Virtuelle Freiheit: Wissenschaftler entwirft Fantasie-Welt für Käfigtiere

Virtuelle Freiheit: Wissenschaftler entwirft Fantasie-Welt für Käfigtiere

von Charlotte Zink

Frei trotz Käfighaltung. Ein US-Forscher entwickelt eine Computer-Brille, mit der Tiere artgerecht gehalten werden könnten.

Grüne Weiden und knackige Körner – wenn es um Tierhaltung geht, wünschen sich immer mehr Menschen eine artgerechte Haltung für ihre Brathähnchen und Eierlieferanten.

Der US-Technikentwickler, Forscher und Künstler Austin Stewart scheint jetzt eine Möglichkeit für eine flächendeckend tierfreundliche Haltung gefunden zu haben: Die Hühner sollen Brille tragen und auf einer Art Laufband leben. Klingt verrückt.

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Ist es auch, und funktioniert wie folgt: Die Hühner leben jeweils in einer kleinen Zelle und tragen eine Brille, die ihnen eine virtuelle Welt zeigt - mit ganz viel grünem Gras und ohne Zäune, versteht sich. Damit sich die Tiere in ihrer Behausung auch bewegen können, stehen sie auf einem Gummiball, der als Laufband fungiert und sich mitbewegt.

Saftiges Futter und virtuelle Hühner-Freunde - die Traumwelt, die per Brille auf dem Schnabel sitzt, soll die Tiere die winzigen Käfige, in denen sie tatsächlich stecken, vergessen lassen.

Alles ist vermeintlich auf die Bedürfnisse des Huhnes abgestimmt und soll ein gesundes Leben bis zur Schlachtung garantieren: Gefilterte Luft zur Krankheitsvermeidung, leichtes Design der Brillen, um den Vogel-Nacken zu schonen, gezielte Sonnenlichtzufuhr zur Anregung der Vitamin-D-Bildung und ausgewogenes Futter - letzteres so in der virtuellen Welt platziert, dass die Tiere in Wahrheit aus Näpfen fressen, die in ihrem Käfig hängen.

Alles nur ein FakeVirtuelle Freiheit als Kriterium für ein glückliches Tierleben? Zum Glück meint der Erfinder des Projektes „Second Livestock“ das alles nicht ernst. Eine Brille samt virtueller Welt für Hühner hat Austin Stewart nie gebaut. Im Gegenteil: Mit seinem Entwurf will er eine kritische Debatte über Tierhaltung und nicht zuletzt die Verlagerung des Lebens der Menschen in das Internet anregen.

Seinen Zuhörern bei Vorträgen sagt Stewart zunächst nicht, dass es sich um ein Gedankenspiel handelt. Deshalb stößt er immer wieder auf verärgerte Reaktionen oder wird für verrückt gehalten.

Viele finden die Vorstellung einer virtuelle Hühnerwelt nämlich schrecklich. Stewart fordert die Kritiker aber auf, über ihr eigenes Leben nachzudenken: „Wir selbst suchen aktiv virtuelle Erlebnisse, indem wir beispielsweise online gehen oder Videospiele spielen“, sagt Stewart. „Leben wir deswegen ein schreckliches Leben?“, lautet seine Frage an die Second-Livestock-Gegner (ein Wortspiel mit Secondlife, einer virtuellen Lebenswelt).

„Irgendwer wird die virtuelle Brille einführen“Eines ist für den Grenzgänger zwischen Technik und Kunst aber klar: Angesichts einer zunehmenden Fleischnachfrage muss möglichst bald eine Haltungsmethode gefunden werden, bei der die Tiere ein bestmögliches Leben führen. „Wir müssen herausfinden, wie wir Tiere im großen Stil human behandeln können“, sagt Stewart. Denn das die Menschen ihren Fleischkonsum aufgeben, glaubt er nicht.

Zu einer Diskussion darüber, was „humane Behandlung“ ist, soll Second Livestock anregen. Die Grundidee des Projekts erklärt Stewart so: „ Es handelt sich um eine Zukunftsvision, die auf dem Gedanken basiert, dass die Menschen Tiere nicht wesentlich anders behandeln sollen als sich selbst.“ Warum sollte man den Tieren also in der virtuellen Welt nicht den gleichen geschützten Freiraum anbieten, den man selbst nutzt? [nggallery id=41]

Dass er die Second-Livestock-Brille irgendwann einem Huhn aufsetzen wird, hält Stewart für „unwahrscheinlich“. Dass jemand anderes es irgendwann tut dagegen nicht.

„Ich denke, dass meine Vision einen ähnlichen Verlauf nehmen könnte wie die des leuchtenden Kaninchens, das der Künstler Eduardo Kac in den 90er-Jahren entworfen hat“, sagt Stewart. „Damals gab es darüber viele Meinungsverschiedenheiten, heute kann man in den USA im Tiergeschäft immerhin schon leuchtende Fische kaufen.“

 Viele Details sollen das Projekt echt wirken lassenObwohl Stewart viel Aufwand investiert hat, sein Projekt echt aussehen zu lassen, ist er von dessen Glaubwürdigkeit überrascht: „Ehrlich gesagt hätte ich erwartet, dass mehr Menschen den Fake durchschauen“, erklärt Steward. „Ich hatte darüber nachgedacht, ob ein Test nötig sei, um das Projekt glaubwürdig zu machen. Der Test einer experimentellen Technologie an einem Huhn schien mir jedoch ethisch verwerflich.“

Stewart hat sich bei seinem Projektentwurf daher auf theoretische Detailausführungen konzentriert: Von automatisch gesendeten Mails vom Hühnerkäfig an den Bauern ist die Rede, falls ein Huhn weniger aktiv sei als sonst. Außerdem von technischem Support durch den Produzenten und eine Software, die Endverbraucher und Hof direkt miteinander verbinde.

Um seinem Fake-Projekt den letzten Schliff zu verleihen, liefert Stewart auch einen Zukunftsausblick darauf, dass auch Hunde irgendwann Brille tragen könnten und virtuelle Abenteuer erleben, statt einsam in einer Wohnung zu winseln.

Einige Lacher bescherte Austin Stewart den Bauern, die von seinem Projekt hörten. „Als Spezialisten haben die Landwirte die Farce sofort erkannt“, sagt Stewart. „Ich habe deswegen eigentlich mit Ablehnung gerechnet.“ Es habe sich jedoch herausgestellt, dass die Bauern einen guten Sinn für Humor hätten.

Täuschend echt: Der Werbe-Film über "Second Livestock" führt so manchen in die Irrehttps://vimeo.com/95195054

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