Versalzung: Kaliproduktion und Fracking greifen die Erde an

Versalzung: Kaliproduktion und Fracking greifen die Erde an

von Angela Schmid

Die Debatte um K+S macht deutlich, wie gefährlich Versalzung sein kann - mittlerweile sind einige deutsche Flüsse betroffen.

Schwere Zeiten für den Kasseler Düngemittelproduzenten K+S: Die "Kali und Salz AG" hat sich aus dem DAX verabschiedet und ist öffentlich in die Kritik geraten, weil sie salzhaltige Abwässer in die Werra geleitet oder zum Teil in tiefliegende Schichten gepresst hat. Ziemlich unökologisch - aber nicht nur das Kali-Geschäft könnte für eine Versalzung der Böden sorgen.

Künftig könnte auch Fracking "zu einem erheblichen Anstieg an salzbelasteten Abwässern führen", so Ralf Schäfer, Juniorprofessor für Landschaftsökologie am Institut für Umweltwissenschaften Landau der Universität Koblenz-Landau. Zwar gebe es EU-weite Regularien und Grenzwerte - "deren Umsetzung in die Praxis ist jedoch bislang unzureichend", ergänzt Oliver Frör, Professor für Umweltökonomie am Institut für Umweltwissenschaften der Landauer Uni.

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23 Wissenschaftler auf allen Kontinenten dieser Erde tragen derzeit Informationen über Versalzungen und mögliche Lösungen zusammen. Sie zeichnen ein düsteres Bild: Die Versalzung von Gewässern werde ihrer Ansicht nach weltweit unterschätzt, die Folgen zu wenig beachtet. "Wirtschaftliche Interessen stehen einer an den gewässerökologischen Zielen ausgerichteten Regulierung der Versalzung im Weg", so Frör. Heißt im Klartext: Die umweltfreundliche Entsorgung von Salzabfällen ist vielen Unternehmen zu teuer.

Dabei fällt davon eine Menge an, alleine 20 Millionen Tonnen bei K+S. Die Wissenschaftler fordern daher Politik und Behörden in einem in der Fachzeitschrift "Science" veröffentlichten Artikel auf, die Versalzung künftig in ihrem Gewässermanagement zu berücksichtigen. Wie zum Beispiel in Australien, wo das Salzproblem wesentlich größer als in Deutschland ist.

Probleme in DeutschlandAber auch hierzulande muss sich nach Ansicht der Forscher einiges tun. Neben der Werra leidet auch die Weser unter steigendem Salzgehalt. Momentan ringen die Anrainerländer von Weser und Werra mit der EU um einen Bewirtschaftungsplan für die Salzeinleitung in diese Flüsse.

Kaum bekannt ist, dass selbst der Rhein mittlerweile betroffen ist. Der Salzgehalt ist in den vergangenen 100 Jahren von 20 mg/Liter auf rund 100 mg/Liter angestiegen. Noch nicht dramatisch. Aus Sicht der Landauer Wissenschaftler besteht aber dennoch Handlungsbedarf.

Spätestens bei gravierender Versalzung, wie sie in Australien, Zentral-Asien aber auch in Teilen Nordamerikas auch in Trinkwasserreserven und auf landwirtschaftlichen Flächen vorkommt, entstehen Schäden am Boden und steigen die Kosten für die Trinkwasserbehandlung. Ein Problem, das auch in Deutschland auftreten könnte, wenn der Klimawandel zunimmt: Fällt über längere Zeit hinweg weniger Regen, fehlt der Verdünnungseffekt. Versalzen Gewässer, leidet das Ökosystem und damit auch das Trinkwasser.

Die Gewässerqualität nimmt ab - salzrobuste Tierarten, Algen und Wasserpflanzen nehmen zu. "Das könnte bedeuten, dass durch die Versalzung von Gewässern in Europa die Zielstellung des guten Zustandes, wie ihn die EU-Wasserrahmenrichtlinie vorgibt, nicht erreicht werden kann", sagt Schäfer.

Schwierige Messung der Versalzung"Salzgehalte werden derzeit nicht differenziert genug gemessen und Grenzwerte sind zu unspezifisch", bemängelt Frör. Die Effekte, die die verschiedenen Salze auf die Organismen in den Gewässern haben, sind wissenschaftlich kaum untersucht. Ohne diese Information ist ein Gewässermanagement aber kaum möglich. Für Frör steht fest: „Es ist noch sehr viel Forschungsbedarf notwendig.“

Dass der Versalzung zu wenig Beachtung geschenkt wird, liegt nach Ansicht der Wissenschaftler einerseits daran, dass die Versalzung nicht immer erkannt wird, sondern Problemen wie der Abwasserreinigung oder landwirtschaftlichen Nährstoffeinträgen in die Schuhe geschoben wird. Zudem seien sowohl die Landwirtschaft als auch der Bergbau wichtige wirtschaftliche Bereiche, an denen zahlreiche Arbeitsplätze hängen. Allein bei K + S sind es 3000 Jobs – inklusive der Zulieferer. Die Wissenschaftler befürchten, dass diese starken Akteure sich einer strikteren Regulierung entgegensetzen werden.

Dabei gibt es bereits Lösungsansätze: Salzhaltige Abwässer, wie sie durch den Kali-Abbau entstehen, müssten beispielsweise mittels Eindampfen entsprechend behandelt und in Kläranlagen ein Verfahren zur Entsalzung eingesetzt werden. Außerdem dürfte nur noch Salz eingeleitet werden, wenn Flüsse genügend Wasser haben, damit die Verdünnung gewährleistet ist und Belastungsspitzen vermieden werden. Zudem sollte in Forschung und Entwicklung zur Wertstoffrückgewinnung investiert und die Kosten, die Umweltschäden verursachen, umfassender als bisher ermittelt werden.

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