Wachstum: "Die Automobilindustrie wird an Bedeutung verlieren"

Wachstum: "Die Automobilindustrie wird an Bedeutung verlieren"

von Sebastian Matthes

Deutschland muss sich mehr für neue grüne Technologien begeistern, sagt der Chef der Böll-Stiftung, Ralf Fücks, im Interview.

Ralf Fücks ist Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, der politischen Stiftung der Grünen. Zuvor war er Bundesvorsitzender der Partei und Senator für Umwelt und Stadtentwicklung in Bremen. In seinem gerade erschienenen Buch "Intelligent wachsen - die grüne Revolution" beschreibt Fücks, wie ein nachhaltigeres Wirtschaftssystem aussehen kann.

Früher war die Wirtschaft der Feind von Grünen und Umweltschützern. Heute schreiben Sie als Grüner ein Buch über "intelligentes Wachstum". Versöhnen sich Wachstum und Umweltschutz nun doch noch?Fücks: Das hoffe ich. Zur Zeit erleben wir allerdings eher eine Renaissance der Debatte über die Grenzen des Wachstums. Klimawandel und die Dauerkrise der Finanzmärkte nähren die Zweifel an der Wachstumsökonmie. Das ist verständlich, grenzt aber an Weltflucht.

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Wieso das?Fücks: Weil wir in einer dynamisch wachsenden Weltwirtschaft leben, in der Milliarden Menschen auf dem Weg in die industrielle Moderne sind. Die globale Mittelschicht wächst rasch. Damit steigt auch die Nachfrage nach Wohnungen, Konsumgütern, Reisen, Nahrungsmitteln. Außerdem wächst die Weltbevölkerung bis Mitte des Jahrhunderts noch einmal um rund zwei Milliarden. Nicht mehr zu wachsen kann in einem solchen Umfeld nicht die Antwort sein. Wir müssen stattdessen Wachstum und Ressourcenverbrauch voneinander entkoppeln.

Das sagt sich so leicht.Fücks: Gerade die deutsche Industrie hat hier in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte gemacht. Die deutschen CO2-Emissionen sind seit 1990 um ein Viertel gesunken, in Teilen der Industrie sogar noch stärker, trotz beachtlicher Steigerung der Umsätze. Das geht vor allem auf höhere Energieeffizienz und den Aufwuchs erneuerbarer Energien zurück. Dabei stehen wir noch am Anfang einer Energierevolution, die zugleich neue ökonomische Chancen bietet.

Nun ist aber Ihre Partei nicht gerade für ihren Fortschritts- oder gar Technikoptimismus bekannt.Fücks: Bei der Energiewende haben die Grünen die Nase vorn. Aber auf vielen anderen Feldern wünschte ich meiner Partei mehr Innovationsfreude und Neugierde auf das, was in der Technologiewelt passiert.

Dann fangen wir mal an: Was fasziniert Sie in dem Feld gerade?Fücks: Quer durch alle Branchen erleben wir viele spannende Öko-Innovationen. Besonders fasziniert mich die Welt der Bionik. Hier geht es um die Entwicklung neuer Werkstoffe und Verfahren nach dem Vorbild der Natur. Spinnenseide etwa ist reißfester als Stahl und flexibler als Gummi. Mikroben sind in der Lage, Edelmetalle aus Schrott herauszulösen. Eine andere Zukunftstechnik ist die künstliche Photosynthese, also die Umwandlung von Sonnenlicht, Kohlendioxyd und Wasser in Energie. Dazu gehört auch die Verwendung von CO2 als Rohstoff in der Chemieindustrie.

Wenn Sie mit solchen Technologien kommen, stehen Sie auf Partys in Deutschland schnell allein da.Fücks: Mag sein. Den Deutschen würde in der Tat ein wenig mehr Zukunftsoptimismus gut tun. Kein blinder Fortschrittsglaube, aber eine reflektierte Kultur des Machens.

Wie wachsen wir denn nun intelligent?Fücks: In dem wir Technologien entwickeln, die der Welt helfen, den Ressourcenverbrauch zu reduzieren und auf erneuerbare Energien umzusteigen. Da ist Deutschland heute schon stark. Mit 15 Prozent Marktanteil sind wir weltweit auf dem ersten Platz bei Umwelttechnik. Zugleich steigen andere Länder wie Südkorea oder China mit aller Kraft in das Feld ein, zum Beispiel in der Solarenergie, Batterietechnik oder Elektromobilität.

