Verstaubter Fußballbund: Fünf Dinge, die sich beim DFB ändern müssen

Verstaubter Fußballbund: Fünf Dinge, die sich beim DFB ändern müssen

Nachhaltiger DFB? Nein, kritisiert die Wirtschaftspsychologin Alexandra Hildebrandt.

Deutschland ist Fußballweltmeister - in Sachen Nachhaltigkeit steht es beim Deutschen Fußballbund (DFB) indes nicht zum Besten. Darüber können auch ein schicker Nachhaltigkeitsbericht und Einzelaktionen wie der DFB-Umweltcup nicht hinwegtäuschen.

Denn beim Verband  scheint es vor allem darum zu gehen, nachhaltig zu wirken. Dass Nachhaltigkeit als Managementaufgabe in die Führungsebene gehört und als Prozess strukturiert sein muss, ist dort nicht angekommen, kritisiert die Wirtschaftspsychologin Alexandra Hildebrandt. Sie war Mitglied der Nachhaltigkeitskommission des DFB. Für WiWo Green beschreibt sie, was sich beim Deutschen Fußballbund ändern muss.

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Echte Wertevermittlung statt Feigenblatt



Eines der vier „Handlungsfelder“, in denen der DFB in Sachen Nachhaltigkeit tätig ist und werden will, ist die „Wertevermittlung“. Um welche Werte geht es dem DFB und wie schafft er für sie Bewusstsein?

In seinem Nachhaltigkeitsbericht hebt er etwa „Vielfalt im Fußball“ hervor, wozu entschiedenes Eintreten gegen Homophobie gehört. Also fand 2012 ein Dialogforum statt, das „Anregungen zum Umgang mit sexuellen Identitäten“ liefern sollte. Um „Ängste und Unwissenheit“ gegenüber Homosexualität und Fußball abzubauen, folgte 2013 eine Informationsbroschüre. Aktuell bemüht man sich darum, Thomas Hitzlsperger, den ersten Nationalspieler, der sich öffentlich geoutet hat, bei öffentlichen Auftritten als Quotenschwulen auf dem Podium zu platzieren.

Das sind jedoch nur Einzelaktionen und alles andere als eine Strategie, die klare Maßnahmen benennt, um Homophobie im Fußball zu begegnen.

So sagt Tanja Walther-Ahrens, seit 2006 Delegierte der European Gay and Lesbian Sport Federation (EGLSF) und ehemalige Leiterin der Arbeitsgruppe „Bildung“ in der DFB-Kommission Nachhaltigkeit, dass sich Homophobie nur im Prozess nachhaltig bekämpfen ließe. Sie müsse auf vielen Ebenen auf den Tisch kommen, immer wieder. Das gelte für das F-Jugendtraining genauso wie für den Profifußball. Warum nicht einmal hinterfragen, was schon immer als normal galt? So könnten die Hostessen im VIP-Bereich auch einmal durch Drag-Queens ersetzt werden – nicht als spektakuläre Eintagsfliege, sondern im Rahmen eines gut durchdachten Prozesses für sexuelle Vielfalt im Fußball.

Transparenz statt HinterstübchenZum DFB-Bundestag 2013 hat der DFB die Kommission Nachhaltigkeit aufgelöst – denn ihre Arbeit, die Grundlagen für einen Nachhaltigkeitsbericht zu erarbeiten, sah man dort als abgeschlossen. Stattdessen konstituierte der DFB die Nachfolgekommission „Gesellschaftliche Verantwortung“. Warum er den Begriff Nachhaltigkeit nicht weiter führt, kommunizierte er nicht. Ob die Themen Anti-Korruption, Umwelt, Gesundheit oder Bildung weiter von Beauftragten repräsentiert und in die Hand genommen werden, bleibt auch völlig unklar.

Lieber beruft sich der Vorsitzende der neuen Kommission „Gesellschaftliche Verantwortung“, Stephan Osnabrügge, in einem Interview darauf, dass der DFB-Präsident Wolfgang Niersbach ein anderes Führungsverständnis als sein Vorgänger Theo Zwanziger habe und „die Dinge“ lieber im Hintergrund bearbeite.

Doch wer Verantwortung hat, ist auch verpflichtet, aus dem Hintergrund herauszutreten und in seinem Amt Stellung zu beziehen. Klärung und Transparenz brauchen auch Erklärung. Dazu gehört neben konkreten und vergleichbaren Kennzahlen zur Nachhaltigkeitsleistung immer auch ein Gesicht.

