Bei Rohstoffen beginnt die Ära der Hochrisiko-Förderung

2. Warum wir von Biosprit und Biodiesel die Finger lassen sollten

3. Die Ressourcenwende droht am Recycling zu scheitern

4. Baustoffe: Die unerwartete Rohstoffschwemme



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