Weltweiter Waldverlust: Folgen für das Klima sind schlimmer als gedacht

Weltweiter Waldverlust: Folgen für das Klima sind schlimmer als gedacht

von Wolfgang Kempkens

Eine Studie warnt vor den Folgen der Waldrodung. Sogar der Weltklimarat unterschätze deren Auswirkungen.

Die Rangfolge der Bösewichte, die für den Klimawandel verantwortlich sind und die Erderwärmung antreiben, war bisher klar. Vor allem Verkehr, Industrie und Energieerzeugung machen Forscher für den Kohlendioxidausstoß verantwortlich. Erst weit dahinter kommt die Landwirtschaft, vor allem die Viehzucht. Millionen Rinder auf der ganzen Welt sind nämlich nichts anderes als lebende Biogasanlagen, die bei der Verdauung Methan produzieren – ein starkes Treibhausgas.

Erst als letzter großer Posten steht in den CO2-Bilanzen der Klimaschützer die Abholzung der Wälder. Rechnet man die Biomasse, die bei der Brandrodung verloren geht, in Kohlenstoff um, so ergibt sich ein jährlicher Verlust von rund einer Milliarde Tonnen. Das zumindest nahmen Experten bisher an. In Wirklichkeit ist der Schaden aber weitaus größer, wie Forscher des Leipziger Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) jetzt ermittelten. Ihre Untersuchung ist in der britischen Fachzeitschrift „Nature Communications“ erschienen.

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Durch Folgeschäden der Brandrodung gehen nämlich zusätzlich 200 Millionen Tonnen in Pflanzen gebundener Kohlenstoff verloren. Der verwandelt sich durch Oxidation im Laufe der Zeit in das Klimagas Kohlendioxid; ganz ähnlich wie bei fossilen Energieträgern wie Kohle, die bei der Verbrennung CO2 freisetzen. Insgesamt wird die Atmosphäre laut UFZ durch die weltweiten Rodungen mit 4,4 Milliarden Tonnen CO2 belastet, ganze 20 Prozent mehr, als bisher bekannt war.

Das überraschende Ergebnis erzielten die deutschen Wissenschaftler mit einem speziellen Waldsimulationsmodell, das sie auf die bei jeder Rodungsaktion entstehenden neuen Waldränder anwandten. In einem 100 Meter breiten Saum sind die Bäume nämlich erhöhten Belastungen ausgesetzt: Die Sonne strahlt stärker ein, die Durchschnittstemperaturen steigen und der Wind hat eine bessere Angriffsfläche.

Vor allem große Bäume sterben deshalb schnell ab oder werden entwurzelt. "Die Mortalität der Bäume nimmt zu, sodass sie nicht so viel Kohlenstoff speichern können wie gesunde Bäume im Zentrum von Wäldern", sagt UFZ-Forscher Sandro Pütz, Hauptautor der Studie.

Die Lage ist umso dramatischer, je kleiner die übrig bleibenden Waldstücke sind. Erst ab einer Restfläche von 10.000 Hektar Wald sind die Randeffekte vernachlässigbar, so die Forscher. Anhand von Satellitenbildern ermittelten sie allein im 157.000 Quadratkilometer großen brasilianischen Küstentropenwald 245.173 voneinander getrennte Waldstücke. 90 Prozent davon sind kleiner als 100 Hektar. Wegen des veränderten Mikroklimas an den Waldrändern würden jährlich im Durchschnitt rund sieben Millionen Tonnen Kohlenstoff freigesetzt. „Bezogen auf die geringe Gesamtfläche des Küstenwaldes ist das ein enormer Verlust“, konstatiert Pütz.

Der eigentliche Amazonas-Regenwald hat eine Ausdehnung von 3,1 Millionen Quadratkilometern. Er ist mittlerweile in mehr als 300.000 Fragmente zersplittert. Die Randschäden verursachen jährlich 60 Millionen Tonnen Kohlenstoffverluste. „Das ist ein vergessener Prozess im globalen Kohlenstoffkreislauf der Vegetation“, sagt Andreas Huth, von der Abteilung für Ecologic Modelling am UFZ. Selbst in den Berichten des Weltklimarats IPCC sei dieser Aspekt derzeit nicht direkt berücksichtigt.

Die Zahlen sind umso alarmierender, als die Rodungen von Regenwäldern seit 2012 wieder zunehmen, nachdem sie in den Jahren davor drastisch zurückgegangen waren. Wenn schon roden, um das Holz zu nutzen oder neue landwirtschaftliche Flächen zu erschließen, dann sollte es im Inneren von ausgedehnten Waldgebieten passieren, empfehlen die UFZ-Wissenschaftler. Dann seien die Folgeschäden für das Klima weitaus geringer.

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