"Virtuelles Wasser": Warum wir mehr Wasser essen, als trinken

"Virtuelles Wasser": Warum wir mehr Wasser essen, als trinken

von Sabrina Keßler

Duschen ist nicht alles: Wir zeigen, warum der Durchschnittsdeutsche 4200 Liter Wasser pro Tag verbraucht.

Umweltbewusste Menschen achten auf ihren ökologischen Fußabdruck: Sie fahren Rad statt Auto, essen Gemüse statt Fleisch und beziehen Strom aus Wind- und Sonnenenergie, statt die Atomkraft zu unterstützen. All das spart Unmengen klimaschädliches CO2.

Das ist schön und gut, aber das prominente Thema Klimaschutz droht andere Herausforderungen zu verdrängen: Zu oft wird zum Beispiel vergessen, dass wir jeden Tag nicht nur Tonnen von Treibhausgasen verursachen, sondern vor allem die Grundlage unseres Lebens verbrauchen und häufig auch verschwenden: Wasser.

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50 bis 100 Liter Wasser gelten nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO international als ausreichende Menge Wasser, um gut durch den Tag zu kommen. Viele Menschen in Afrika müssen aber mit gerade einmal 20 Litern pro Tag auskommen – eine Menge, die wir im Schnitt innerhalb von 1,5 Minuten Duschen verbrauchen. Der durchschnittliche Wasserverbrauch in Europa und den USA liegt hingegen bei 200 bis 400 Litern pro Tag. Hinzu kommen täglich aber Tausende Liter Wasser, von denen wir gar nicht ahnen, dass wir sie verbrauchen.

Wasserschlucker Jeans, Auto, Computer & Co.Das Stichwort heißt „Virtuelles Wasser“. So nämlich bezeichnen Experten jenes Wasser, das beim Anbau von Lebensmitteln oder bei der Herstellung von Produkten jeglicher Art verbraucht oder verschmutzt und damit unbrauchbar wird. Gemessen wird es mit dem sogenannten Wasser-Fußabdruck. Der gibt an, wie viel Wasser von den Einwohnern eines Landes insgesamt beansprucht wird – direkt im Land oder indirekt im Ausland.

Der interne Wasser-Fußabdruck beschreibt, wie viel heimisches Wasser Landwirte und Unternehmen beispielsweise für die Produktion von landwirtschaftlichen und industriellen Gütern aufwenden und Verbraucher in der Wohnung oder in ihren Häusern nutzen. Hinzu kommt der externe Wasser-Fußabdruck der beschreibt, wie viel Wasser für den eigenen Konsum aus anderen Ländern importiert wird.

Der weltweite Durchschnittswert für den Wasserverbrauch liegt bei 1240 Kubikmeter pro Kopf und Jahr. 86 Prozent davon machen Nahrungsmittel und landwirtschaftliche Produkte aus.

In Deutschland sind die Werte noch höher. Unser Wasser-Fußabdruck liegt laut dem Chemieunternehmen Lanxess bei 1545 Kubikmeter pro Kopf und Jahr. Umgerechnet verbrauchen wir also rund 4230 Liter Wasser pro Tag! Doch wie kommt dieser Wert zustande? Ein Blick in den Alltag verrät es:

Wo wir Wasser verbrauchenEs fängt schon nach dem Aufstehen an. Wer sich anzieht und in seine Jeans schlüpft, verbraucht bereits die ersten Liter virtuelles Wasser: Eine Hose verbraucht in der Herstellung stolze 10.800 Liter. Grund dafür ist die wasserintensive Baumwolle, die den größten Anteil des Wasser-Fußabdrucks ausmacht: rund 9350 Liter. Der Rest, rund 1650 Liter, wird für die vielen Herstellungsschritte vom Spinnen des Fadens bis zum Stonewashed-Effekt gebraucht. Zur Standardgarderobe gehört bei vielen noch ein T-Shirt, das aufgrund der Baumwolle 2.700 Liter Wasser benötigt. 85 Prozent des Wassers verbraucht hier die Herstellung der Baumwolle, die restlichen 15 Prozent verbraucht das Nähen des Shirts (Fäden, Färben, Energie für Maschinen, etc.).

