Vorgeschnitten und plastikfrei: Lieferdienst für kochfaule Ökos

Vorgeschnitten und plastikfrei: Lieferdienst für kochfaule Ökos

von Jonas Gerding

Kochen ohne Gemüse-Schnippeln? Ein Berliner Lieferdienst-Startup übernimmt den lästigsten Part in der Küche - der Umwelt zuliebe.

Im Alltag muss es oft schnell gehen. Da wird nach der Arbeit oft der Imbiss um die Ecke angesteuert. Daheim muss die Ausbeute dann erst einmal mühsam aus einer Plastiktüte befreit werden: Falafel-Sandwiches, eingewickelt in Alufolie, Thai-Curry, verpackt in Styroporboxen und Sushi, aufbewahrt in Plastikdöschen.

Das ökologische Gewissen zetert. Aber was soll's. Es hat ja nicht jeder die Muße und Zeit, nach Feierabend einen Einkaufswagen durch den Supermarkt zu schieben, Kartoffeln zu schälen, Gemüse zu schnippeln und am Ende auch noch abzuspülen.

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Da setzt das Berliner Startup pack2cook an - und übernimmt den lästigen Part kurzerhand: Es kauft die frischen Zutaten ein, wiegt sie ab, schneidet sie zurecht und rührt Saucen zusammen. Schnippelfaule Großstädter können im Internet zwischen einer Auswahl an Gerichten entscheiden - und sich die fertig präparierten Zutaten liefern lassen.

Nur kochen müssen die Kunden selbst und auch das soll zeitsparend sein: In nur einem Topf zubereitet, sollen die Gerichte innerhalb von 20 Minuten servierfertig sein und könnten so nicht nur eine Option für Zuhause, sondern auch für die Kochnische im Büro sein.

Kreativer KantinenboykottTatsächlich hat die Geschichte von pack2cook mit dem Essen am Arbeitsplatz begonnen. Geschäftsführerin Julia Orbig arbeitete bis vor einem halben Jahr bei einer Fluggesellschaft in Frankfurt im Projekt-Management, war aber von der Mittagspause kulinarisch nicht überzeugt. "Das Essen in der Kantine fand ich total schrecklich", erinnert sich die 23-Jährige. Sie begann, jeden Abend ihr Essen für den Folgetag vorzukochen. Im Alter von 23 Jahren führt Julia Orbig nun ein Unternehmen (Copyright: pack2cook)[/caption]

Sie hatte die Abläufe irgendwann so perfektioniert, dass sie nie länger als 20 Minuten dafür brauchte und wollte auch Freunde und Bekannte überzeugen, es ihr gleichzutun. Aber sie fürchtete, dass sich die Ambitionen nicht so einfach auf andere übertragen ließen. "Es lohnt sich gar nicht mehr, zu kochen, glauben viele Leute, die ich kenne", sagt Orbig:

So kam ihr die Idee, ihnen mit der Gründung eines Unternehmens einen Teil des Aufwands abzunehmen. Sie zog nach Berlin und arbeitete mit zwei Kolleginnen an einem ersten Anlauf im Prenzlauer Berg. Seit Ende Juni fahren sie in einem Radius von etwa drei Kilometern ihre Koch-Pakete in dem Stadtteil aus.

Darunter sind: Linsensalat im indischen Stil, Pasta mit einer Sauce aus Walnüssen und Kräutern der Provence, eine Gemüsepfanne mit Brokkoli und Blumenkohl oder ein Snack mit verschiedenen Käsesorten und Erdbeeren, für den der Herd gar nicht erst angeschmissen werden muss.

Bis zum 10. Oktober wollen sie nun mit einer Crowdfunding-Kampagne 19.000 Euro einsammeln um ihr Startup zu professionalisieren und mehr Aufmerksamkeit auf sich zu richten.