Welchen Weg schlagen Sie vor?Fücks: Wir könnten die grüne Revolution in Deutschland mit einer zweiten Stufe der ökologischen Steuerreform beschleunigen, bei der wir Abgaben auf fossile Energieträger und mineralische Rohstoffe schrittweise erhöhen. Das würde Anreize schaffen, sparsamere Technologien schneller einzusetzen und Produktionskreisläufe zu optimieren. Das Ziel ist eine Ökonomie, die keine Abfälle mehr kennt.

Zunächst einmal würde es für die Bürger noch teurer.Fücks: Mit den zusätzlichen Ökosteuer-Einnahmen können wir im Gegenzug die Steuerlast der Bürger senken. Außerdem spart ein effizienter Umgang mit knappen Ressourcen Kosten. Wir können unsere Rohstoffimporte reduzieren und die Wertschöpfung im Inland erhöhen.

Aber mit grüner Industriepolitik hat es schon bei der Solarindustrie nicht geklappt.Fücks: Das war doch keine Industriepolitik. Mit dem Erneuerbare Energien-Gesetz wurde nur die Produktion von grünem Strom gefördert. Damit haben wir indirekt den Aufbau der chinesischen Solarindustrie finanziert. Zugleich haben wir versäumt, die Produktivität der deutschen Solarindustrie zu forcieren. Viele Unternehmen haben zu wenig in Innovation investiert, als es ihnen noch gut ging.

Wie sieht nach diesem Wandel unsere Industrie in 15 Jahren aus?Fücks: Die Kernindustrien wie Automobil, Maschinenbau und Chemie wird es weiter geben, wenn auch mit einem veränderten Produktportfolio. Wir werden dann in einer Welt leben, die von Wasserstoff- und Elektromobilität geprägt ist. Aber wir müssen auch anerkennen, dass die Automobilindustrie relativ an Bedeutung verlieren wird.

Durch Ihre Steuern?Fücks: Nein. Wir erleben heute schon, dass Metropolen nicht mehr in erster Linie auf das Auto als Fortbewegungsmittel setzen. Städte wie Shanghai, Singapur oder auch London entwickeln neue Verkehrskonzepte mit einer Vernetzung von Elektrofahrzeugen und einem attraktiven öffentlichen Verkehr...

... mit Seilbahnen und autonom fahrenden Schienenfahrzeugen.Fücks: Die Folge sehen wir heute schon: Der Autoverkehr in modernen Großstädten nimmt ab.

Wird Ihr grüner Wandel durch die Renaissance des fossilen Zeitalters, die wir gerade erleben, nicht überflüssig?Fücks: Im Gegenteil. Wir müssen uns ja nicht verändern, weil die fossilen Energien zur Neige gehen. Öl wird nur immer teurer und hinterlässt immer größere Umweltschäden, um an die verbliebenen Quellen zu kommen. Denken Sie nur an die gigantischen Umweltschäden durch den Abbau von Ölsand oder die Unfälle auf Offshore-Bohrinseln.

Erneuerbare sind auch teurer, wie viele gerade erst lernen.Fücks: Aber sie werden ständig billiger. Natürlich kostet so ein Wandel Geld. Aber am Ende haben wir ein Energiesystem ohne Rohstoffkosten. Im Übrigen ist Solarenergie in Südeuropa bald billiger als Kohlestrom, vom Neubau von Atomkraftwerken ganz zu schweigen.

Wo werden denn künftig die meisten Arbeitsplätze entstehen? Wo gehen die meisten verloren?Fücks: Man kann weltweit beobachten, dass der Bereich Umwelttechnik und -Dienstleistungen am schnellsten wächst. In den USA sogar viermal so schnell wie die konventionelle Wirtschaft. Der Umsatz der erneuerbaren Energien wird sich bis 2025 voraussichtlich verdoppeln. Schrumpfen werden die Sektoren, die bei dieser Umstellung nicht mitgehen. Produkte, die kein besonders hohes Wissen voraussetzen, die billig in großen Massen herzustellen sind, haben in Deutschland keine Zukunft.

 

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