Weltverbesserer: Warum politisch korrektes Konsumieren nichts bringt

Weltverbesserer: Warum politisch korrektes Konsumieren nichts bringt

von Martin Roos

Eine neues Buch erteilt dem weit verbreiteten Glauben eine Absage, nur der Konsument könne die Welt retten.

Politisch gegen den Strich zu bürsten hieß in den 70er Jahren, auf die Barrikaden zu gehen, in den 80-Jahren in die Politik zu wechseln, in den 90er Jahren, alternative Stiftungen zu etablieren und in den 2000er Jahren grüne Startups zu gründen. Wer heute etwas auf sich hält und die Welt verändern möchte, konsumiert politisch korrekt.

Möglicherweise mag dieser Drang auch damit zusammenhängen, dass alle Welt heute stundenlang über Essen bloggt und kocht: das Zubereiten der Mahlzeit wird zur Ersatzreligion. Fest steht jedenfalls, dass allein 2012 die Zahl derer, die nach ethischen Kriterien Bananen, Hautcreme, Rollmops, Kartoffeln, Unterwäsche oder auch Basmatireis einkaufen, um ein Drittel angestiegen ist. Das wird sich auch im vergangenen Jahr kaum geändert haben.

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Dass dieses oberkorrekte Verhalten ganz nett, ganz bemüht, aber manchmal auch recht spießig ist und unterm Strich sogar nur wenig bringt, zeigt der Wirtschaftsjournalist Caspar Dohmen in seinem neuen Buch „Otto Moralverbraucher – vom Sinn und Unsinn engagierten Konsumierens“ (Verlag orell Füssli, Zürich 2014).

Verheerender sozialer und ökologischer Status quoSeine zentrale These: Politisch korrektes Einkaufen ist gut und schön, doch viel nutzt es nicht. Statt Produkte im Supermarkt fünf Mal auf ihre Nachhaltigkeitssiegel zu prüfen oder Waren aus Protest sogar zu boykottieren, fordert Dohmen uns auf, endlich den Allerwertesten aus dem bequemen Sofa zu heben und sich politisch wieder zu engagieren – sei es in einer Partei oder im Form des Bürgerengagements.

Zwar sei gegen grünen Strom, fairen Kaffee oder regionale Tomaten nichts einzuwenden. Doch, so fragt Dohmen, verbessern solche Aktionen wirklich die Arbeitsbedingungen in den Dritte-Welt-Fabriken, die uns unsere günstige Kleidung schneidern? Dohmen ist sich sicher: „Die große Mehrheit der Verbraucher stützt – bewusst oder unbewusst – mit ihrem Einkaufsverhalten den verheerenden sozialen und ökologischen Status quo.“

Seine Kritik richtet sich auch gegen Großunternehmen, beispielsweise den Technikriesen Apple und die umstrittenen Arbeitsbedingungen der Zulieferer.

Dohmens stellt in Laufe des Buches sechs Wahrheiten über den ökologischen Konsum zusammen:

1. Wer glaubt, er könne allein durch sein Einkaufsverhalten die Welt retten, sitzt einer Illusion auf.2. Der moralisch korrekte Konsum ist ein erster Schritt zu einer nachhaltigeren Wirtschaft sein. Mehr nicht.3. Das schöne Bild des rational entscheidenden Verbrauchers ist ein Mythos. Besser passt das Bild vom unsteten und irrational agierenden Konsumenten.4. Wer heute wirklich etwas verändern will, muss sich in die politischen Arenen begeben. Die Politik ist der entscheidende Schlüssel in einer Demokratie. Sie ist der beste Ort, um Veränderungen einzuleiten. Zum Beispiel um Regeln aufzustellen, die Unternehmen dafür haftbar machen, wenn ihre Fabriken wegen Pfusch am Bau zusammenbrechen oder wenn sie mit ihrer Produktion die Umwelt zerstören. Oder um eine Steuer auf Kohlenstoffemissionen zu erheben.5. Wer also eine gerechte und ökologischere Welt für alle anstrebt, muss in Parteien und Parlamenten mitmischen. Wer die Welt verändern will, muss sich entsprechend mit anderen zusammenschließen und politisch engagieren. Es ist an der Zeit, mehr auf Kooperation und Politik, als auf Konsum zu setzen.6. Wie „Demokratie in Aktion“ funktioniert zeigen beispielsweise Webseiten wie www.campact.de oder www.moveon.org. Die Plattformen ermöglichen es, sich mit wenig Aufwand in das politische Geschehen einzuklinken.

Wertkonservatives Plädoyer für die Macht der PolitikMit gutem Gewissen einkaufen und essen zu gehen ist in – politisch korrekt kochen sowieso. Diesen Trend aufs Korn zu nehmen und ihn als relativ sinnlos zu entlarven, ist schon frech von Dohmen. Aber auch klasse. Denn der Autor bleibt nicht beim Entlarven, sondern hat auch einen ziemlich handfesten Vorschlag: Wer sich schon empört, soll es an richtiger Stelle tun: in der Politik! Und nicht in der Küche!

Insgesamt bietet Dohmen eine gut lesbare Lektüre mit Verzicht auf abgehobenes Fachwörtergefasel. Die Thesen sind nicht plump in die Tasten gehauen, sondern anekdotisch angereichert. Gut gemacht, also.

Allerdings: Wer sich für das Thema Nachhaltigkeit einigermaßen interessiert, wird nicht nur Neues im Buch finden. Doch eine Lernstunde gibt es: Ein dermaßen überzeugtes, aber auch sinnvolles und wertkonservatives Plädoyer (geschrieben von einem Nicht-Politiker), sich wieder politisch zu engagieren, gab es vermutlich zuletzt beim Hambacher Fest (1832).

Über den Buchautor:Caspar Dohmen, Jahrgang 1967, ist Wirtschaftsjournalist. Schwerpunkte seine Arbeit sind Finanzen und Nachhaltigkeit. Nach dem Studium der Volkswirtschaft arbeitet er zuletzt als Finanz- und Wirtschaftsredakteur beim Handelsblatt und bei der Süddeutschen Zeitung. Bisher erschienen von ihm die Bücher „Let’s Make Money“ und „Good Bank“. Dohmen lebt in Köln und Berlin.

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