Visionäre der Nachhaltigkeit: Ein Millionär wird Bettelmönch

Visionäre der Nachhaltigkeit: Ein Millionär wird Bettelmönch

Als Manager verkaufte Hermann Ricker Spielzeuge, doch seit einem Unfall hat er als Han Shan eine ganz andere Botschaft - Verzicht macht glücklich.

Hermann Ricker schoss mit seinem roten Jaguar durch die malaiische Nacht, als sich sein Leben für immer veränderte. Und nicht nur seines. Mit dem, was er damals erlebte, und der Lehre, die er daraus zog, beeinflusst er bis heute Managergenerationen. Seine wichtigsten Botschaften: Materieller Erfolg verhilft weder zu Weisheit noch Zufriedenheit. Und wer ein Unternehmen auf Dauer gut führen will, muss lernen, zu geben und nicht nur zu nehmen.

Ricker, damals ein höchst erfolgreicher Unternehmer, war auf dem Weg zu einem Geschäftstermin, 700 Kilometer von seinem Wohnsitz in Singapur entfernt. Mit Tempo 160 setzt er zu einem Überholmanöver an: Vor ihm fährt ein Holzlaster, der ausgerechnet in diesem Moment ins Schlingern gerät. Das Vorderrad des Lkws touchiert Rickers Sportwagen.

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Der hebt ab, überschlägt sich und bleibt rotierend auf dem Dach liegen. Kopfüber hängend im Gurt muss Ricker mit ansehen, wie sich das Blech des Daches immer weiter eingedrückt und sich seiner Schädeldecke nähert. Verzweifelt ruft er: "Stopp!" Und tatsächlich, das Fahrzeug hört auf, sich zu drehen. Durch die zerstörte Heckscheibe krabbelt der gebürtige Offenbacher nach draußen. Es ist der 2. März 1995. Und schon einige Monate später wird er nicht mehr Hermann Ricker heißen.

Die Geschichte von Meister Han Shan, wie er sich heute nennt, klingt für mitteleuropäische Ohren ungewohnt. Die Menschen in Südostasien haben ihn anfangs sogar für verrückt gehalten. Er war Chef von 1000 Mitarbeitern, Multimillionär, angesehen und beliebt. Also das, wonach viele ein Leben lang streben.

Doch nach dem Unfall gab Ricker alias Han Shan genau das auf. Er schenkte seine Firma "Hermann Technologies" den Angestellten, wurde Bettelmönch und widmete sein Leben fortan ganz den Lehren Buddhas. Auf einer abgelegenen thailändischen Insel lebte er zwei Jahre lang von dem, was ihm die Bevölkerung bei seinen Almosenrunden in den Topf legte. Seine Berufung war nun nicht mehr, gute Geschäfte zu machen, sondern Menschen aus aller Welt Meditationstechniken und den Buddhismus näherzubringen.

Manager des SpirituellenNur im Scherz nennt er sich noch "Manager" - er meint damit seine Arbeit auf dem Gebiet des Spirituellen. Han Shan hat Bücher geschrieben, hält Seminare und Vorträge in Europa und bietet in seinem Meditationszentrum Nava Disa in Thailand einen Studienort für jene, die ihr Wissen fern aller Alltagshektik vertiefen wollen. Oft sind darunter bekannte Führungskräfte. Sie wollen anonym bleiben, denn sie glauben, es schade ihrer Karriere, würde die Teilnahme bekannt. Meister Han Shan hofft, dass sich das eines Tages ändert. In seinen Augen verlassen die Teilnehmer seine Kurse als gereifte Menschen. "Sie wissen danach, richtig mit Mitarbeitern umzugehen, sind unabhängig von Lob und Tadel und nicht mehr manipulierbar."

Der 1951 in Offenbach geborene Ricker arbeitet nach Abschluss seines Studiums für den Kamerahersteller Rollei in Singapur. Bald macht er sich selbstständig. Er kauft zwei Plastikspritzgussmaschinen aus Deutschland und produziert elektrische Schalter, Kassetten und Kugelschreiber. Der ganz große Erfolg stellt sich ein, als er Anfang der Achtzigerjahre das Patent für ein Spielzeug erwirbt: Es ist die kugelförmige Variante des Zauberwürfels des ungarischen Erfinders Erno Rubik, dessen bewegliche Teile so lange gedreht werden, bis jede Seite eine einheitliche Farbe zeigt. Ricker verkauft den Magic Ball millionenfach.

Doch schon damals geht es ihm unter dem Einfluss erster Studien des Buddhismus nicht mehr darum, Geld anzuhäufen. Das Geben ist ihm wichtiger. Er spendet Geld an die Tempel der Stadt, die davon Altenheime und Krankenhäuser betreiben. "Ich wollte nicht einer dieser europäischen Manager sein, die ein Volk ausnehmen und dann wieder gehen", erinnert er sich in einem Interview.

Was ist vom Unternehmer Hermann Ricker geblieben? Vielleicht seine Fähigkeit, Leute für sich zu vereinnahmen. An Profit denkt er freilich nicht mehr.

In diesen Tagen stellen wir bei WiWo Green nacheinander sieben Menschen vor, die ihr Leben verändert haben, um die Welt zu verbessern.

Wir erzählen, wie Yvon Chouinard Patagonia zum ungewöhnlichsten Textilhersteller der Welt machte, wie Jacques-Philippe Piverger Solarleuchten in Entwicklungsländer bringt und wie Sissy Müller mit Crowdunding der Energiewende auf die Sprünge hilft.

Außerdem haben wir den Schweizer “Klima-Kapitalisten” Renat Heuberger porträtiert und vom Kampf des Ex-Models Bibi Russell für eine faire Kleiderproduktion in Bangladesch erzählt. Gestern war der Ex-Banker Pavan Sukhdev Thema, der sich für eine grüne Wirtschaft einsetzt.

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