Visionäre der Nachhaltigkeit: Der grünste Banker der Welt

Visionäre der Nachhaltigkeit: Der grünste Banker der Welt

von Jan Willmroth

Pavan Sukhdev will die Erde vor Ausplünderung bewahren – gleichzeitig möchte er Wohlstand breiter streuen und ihn zukunftsfähig machen.

Im Maßanzug tritt Pavan Sukhdev ans Rednerpult. Sofort weicht in dem voll besetzten Bonner Konferenzsaal das Murmeln der Besucher gespannter Aufmerksamkeit. Sie sind gekommen, um von einem einstigen Karrierebanker zu hören, was in unserem Wirtschaftssystem falsch läuft. Und wie es besser gehen könnte, ja müsste, soll unser Planet überleben.

Sukhdev kommt schnell zum Punkt. "Im vergangenen Jahrzehnt ging alles den Bach runter, außer den Unternehmensgewinnen", erklärt er. Seit 1970 habe sich der Anteil des internationalen Handels an der globalen Wirtschaftsleistung verzehnfacht. Vor wenigen Jahren hätte der Inder - der bei der Deutschen Bank schnell ins Top-Management aufstieg - solche Zahlen noch bejubelt. Heute verbindet er sie mit einer beängstigenden Entwicklung, die er unbedingt entschärfen will.

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Im Fokus von Sukhdevs Sorge stehen die enormen Umwelt- und Sozialkosten. Besonders die großen Konzerne tadelt er für ihre Verantwortungslosigkeit: Die 3000 größten hätten allein 2010 Schäden in Höhe von 2,15 Billionen Dollar verursacht. Ihre Reparatur überließen sie jedoch weitgehend der Allgemeinheit, auch weil sie immer weniger Steuern zahlten. "Das kann so nicht weitergehen", sagt Sukhdev.

Sein Gegenmodell ist die Vision einer grünen Wirtschaft. Um für diese zu werben, reist er um die Welt und versucht, die Konzernlenker für ein Umdenken zu gewinnen. Sukhdev weiß, dass der Wandel nur mit ihnen und nicht gegen sie zu schaffen ist.

Vier Dinge legt er ihnen ans Herz: Sie sollen ihren Erfolg nicht mehr an der Höhe ihrer Umsätze messen, die Verschuldung ihrer Unternehmen begrenzen, auf aggressive Werbung für deren Produkte verzichten und die Lobbyarbeit einstellen, mit der sie politische Entscheidungen zu ihren Gunsten herbeizuführen versuchen.

Verbrauch von Ressourcen besteuernFür sein Unternehmensmodell "Corporation 2020", bei dem Wirtschaften nicht mehr zulasten von Mensch und Natur gehen soll, hat Sukhdev erste prominente Unterstützer gefunden: den ehemaligen Puma-Chef Jochen Zeitz, Unilever-Boss Paul Polman und Walmart-Erbe Rob Walton. Der hat bei der Supermarktkette ein ehrgeiziges Ziel durchgesetzt: Innerhalb von drei Jahren will sie ihren CO2-Ausstoß radikal senken - von 22 Millionen Tonnen pro Jahr auf zwei.

Zeitz hat bei Puma bereits 2010, als er noch an der Spitze des Sportartikelherstellers stand, ein ambitioniertes Nachhaltigkeitsprogramm gestartet: Bis 2015 will das Unternehmen jeweils ein Viertel CO2 ,Wasser, Abfall und Energie einsparen.

Sukhdev genügt das alles noch nicht. Er verlangt, Werbung solle informieren, nicht verführen. Er will, das die Regierungen den Verbrauch von Ressourcen exzessiv besteuern, um Anreize für einen behutsamen Umgang mit ihnen zu setzen. Er schlägt vor, Großkonzerne in kleine, stabilere Einheiten aufzuspalten. Schließlich will er die Unternehmen verpflichten, die negativen Auswirkungen ihres Handelns auf Menschen und Umwelt in ihren Bilanzen offenzulegen. Zugleich sollen sie Pläne entwickeln, mit denen sie die Effekte reduzieren können. Der Raubbau müsse ein Ende haben. "Wir haben einige Grenzen unseres Planeten bereits überschritten oder erreichen sie gerade", warnt Sukhdev eindringlich in jeder Rede.

Von Indien in die WeltDiese Einsicht reifte in dem Inder, der als einer der Wegbereiter des modernen indischen Finanzmarktes gilt, schon während seiner Zeit bei der Deutschen Bank, für die er wichtige Teile ihres Asiengeschäfts aufbaute. Im Sommer 2004 gründete er den Green Indian States Trust (GIST), eine Nichtregierungsorganisation, die sich für nachhaltiges Wachstum in Indien einsetzt. Der aggressiven Wachstumsgeschichte Chinas, auf die viele Inder neidisch blicken, stellt der studierte Physiker und Ökonom einen nachhaltigen Wachstumsbegriff gegenüber: Bei der Berechnung des Wachstums müssten auch alle negativen Effekte auftauchen, sonst ergebe sich kein wahrhaftiges Bild.

2008 gab Sukhdev seine Bankerkarriere endgültig auf und verschrieb sich ganz einem Auftrag der Vereinten Nationen: Er sollte für die UN ein System entwickeln, das es erstmals ermöglicht, den ökonomischen Wert von Wäldern, Korallenriffen und Wildtierbeständen zu ermitteln - und die Schäden, die durch ihre Nutzung entstehen. Die Beschäftigung damit habe ihm noch einmal eindringlich vor Augen geführt, wie rücksichtslos wir unseren Planeten ausplündern, sagt Sukhdev.

Abschaffen will er den Wohlstand nicht - im Gegenteil. Er will ihn breiter streuen als heute, vor allem aber zukunftsfähig machen. Und dazu, so seine Botschaft, müsse die Wirtschaft grüner werden. Schön, dass die Mächtigen der Weltwirtschaft ihm zuhören.

In diesen Tagen stellen wir bei WiWo Green nacheinander sieben Menschen vor, die ihr Leben verändert haben, um die Welt zu verbessern.

Wir erzählen, wie Yvon Chouinard Patagonia zum ungewöhnlichsten Textilhersteller der Welt machte, wie Jacques-Philippe Piverger Solarleuchten in Entwicklungsländer bringt und wie Sissy Müller mit Crowdunding der Energiewende auf die Sprünge hilft.

Außerdem haben wir den Schweizer “Klima-Kapitalisten” Renat Heuberger porträtiert und vom Kampf des Ex-Models Bibi Russell für eine faire Kleiderproduktion in Bangladesch erzählt.

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