Viehzucht: Umweltbundesamt weist Antibiotika im Grundwasser nach

Viehzucht: Umweltbundesamt weist Antibiotika im Grundwasser nach

von Jan Willmroth

Können Antibiotika aus der Tierhaltung ins Grundwasser gelangen? Eine Untersuchung zeigt: Das ist zwar selten, kommt aber vor.

Antibiotika sind in der industriellen Tierhaltung so alltäglich wie Kraftfutter: Mehr als 1.600 Tonnen der antibakteriellen Medikamente haben Pharmakonzerne 2012 an deutsche Tierärzte geliefert, der größte Teil davon ging in die Landwirtschaft.

Eine offene Frage blieb bisher, wie diese Arzneimittel über den Kot und Urin der Schweine, Hühner und Rinder in die Umwelt gelangen – beispielsweise ins Grundwasser. Denn je nach Wirkstoff scheiden die Tiere 60 bis 80 Prozent der verabreichten Menge wieder unverändert aus.

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Das Umweltbundesamt (UBA) hat das zum Anlass genommen, im Grundwasser in Regionen mit hoher Viehdichte nach Spuren der Medikamente zu suchen (hier die Studie als PDF). An neun von 48 Messstellen in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen wiesen die Gutachter Antibiotika im Grundwasser nach, an zweien davon sogar in hohen Konzentrationen.

Fazit der Untersuchung: Großflächig gelangen wohl keine Tiermedikamente über die Gülle in das oberflächennahe Grundwasser, in Einzelfällen ist das aber durchaus möglich.

Die UBA-Experten wählten für die Messstellen bewusst ein Worst-Case-Szenario: Unter anderem finden sich dort viele Tiere auf wenig Raum, eine intensive Düngung der Felder, Böden, die Stoffe schlecht binden können, und ein geringer Abstand zwischen Boden und Grundwasser.

Bislang keine Grenzwerte für Antibiotika im Grundwasser

Die Ergebnisse mögen beruhigend klingen, doch von einer Entwarnung will das Bundesamt nicht sprechen. UBA-Vizepräsident Thomas Holzmann empfiehlt einen Grundwasser-Grenzwert für Tierarzneimittel, ähnlich der Pflanzenschutzmittel-Grenze von 0,1 Mikrogramm pro Liter:

„Im Einzelfall denkbar ist etwa, mit der Gülleausbringung zu warten, ganz auf sie zu verzichten, oder mit antibiotikafreiem Mineraldünger zu arbeiten“, sagte er. Bislang fehlt sowohl in der Grundwasserverordnung als auch in der Trinkwasserverordnung jeglicher Grenzwert für antibiotische Wirkstoffe.

Die Verabreichung von Antibiotika an Tiere dient theoretisch nicht nur der Krankheitsbekämpfung – im Gegensatz zu Deutschland ist in vielen Ländern auch deren Einsatz als Wachstumsbeschleuniger erlaubt. Der massive Antibiotika-Einsatz steht aber seit längerem in der Kritik, weil er die Entwicklung resistenter Krankheitserreger begünstigt.

Viele Erreger sprechen immer schwieriger auf antimikrobielle Medikamente an. Insbesondere Krankenhäuser haben zunehmend mit sogenannten multiresistenten Erregern zu kämpfen. Das Bundeslandwirtschaftsministerium fordert deshalb, den Antibiotika-Einsatz deutlich einzuschränken. Bislang gehört Deutschland EU-weit zu den Spitzenreitern bei der Antibiotika-Vergabe in der Landwirtschaft.

Linktipp: Vor gut einem Jahr erschien im Fachmagazin Proceedings of the National Academy of Sciences eine beängstigende Studie: Forscher wiesen in der Nähe chinesischer Schweinezuchtbetriebe große Mengen Antibiotika-resistenter Bakterien nach.

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