Utopival: Der Kongress, der ohne Geld auskommt

Utopival: Der Kongress, der ohne Geld auskommt

von Marius Hasenheit

Keine Teilnehmergebühren, keine Honorare für die Vortragenden, kein teures Catering: Der Kongress Utopival will ganz ohne Geld auskommen.

„Was passiert, wenn wir den Fokus auf Geld weg lassen?“ Tobias Rosswog und seine Mitstreitern stellen sich diese Frage ganz praktisch. Sie organisieren nun zum zweiten Mal das Utopival, einen geldfreien Kongress für 130 Personen. Die Veranstaltung zeichnet sich dadurch aus, dass sie komplett auf finanzielle Hilfen beziehungsweise Anreize verzichtet.

So müssen die Besucher von Utopival keine Teilnehmerbeiträge zahlen, die Vortragenden erhalten keine Honorare. Auch für die Unterkünfte, die Mahlzeiten, den Strom und das Wasser fließt kein einziger Cent direkt. Stattdessen organisiert das achtköpfige Team die Dinge, die es für den Kongress benötigt, auf anderem Weg. Seit Dezember vergangenen Jahres fragte es etwa unzählige Lebensmittelproduzenten nach nicht mehr verkaufsfähigen Produkten. Sie sollen für das Catering verwendet werden. Übernachten werden die Teilnehmer, Organisatoren und Workshopleiter kostenfrei auf dem Findhof bei Köln.

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Genügend Lebensmittel zu finden, war für Rosswog und sein Team dabei weniger herausfordernd als gedacht. Regelmäßig erhalten sie Großspenden für die Veranstaltung wie zum Beispiel eine Tonne Hafermilch, deren verbleibende Haltbarkeitszeit nicht den Richtlinien des Großhandels entspricht.

Rosswog betont, dass es nie festgelegte Gegenleistungen für die Schenkungen gebe. Die Organisatoren wollen nicht nur auf Geld verzichten, sondern sich komplett von dem Prinzip „Leistung gegen Gegenleistung“ verabschieden. Für sie soll der Kongress nicht nur Utopie auf Zeit sein, sondern Denkanstöße für ein „anderes Miteinander“ geben. Den Organisatoren schwebt eine Alternative vor, die selbst über die Kategorie Tauschwirtschaft hinausgeht und vielleicht am ehesten als besonders konsequente Form von „solidarischer Ökonomie“ beschrieben werden kann.

Das Versprechen, ein Stückchen Utopie zu leben, scheint auf großes Interesse zu stoßen. In nur einem Monat versuchten etwa 350 Interessierte, sich für das Utopival anzumelden. Wer die Veranstaltung besuchen will, konnte weder auf eine frühe Anmeldung noch auf ein ausgefeiltes Motivationsschreiben bauen. Das Utopival-Team will auf jegliche Auswahl verzichten und lost daher alle Teilnehmer aus. Vortragende wie der Architekt Van Bo Le-Mentzel, der mit seinen günstigen Möbeln zum Selberbauen und fairen Sneakern bekannt wurde, locken aber offenbar viele Interessierte an. Auch der Postwachstumsvertreter Niko Paech kommt zu dem Kongress.

Auch in ihrem persönlichem Leben versuchen Tobias Rosswog und Pia Damm, die ebenfalls Teil des Organisationsteams ist, ihre geldfreie Alternative zu leben (wir berichteten). Seit einigen Jahren leben sie komplett ohne Münzen und Scheine. Regelmäßig halten Vorträge zu ihrer Idee einer Ökonomie des Vertrauens, Postwachstum und nicht zuletzt ihrem ungewöhnlichen Lebensentwurf.

Es geht dem Organisationsteam nach eigenen Angaben aber nicht darum, das absolut geldfreie Leben als einzig wahren Weg darzustellen, sondern zu zeigen, dass weniger Geldabhängigkeit nicht zuletzt auch von Arbeit unabhängiger macht. Die Freizeit kann dann für Hobbys, Selbstversorgung und Engagement verwendet werden. Zudem erinnern Damm und Rosswog daran, dass – ökologisch gesehen – Dinge zu teilen und zu reparieren immer noch besser ist, als nachhaltig produzierte Konsumgüter zu kaufen.

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