Wegen Käfern: Polen rückt Europas letztem Urwald zu Leibe

Wegen Käfern: Polen rückt Europas letztem Urwald zu Leibe

von Jonas Gerding

Ein kleiner Käfer sorgt für Wirbel: Politiker wollen ihn ausrotten, Umweltschützer glauben an die Abwehrkräfte des Urwalds.

Bei so einem Namen ist Ärger nicht weit. Großer achtzähniger Fichtenborkenkäfer heißt der Forstschädling, der sich in Baumrinden einnistet, um dort Larven zu brüten. Diese greifen den schützenden Mantel des Baumes an und lassen ihn schlimmstenfalls absterben. Und nun breitet sich der Borkenkäfer in "Europas letztem Urwald" aus - zumindest wird er häufig so genannt, auch wenn er streng genommen nicht der letzte, sondern nur einer der letzten großen Urwälder ist: der Białowieża, im Osten Polens an der weißrussischen Grenze.

In jenem einzigartigen Biotop will Polens Umweltminister deshalb im großen Stil betroffene Bäume fällen lassen. Umweltschützer und Wissenschaftler sind darüber empört und gehen mit Petitionen und Protesten gegen die Pläne vor.

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Es hat sich ein hitziger Streit entfacht, der nicht nur vom kontroversen Umgang mit einem kleinen, aber mächtigen Käfer handelt. Es geht auch um die Frage, wie weit die Natur sich selbst überlassen werden kann - und wem der Wald gehören sollte: dem Staat? Förstern? Umweltschützern? Oder sogar Touristen?

Urwälder wurden in Europa schon lange vom Menschen zunichte gemacht. Der etwa 8000 Jahre alte Białowieża-Wald ist eine der letzten Ausnahmen. Auf 150000 Hektar, ungefähr der doppelten Fläche der Hansestadt Hamburgs, leben 20.000 Tierarten - darunter seltene Vögel und Säugetiere wie der Europäische Bison, der sogenannte Wisent. Insbesondere im Białowieża-Nationalpark, der 15 Prozent des Urwalds umfasst, wachsen Bäume und verbreiten sich Tiere, wie es der Laune der Natur gerade passt.

Kleiner Käfer, große WirkungDazu gehört auch, dass Totholz überall herum liegt. Um den natürlichen Urwald-Zustand zu erhalten, erteilt der Staat den Förstern strenge Auflagen über die geringe Menge Holz, die sie überhaupt fällen und vom Boden aufsammeln dürfen. Doch genau diese Regel soll nun gelockert werden - damit die befallenen Bäume, Brutstätten der Borkenkäferlarven, aus dem Verkehr gezogen werden.

"Wir handeln, um zu verhindern, dass wichtige Habitate zerstört werden und wichtige Arten verschwinden oder diesen Ort verlassen", rechtfertigt Jan Szyszko, der Umweltminister Polens den umstrittenen Schritt gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. Innerhalb eines Jahrzehnts darf nun die etwa siebenfache Menge Holz gefällt werden. Nicht davon betroffen sei die Fläche des Nationalparks, die seit 1979 zum Weltkulturerbe gehört, beteuert der Politiker.

Eine Gruppe von Umweltschützern und Wissenschaftlern lässt sich davon nicht beschwichtigen. Sie haben eine Kampagne gestartet, auf den Straßen Warschaus protestiert und eine Petition ins Netz gestellt: 134.090 Unterzeichner (Stand 31. März 2016) haben sie bereits gewinnen können für die ausgerufene Rettungsaktion des Waldes: "Dessen einzigartiges Ökosystem und ökologische Prozesse müssen vor der Zerstörung durch menschlichen Eingriff geschützt werden", heißt es in dem Aufruf.

Greenpeace unterstützt die Kampagne. Robert Cyglickli, der Vertreter der Umweltschützer in Polen sagte der Nachrichtenagentur Reuters: "Der Versuch, den Borkenkäfer mit der Kettensäge und der Axt zu bekämpfen, wird mehr schaden als nutzen".

Kettensägen oder Laissez-faire?Die Aktivisten berufen sich in der Kampagne auf wissenschaftliche Studien: Das Problem mit dem Borkenkäfer würde sich von selbst lösen, weil sich dessen Population innerhalb der nächsten Jahre durch natürliche Feinde auf ein gesundes Maß verringern würde. Und überhaupt sollte der Borkenkäfer nicht als Schädling betrachtet werden. Es sei normal, dass Bäume angegriffen werden, absterben - und daraufhin wertvollen Lebensraum für Tiere, Pilze und Mikroben bieten.

Der Käfer sei ohnehin so verbreitet, dass der Mensch mit dem Fällen von Bäumen nicht hinterher kommen würde. Man solle die Natur nur getrost in Ruhe lassen und auf die natürliche Dynamik des Jahrtausende alten Biotops vertrauen.

Die Umweltschützer sind professionell genug, um in düsteren Farben zu beschreiben, welche Gefahren die Abholzung hätte. Touristen könnten wegbleiben, Polens Regierung gegen EU-Vorschriften verstoßen. Auf dem Spiel steht der Status eines Weltkulturerbes.

Uneigennützig handelt keine der Konfliktparteien. Nicht einmal die als objektive Instanz herangezogenen Forscher. Eingriffe in das Biotop würden ihre Forschungsergebnisse beeinflussen. Denn der Wald ist ein "unübertroffenes Revier für Wissenschaftler, die das Verhalten und die Ökologie von Insekten, Vögeln und Säugern ergründen wollen“, wie es das Wissenschaftsmagazin Nature formuliert. 

Der große achtzähnige Fichtenborgenkäfer hat den Białowieża-Wald gehörig aufgemischt.

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