Visionäre der Nachhaltigkeit: Vom Supermodel zur Sozialrebellin

Visionäre der Nachhaltigkeit: Vom Supermodel zur Sozialrebellin

von Dieter Dürand

Als gefeiertes Model stolzierte Bibi Russell über die Laufstege der Welt. Heute kämpft sie in Bangladesch für faire Kleidung.

Ihre Welt sind die Laufstege von Paris, Mailand und New York. Als gefeiertes Model stolziert Bibi Russell in den Achtzigerjahren mit den neuesten Kollektionen von Karl Lagerfeld, Gorgio Armani und Chanel durch das Blitzlichtgewitter der Fotografen. Sie ist in allen wichtigen Modemagazinen zu sehen - von "Cosmopolitan" bis "Vogue". In ihrer Londoner Wohnung hätte sie auch nach dem Ende ihrer Laufstegkarriere ein angenehmes Leben führen können. Doch sie entscheidet sich gegen Luxus und Zerstreuung.

Stattdessen stürzt sie sich 1994 in eine zunächst anscheinend aussichtslose Mission: Russell zieht zurück in das Land ihrer Geburt, nach Bangladesch. Hier, an den staubigen Straßen eines der ärmsten Orte dieser Welt, baut sie eine alternative Textilwirtschaft auf, die den Millionen Webern, Schneidern und Näherinnen einen Weg aus der Armut eröffnet.

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Schon Jahre vor ihrer radikalen Entscheidung steigt in ihr immer wieder diese innere Unruhe auf: Aufgewachsen als Tochter eines wohlhabenden Geschäftsmanns, verspürt sie die Pflicht, etwas gegen das Elend in ihrem Land zu unternehmen. Irgendwann konnte sie diese Unruhe nicht länger ignorieren.

In Bangladesch entwirft sie ein Gegenmodell zur vorherrschenden Billigproduktion. Russell will die üblichen Hungerlöhne bekämpfen und die katastrophalen Arbeitsbedingungen verbessern. Zuletzt kamen Ende April vergangenen Jahres mehr als 1100 Menschen beim Einsturz einer Textilfabrik ums Leben. Diese Zustände machen Russell wütend.

Ausbeutung ist kein Naturgesetz"Ich will der Welt zeigen, dass man Arme nicht ausbeuten soll", sagt sie. Noch mehr empört sie, wenn die Chefs von Modemarken wie Zara oder H&M behaupten, sie könnten die miserablen Arbeitsbedingungen wegen fehlender Gesetze und weit verbreiteter Korruption allenfalls in kleinen Schritten verbessern. "Das ist Flucht aus der Verantwortung."

Russell beweist, dass es anders geht. Seit zehn Jahren fertigt sie ihre farbenfrohen Kollektionen aus noblen Materialien unter dem Label "Bibi Productions" ausschließlich in Bangladesch. Auch Stoffe und Garne lässt sie dort herstellen, statt sie - wie die anderen Textilfabrikanten - aus China und Indien einzuführen. So verbreitert sie die Wertschöpfung vor Ort. Das schafft zusätzliche Jobs - und bewahrt die jahrhundertealte Kunst der Handweberei vor dem Untergang.

Woche für Woche reist Russell über holprige Wege quer durchs Land, um selbstständige Weber davon zu überzeugen, die alten Fertigkeiten nicht aufzugeben. Vor allem ein Stoff hat es ihr angetan: Khadi. Ein fantastisches Material, wie sie sagt, das im Sommer kühlt und im Winter wärmt. Er ist allerdings kompliziert herzustellen: Ihre Mitarbeiter müssen ihn in acht Arbeitsschritten nach einem uralten Verfahren aus Baumwolle oder Seide auf der Charka, dem traditionellen Spinnrad, weben: "Wir müssen das Potenzial dieses alten Handwerks für eine bessere Zukunft nutzen."

Das soll sich auch für ihre Handwerker lohnen. Russell bezahlt sie gut - und vor allem pünktlich. Sie sollen ihren Kindern eine ordentliche Ausbildung finanzieren können. Die inzwischen 60-Jährige trägt kastanienbraunes Haar, ihr Gesicht ziert ein modisches Brillengestell im Blumendesign, ihren linken Nasenflügel ein Piercing. Meist kleidet sie sich in knallbunte Saris - bis heute ist sie eine Mode-Ikone. Und sie ist davon überzeugt, dass es für ihren Ethno-Look made in Bangladesh weltweit einen Markt gibt. Ihre Produktpalette hat sie daher längst um Schuhe, Haarreifen, Ohrringe und Armbänder erweitert.

Tausende Jobs für HandwerkerAußergewöhnlich wie Designermode ist ihre Kollektion - und doch soll sie bezahlbar bleiben: "Ich verkaufe lieber 1000 Stücke für 80 Dollar als 100 Stücke für 1000 Dollar", sagt sie. Denn das bedeutet Arbeit für ihre Näherinnen. Ihr Ziel, das wird schnell klar, verliert sie nie aus den Augen. Ihrer Mission hat sie alles untergeordnet: Selten schläft sie mehr als drei Stunden pro Nacht und neulich stürzte sie vor Erschöpfung auf einer Flugzeug-Gangway und brach sich beide Handgelenke. Eigentlich ein Fall für die Ärzte. Doch vorerst hat Russell keine Zeit für eine Operation.

Rund 100.000 Landsleute hat sie mit ihrem Projekt bisher in vernünftig bezahlte Arbeit gebracht. Das ist ihr das Wichtigste. "Armut ist keine unheilbare Krankheit", betont sie. "Wir können sie besiegen."

In diesen Tagen stellen wir bei WiWo Green nacheinander sieben Menschen vor, die ihr Leben verändert haben, um die Welt zu verbessern.

Wir erzählen, wie Yvon Chouinard Patagonia zum ungewöhnlichsten Textilhersteller der Welt machte, wie Jacques-Philippe Piverger Solarleuchten in Entwicklungsländer bringt und wie Sissy Müller mit Crowdunding der Energiewende auf die Sprünge hilft. Außerdem haben wir den Schweizer "Klima-Kapitalisten" Renat Heuberger porträtiert.

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