Bevor es zur Arbeit geht, genießen die meisten Bundesbürger ersteinmal ihr Frühstück. Doch schon für eine einzige Tasse Kaffee fallen 140 Liter virtuelles Wasser an. Pro Tropfen Kaffee werden also 1100 Tropfen virtuelles Wasser benötigt, die hauptsächlich für das Bewässern des Kaffeestrauchs verbraucht werden. Um den weltweiten Kaffeekonsum zu stillen, sind jährlich 120 Milliarden Kubikmeter Wasser nötig, das entspricht dem gesamten Rheinabfluss von rund eineinhalb Jahren.

Wer dazu noch eine Scheibe Brot mit Käse isst, verbraucht im Schnitt zusätzlich 140 Liter virtuelles Wasser. Weizen macht rund 12 Prozent des weltweiten Wasserverbrauchs für Feldfrüchte aus und benötigt somit rund 790 Milliarden Kubikmeter Wasser. Hinzu kommt die kleine Scheibe Käse, die pro Kilogramm rund 10 Liter Milch benötigt. Die Erzeugung dieser Menge Milch benötigt wiederum 10.000 Liter virtuelles Wasser.

Nach dem Frühstück geht es mit dem Auto zur Arbeit. Auch hier – man glaubt es kaum – fallen Unmengen Wasser an. Von der Rohstoffgewinnung bis zu Endmontage – dem Einsatz von Aluminium, hochwertigen Kunststoffen und immer ausgereifterer Technik – fallen im Schnitt 400.000 Liter virtuelles Wasser pro Auto an, je nach Fahrzeuggröße und Ausstattung. Ein Fahrrad verbraucht hingegen nur 5.000 Liter virtuelles Wasser, das bei der Gewinnung von Metall und Kunststoffen entsteht.

Am Arbeitsplatz angekommen, springt der PC an. Rund 20.000 Liter Wasser "kostet" ein Computer in der Herstellung. Verursacher sind die elektronischen Komponenten, die meist aus wertvollen oder seltenen Rohstoffen bestehen und nur unter erheblichem Wasseraufwand gewonnen und verarbeitet werden. Die Herstellung eines Mikrochips beispielsweise schlägt mit 32 Litern virtuellem Wasser zu Buche. Wer nebenbei noch ein paar Blätter Papier für seine Notizen verwendet, verbraucht nochmals 10 Liter virtuelles Wasser pro Din-A4-Blatt.

Gegen 13 Uhr lockt dann das Mittagessen. Was Deftiges aus der Kantine soll es sein, möglichst mit Fleisch. Ein Rinder-Steak verbraucht knapp 5000 Liter virtuelles Wasser. Grund dafür sind die Tonnen an Futter, die jedes Rindvieh benötigt. Rund 1300 Kilogramm Kraftfutter aus Getreide und Soja, 7200 Kilogramm Raufutter aus Weidefutter und Heu und zusätzlich 24.000 Liter Wasser verbraucht ein Rind bis zur Schlachtreife.

Wer hingegen ein Schweinesteak oder Hühnerfleisch verzehrt, nutzt im Schnitt "nur" 1500 beziehungsweise 1300 Liter virtuelles Wasser. Dazu ein bisschen Obst oder Gemüse, das je nach Sorte erstaunlich wenig virtuelles Wasser beansprucht: Die Werte schwanken zwischen neun Liter Wasser pro Tomate und knapp 74 Liter für eine Stange Spargel, die besonders viel Düngemittel und Pestizide erfordert.