Prozesse statt StückwerkDer DFB integriert einzelne Nachhaltigkeits-Projekte nicht in Prozesse, die er miteinander vernetzt. Ein Beispiel ist seine Amateurfußballkampagne, die den Nachwuchs sichern soll. Das Ziel ist richtig und wichtig, doch welche Medien setzt der DFB dafür ein? Genügen das Papier für Bierdeckel, Broschüren, Plakate, Postkarten oder die vielen Werbe-T-Shirts den Kriterien der Nachhaltigkeit?

Eine nachhaltige Wertschöpfungskette ist jedenfalls nicht erkennbar, weil die Geschichte dahinter nicht kommuniziert wird. Und: Auf zertifiziertem Papier ist ja schon der Nachhaltigkeitsbericht gedruckt.

Viel sinnvoller wäre es doch, wenn das aus dem DFB-Umweltcup 2012 gewonnene Wissen in andere Nachhaltigkeitskampagnen übernommen würde. Denn Nachhaltigkeit ist ein Prozess. Eine Organisation muss die Nachhaltigkeitserkenntnisse, die sie sich erarbeitet hat, in andere Projekte integrieren. Sonst bleibt der Eindruck, einen Umweltcup habe es nur wegen der PR gegeben.

Controlling statt HochglanzbroschürenEin Nachhaltigkeitsbericht erscheint am Ende eines Prozesses. Er sollte diesem nicht vorgeschaltet sein. Beim DFB war das anders. Eine Kommission wurde ins Leben gerufen, um den Bericht erstellen zu können. Danach wurde sie wieder aufgelöst. Wie soll auf diese Weise ein Prozess stattfinden, der zeigt, was erreicht wurde, an welchen Stellen aber noch Handlungsbedarf besteht?

Zudem präsentiert der Bericht lediglich sein „Nachhaltigkeitsverständnis“. Es fehlen konkrete Nachhaltigkeitsziele, eine Nachhaltigkeitsstrategie und wie ihre Performance evaluiert werden soll.

Das ist grotesk. Denn der Nachhaltigkeitsbericht ist auch ein Steuerungsinstrument, das mit dem internen Controlling verbunden sein sollte. Controller geben strategische Impulse für richtungsweisende Entscheidungen und Lösungen. Auf der Basis von Kennzahlen können sie sehen, wo die Organisation steht. Die Einbindung des internen Controllings würde dem Thema die Bedeutung und Stärke verschaffen, die es braucht, um glaubwürdig und langfristig zu wirken.

Management statt CharityAm 25. Oktober 2013 hat der DFB die Kommission Nachhaltigkeit aufgelöst. Denn mit der Veröffentlichung des Nachhaltigkeitsberichts habe sie ihre „wichtigste Aufgabe“, nämlich die Sichtung, Prüfung und Darstellung sämtlicher Nachhaltigkeitsaktivitäten, erfüllt. Damit war die Kommission Vergangenheit. Einzelthemen wie Bildung, Umwelt, Anti-Diskriminierung würden in internen Steuerungs- und Arbeitsgruppen weiter „behandelt“. Was diese Gruppen tun, ist unklar, lediglich die DFB-Website liefert einen Verweis.

Zerschneidet man Nachhaltigkeit in Einzelthemen, ohne sie wieder zusammenzufügen, bringt man sich um eine ganzheitliche Betrachtung. Genau wie eine Kette funktioniert Nachhaltigkeit nur dann, wenn ihre einzelnen Glieder ineinander greifen. Wie sollen die Menschen, die das System DFB repräsentieren, ein Nachhaltigkeitsverständnis haben, wenn sie sich nur mit Stückwerk befassen?

Die Verbandsspitze muss Nachhaltigkeit so strukturieren und organisieren, dass sie in allen Bereichen auf Augenhöhe verstanden und gelebt werden kann. Denn Nachhaltigkeit ist kein Wohltätigkeitsthema, sondern eine unabdingbare Führungs- und Managementaufgabe, die eine  Selbstbindung (Commitment) der obersten Führungsebene braucht.

Mein FazitStarke und moderne Organisationen stellen sich rechtzeitig auf Veränderungen ein – dazu gehört auch, dass sie sich zuweilen infrage stellen und nicht fortwährend auf die Stärke der eigenen „Marke“ und Tradition verweisen. Gerade kritische Momente sollten als Auslöser von Veränderungen zugelassen werden. Nachhaltigkeitsmanagement braucht das Konkrete, nicht das Allgemeine, ein Gesicht statt Gesichtslosigkeit, Kritikfähigkeit statt Selbstlob.



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