Wachmacher: Warum wir in 66 Jahren keinen Kaffee mehr trinken

Wachmacher: Warum wir in 66 Jahren keinen Kaffee mehr trinken

von Birk Grüling

Die Erderwärmung, Dürren und Schädlinge setzen dem Kaffeeanbau weltweit zu. Lösungen fehlen.

150 Liter Kaffe trinken wir Deutschen pro Jahr, bundesweit sind es etwa 2.315 Tassen pro Sekunde. Doch damit könnte es in nicht ganz so ferner Zukunft vorbei sein. Schuld ist die Erderwärmung.

Zu den Auswirkungen des Klimawandels auf den Kaffee finden sich im aktuellen Bericht des Weltklimarates der UN (IPCC) einige interessante, leider aber wenig optimistische Passagen (zum Beispiel hier im PDF auf Seite 23)

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Schon eine Erderwärmung um zwei Grad gefährdet demnach die weltweiten Anbaugebiete der wachmachenden Bohne. Grund dafür: Kaffeepflanzen sind äußerst sensibel. Nur im feucht-warmen Klima rund um den Äquator wächst und gedeiht der Kaffee.

Ideale Bedingungen für den Kaffeeanbau gibt es beispielsweise im ostafrikanischen Hochland. Oberhalb von 1.500 Meter ist das Klima sehr konstant und mit rund 20 Grad Celsius angenehm kühl. Steigen hier aber durch den Klimawandel die Temperaturen, beschleunigt sich der Stoffwechsel der Pflanzen und die Erntemenge sinkt. Kürzere Reifezeiten könnten auch den charakteristischen Geschmack der Bohnen beeinträchtigen.

"Steigende Temperaturen und extreme Wetterereignisse haben einen negativen Einfluss auf die Produktion. Langfristig werden die Kaffeepreise durch den Klimawandel steigen“, bestätigt auch Tim Schilling von World Coffee Research in einem Interview mit der britischen Tageszeitung Guardian.

Arabica-Kaffee ist stark bedroht Besonders bedroht ist die wohl wichtigste Kaffeepflanze überhaupt, der wilde Arabica-Kaffee. Sein Anteil an der weltweiten Kaffeeproduktion liegt bei über 70 Prozent. Schon bis 2080 könnten alle für die Edelsorte geeigneten Anbaugebiete durch die Folgen des Klimawandels verschwunden sein. Zu diesem drastischen Urteil kamen bereits 2012 britische und äthiopische Forscher.

Die Wissenschaftler analysierten verschiedene Klimaprognosen und verglichen sie mit den Verbreitungskarten des Kaffees. Das Ergebnis: Selbst bei gemäßigtem Klimawandel verschwinden 65 Prozent aller Anbaugebiete. Bei einer ungebremsten Erderwärmung von mehr als vier Grad - und auf die steuert die Menschheit gerade zu - würde der wilde Arabica-Kaffee sogar aussterben. Steigende Temperaturen sind aber nicht die einzige Gefahrenquelle.

Schädlinge profitieren von steigenden Temperaturen Für Schädlinge ist die Erderwärmung nämlich ein Segen. Sie gedeihen bei steigenden Temperaturen prächtig und werden immer mehr zum Problem.

Eine Epidemie des Blattrostpilzes zum Beispiel hat in den letzten Jahren die Kaffeeernten in Mittelamerika stark geschwächt. Der Pilz macht die Pflanzen krank. Erst fallen die Blätter ab, danach sind die empfindlichen Früchte schutzlos der Sonne ausgesetzt. Die Internationale Kaffee-Organisation (ICO) beziffert den entstandenen Schaden allein im letzten Jahr auf rund 548 Millionen US-Dollar. Eine halbe Million Menschen verloren ihren Arbeitsplatz.

Experten der Welternährungsorganisation (FAO) vermuten steigende Temperaturen als Hauptursache für die neue Dimension des Schädlingsbefalls. Ähnliche Zahlen gibt es auch aus Afrika. In Äthiopien, Uganda und Ruanda kämpfen die Bauern wiederum mit dem Kaffee-Bohnen-Bohrer (Hypothenemus hampei). Auch hier begünstigt der Klimawandel die Plage. Je wärmer die Regionen werden, desto häufiger pflanzt sich der Käfer fort. Der Schaden liegt bei 500 Millionen Dollar pro Jahr.

Kaffeeanbau ist Lebensgrundlage für Millionen Menschen Besonders problematisch ist die Situation für die Kaffeebauern. In den Anbaugebieten in Guatemala, Honduras und Nicaragua leben über zwei Millionen Menschen von der Kaffeeproduktion, weltweit sind es sogar fast 25 Millionen.

Gerade die Bauern haben kaum Chancen den Folgen des Klimawandels auszuweichen oder in kühlere Regionen zu flüchten. Die Verlagerung ist nämlich oft nur schwer möglich und hätte für die Umwelt dramatische Folgen. Schon heute ragen die Anbauflächen immer tiefer in die Regenwälder hinein.

Durch den massiven Einsatz von hochgiftigen Pestiziden und die Brandrodung ist die Biodiversität der Regionen stark gefährdet.

Grenzwerte für Pflanzenschutzmittel gibt es häufig in den Entwicklungsländern genauso wenig wie ausreichende Schutzkleidung oder Filterung des Grundwassers. Durch vom Klimawandel bedingte Schädlingsepidemien könnte sich der Einsatz von Pestiziden sogar noch erhöhen.

Wissenschaftler suchen nach neuen Sorten Kaffee-Forscher suchen deshalb nach einer „ökologischen“ Lösung des Problems. Ein Ansatz dabei: Bisher wird nur eine Handvoll der mehreren Tausend Kaffeesorten weltweit für die Produktion genutzt. Forscher versuchen nun einheimische Sorten aus Mittelamerika und Afrika zu sammeln und genauer genetisch zu identifizieren.

Geplant sind neue Zuchtprogramme und umfangreiche Feldversuche, um neue, widerstandsfähigere Sorten zu entwickeln. Einziges Problem an dieser Strategie: Sie ist sehr zeitaufwendig und der aktuelle IPCC-Bericht hat gezeigt: Der Klimawandel wartet nicht.

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