Nach einem anstrengenden Arbeitstag ist man schließlich froh, daheim zu sein: Beine hochlegen, Fernseher anschalten und dazu genüsslich eine Tüte Chips knabbern. Die Kartoffeln aber müssen mit hohem Aufwand bewässert werden und auch das Fett, in dem die Kartoffelscheiben butzeln, benötigt einiges an Wasser. Rechnet man noch die Rohstoffe und die Herstellung der Verpackung dazu, verbraucht eine Tüte Kartoffelflakes 180 Liter virtuelles Wasser. 

Im Laufe eines Tages kommen so schnell die 4230 Liter virtuelles Wasser zusammen, die jeder Deutsche im Schnitt verbraucht. Wichtig dabei: Wasser ist nicht gleich Wasser. Um den Wasserfußabdruck bestimmter Produkte besser beurteilen zu können – und zu sehen, wie schädlich der Wasserverbrauch tatsächlich ist - nutzen Wissenschaftler drei Kategorien: Das grüne, blaue und graue Wasser.

Die Farbpalette der WissenschaftGrünes Wasser steht den Kriterien zufolge für natürliches Regenwasser, das von Pflanzen aufgenommen wird und anschließend wieder verdunstet. Sein Verbrauch ist an sich nicht schädlich – kann aber zu Problemen führen, je nach Nutzungsart. Schließlich macht es einen Unterschied, ob man grünes Wasser für die Herstellung eigener Lebensmittel nutzt oder ob sie Futterpflanzen bewässern, die dann exportiert werden. Ähnlich schlecht ist die Nutzung für Pflanzen, die Bioenergie liefern – schließlich wächst dadurch die Flächenkonkurrenz, die Nahrungsmittel werden knapp und teuer und der Nutzungsdruck steigt.

Als blaues Wasser wird bei industriellen Produkten und im häuslichen Gebrauch die Menge an Grundwasser oder Wasser aus Flüssen und Seen bezeichnet, die zur Herstellung eines Produktes genutzt wird. Blaues Wasser wird vor allem zur Bewässerung von Pflanzen in der Landwirtschaft eingesetzt – und fehlt dadurch im natürlichen Wasserkreislauf.

Bereits 50 Prozent des weltweit verfügbaren blauen Wasser werden bereits genutzt. Tendenz steigend. Die drastischen Folgen lassen sich am Beispiel des Aralsees, dem ehemals viertgrößten Binnensee der Erde, eindrücklich beobachten: Aufgrund des wasserintensiven Anbaus von Baumwolle in dieser trockenen Region ist der See fast vollständig ausgetrocknet.

Wasserknappheit betrifft MilliardenDie schlechteste Kategorie jedoch ist graues Wasser. Graues Wasser ist die Wassermenge, die während des Herstellungsprozesses eines Produktes direkt verschmutzt wird und daher nicht mehr nutzbar ist. Aus ökologischer Sicht ist es daher zu bevorzugen, wenn ein Produkt einen hohen Anteil grünes Wasser enthält – auch wenn selbst das nicht ohne Folgen auskommt.

Zwar herrscht in Deutschland selbst keine Wasserknappheit. Aber in vielen Staaten, in denen Produkte für den deutschen Markt produziert werden, sehr wohl. Vielen Verbrauchern scheint das Ausmaß des Verbrauchs nicht bewusst, obwohl die Folgen dramatisch sind. Experten schätzen, dass Mitte dieses Jahrhunderts etwa zwei Milliarden Menschen in 48 Ländern unter Wasserknappheit leiden werden. Im ungünstigsten Fall könnten sogar bis zu sieben Milliarden Menschen betroffen sein.

Wer der Umwelt helfen möchte, sollte ab sofort also nicht nur auf seine persönliche CO2-Bilanz achten, sondern auch ein bisschen mehr auf den eigenen Umgang mit Wasser.

Wie hoch Ihr Wasserfußabdruck ist, können Sie auf der Seite des Waterfootprint-Netzwerks nachrechnen.

Auf vielfache Leseranfragen hin, haben wir die Unterscheidung von grünem, blauem und grauem Wasser im Text nachgetragen.

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