Genuss mit gutem GewissenDamit betreten die drei Paket-Köchinnen einen umkämpften Markt: Fast Food ist längst Normalität, aber ein offenbar so ausgelutschter und verdächtiger Begriff, dass Marketingstrategen heute lieber von "Convenience Food" parlieren. Also von eben solchen bequem abgepackte Portionen, die mittlerweile auch immer mehr Supermärkte anbieten.

Keine Frage, das sind praktische Angebote. Aber wenn bei Rewe in Scheiben geschnittenes Obst ins Sortiment kommt, türmen sich gleichzeitig neue Plastikverpackungen zu Müllbergen. Nun enteckt die Startup-Szene umweltbewusste Verbraucher, die mit ihrem Take-Away-Konsum hadern, aber nicht bereit sind, sich sogleich in eifrige Slow-Food-Aktivisten zu verwandeln.

Vor wenigen Monaten haben beispielsweise die Gründer von Eco Brotbox ein bewährtes Konzept wiederbelebt: stapelbare Edelstahl-Töpfe, mit denen man sein zuvor gekochtes Essen auf die Arbeit mitnehmen kann - so, wie es Bergleute einst gemacht haben. Auch Restaurants wollen sie davon überzeugen, Gerichte zum Mitnehmen in jenen Behältern zu verkaufen.

Biologisch abbaubare BoxenAuch Orbig legt Wert darauf, dass ihr Angebot nicht nur praktisch sei, sondern auch ökologisch. "Gerade für kleinere Haushalte werden im Supermarkt Lebensmittel in viel zu großen Verpackungen angeboten", sagt die Gründerin. Oft würden dann Reste überbleiben, im Kühlschrank vergammeln und schließlich im Müll landen.

Sie und ihre Kolleginnen hingegen würden zwar ebenfalls auf Masse setzen, diese aber viel exakter kalkuliert auf mehr Menschen verteilen. Die Gerichte selbst sind vegetarisch, teilweise sogar vegan. Sie werden verpackt in biologisch abbaubaren Boxen aus Zellstoff und in Tüten und Dosen aus dem Biokunststoff PLA. Um das klimaschädliche Kohlenstoffdioxid zu sparen, transportieren sie ihre Mahlzeiten mit dem Fahrrad zu ihren Kunden.

"Natürlich ist das ein Kompromiss, der nicht zu 100 Prozent perfekt ist", sagt die junge Unternehmerin mit Blick darauf, dass das Unternehmen nicht komplett auf Verpackungen verzichtet. Auch die Portionen sind immer gleich groß - egal, wie groß der Hunger ist. Noch geben das die Verpackungen vor, die sie von einer Partnerfirma geliefert bekommen.

Außerdem sind die Produkte nicht von Bio-Erzeugern, auch wenn Orbig mit dem Gedanken einer Umstellung spielt: "Das bleibt auf jeden Fall meine Vision". Noch möchte sie sich dies jedoch offen lassen, die Reaktionen weiterer Kunden abwarten und "im Kleinen zum Umdenken anregen", wie sie es formuliert.

Ihr ist klar, dass ihr Angebot streng genommen nicht unbedingt notwendig ist. Sie selbst hat es ja geschafft, jeden Tag Abend innerhalb von nur 20 Minuten ein ausgewogenes Gericht für den Folgetag vorzubereiten. Aber sie ist pragmatisch: "Ich will die Masse erreichen und die beschäftigt sich sicherlich nicht so intensiv mit Nachhaltigkeit", sagt sie.

Ob ihr das mit Preisen von fünf, sechs Euro für vorbereitete Zutaten gelingt, die erst noch gekocht werden müssen? Bestimmt nicht überall. Aber im hippen und wohlhabenden Berliner Prenzlauer Berg stehen die Chancen wohl etwas besser. Wie auch in ausgewählten Gegenden in Hamburg und München, in denen pack2cook in Zukunft ebenfalls den lästigen Part des Kochens übernehmen möchte.

 

 

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